Das Ende der fetten Jahre - Nachfrage nach MP3-Player schrumpft dramatisch

Das Ende der fetten Jahre - Nachfrage nach MP3-Player schrumpft dramatisch


Mobile Audio-Player, im konkreten Fall MP3-Player, haben nicht nur in den letzten Jahren für ansehnliche Umsätze gesorgt und die Unterhaltungs-Elektronik in weiten Teilen mit der IT-Welt verschmolzen, sondern vielmehr alle bislang im Musik-Business geltenden Regeln auf den Kopf gestellt. Nun aber sind die fetten Jahre offensichtlich vorbei, wie aktuelle Marktzahlen eindrucksvoll belegen. Denn längst decken andere Alleskönner die Funktionalität bestens ab.

Von Michael Holzinger (mh)
29.06.2010
Ende der 1990er Jahre begann ein nahezu beispielloser, anfänglich gebremster, danach aber jedoch fast sprichwörtlich kometenhafter Aufstieg der so genannten MP3-Player. Waren es zu Beginn eher bis dahin unbekannte Unternehmen, die sich mit ersten Produkten auf den Markt wagten, so erkannte auch so manch etablierter Hersteller aus der IT- und Unterhaltungs-Elektronik sehr früh die Zeichen der Zeit und brachte entsprechende Produkte auf den Markt.

So wurde die Erfolgsgeschichte des MP3-Players im September 1998 mit dem Rio Diamond PMP300 eingeläutet. Der kleine Player war zwar nicht der erste derartige Player, aber mit einem Verkaufspreis von US$ 199,- wohl der erste Massenmarkttaugliche mobile Player, denn er bot - aus heutiger Sicht geradezu lächerliche - 32 MByte Speicherkapazität in Form von Flash-Speicher, um Musik im MP2 sowie MP3-Format abzuspeichern. Dies reichte laut Herstellerangaben für bis zu 60 Minuten Musik. Über SmartMedia-Karten konnte die Kapazität zwar erweitert werden, diese Speichermedien waren damals allerdings überaus kostspielig, sodass viele Anwender eher auf eine hohe Kompression und somit geringe Datenraten setzten, um möglichst viele Musiktitel in den begrenzten Speicher zu pferchen.

Die daraus resultierende miserable Klangqualität sorgte dafür, dass derartige Player über Jahre, selbst als das Thema Speicherkapazität kein Problem mehr darstellte, ja teils bis heute, von so manchem anspruchsvollen Anwender nicht als ernstzunehmende Klangquelle wahrgenommen werden.

In den ersten Jahren galten MP3-Player zudem ganz klar als Produkte der IT-Industrie, sodass eher IT-affine Zeitgenossen fortan stets mit Ohrstöpseln und ihrem kleinen, aber dennoch mobilen „Musik-Speicher“ unterwegs waren.

Der tatsächliche Durchbruch gelang den mobilen Audio-Playern mit dem Einstieg von Apple im Oktober 2001. Der damals vorgestellte iPod war nicht mit Flash-Speicher, sondern einer Festplatte ausgestattet und bot somit die „gigantische“ Speicherkapazität von 5 GByte. Außerdem verstand es Apples CEO Steve Jobs perfekt, aus dem Nischenprodukt einen nie dagewesenen Hype zu machen und ein Produkt zu entwickeln, dessen Name inzwischen zum Synonym für alle derartige Geräte wurde.

Ein vergleichbares marketingtechnisches Meisterstück war zuvor lediglich dem japanischen Unterhaltungs-Elektronikkonzern Sony gelungen, deren Walkman aus den 1980ern bis heute der Inbegriff für jeden tragbaren Kassetten-Player ist.

Steve Jobs verstand es aber zudem, rund um den Apple iPod eine gesamte Infrastruktur aufzubauen, die erst in Summe für den wahren Umbruch sorgte, und zwar nicht nur im Bereich der Unterhaltungs-Elektronik, sondern eben auch im Musik-Business.

So entstand ein milliardenschwerer Markt für Zubehör aller Art, der nach wie vor besteht. Abgesehen von Taschen, Etuis und Docking-Systemen in verschiedensten Ausführungen und Preisklassen kommt heutzutage nahezu kein Produkt der Unterhaltungs-Elektronik ohne eine Schnittstelle für Apples mobile Audio-Player aus. Dies gilt bis zu Audio-Systemen in Fahrzeugen, ja selbst Fluggesellschaften werben bei potentiellen Kunden mit entsprechenden Schnittstellen in ihren Onboard-Entertainment-Systemen.

Zudem verknüpfte Apple die mobilen Audio-Player geschickt mit dem anfänglich rein als Musik-Verwaltungssoftware konzipierten Apple iTunes, das sehr rasch zur zentralen Schnittstelle für Medien aller Art erweitert wurde und - ganz wesentlich - als Eintrittstor zum virtuellen „Plattenladen“ iTunes Store diente.

Galten MP3-Player in den Anfangstagen als „Teufelszeug“, weil Datensilo für tausende illegal über Tauschbörsen bezogene Musiktitel, so legte Apple mit dem iTunes Store die Basis für das inzwischen mit großem Abstand erfolgreichste Online-Musikangebot. Apple bzw. Steve Jobs wurde aus diesem Grund zu Beginn als Retter der von Umsatzrückgängen stark gebeutelten Musik-Industrie gefeiert, jedenfalls so lange, bis der iTunes Store aus der Sicht der Bosse der großen Labels zu erfolgreich wurde und Apple auf Grund der Marktmacht eigentlich nicht mehr zu kontrollieren war. Daran konnten zahlreiche alternative Anbieter wie etwa Napster, Amazon, Musicload usw. bis heute auch nichts ändern. Doch das ist eine andere Geschichte...

Zurück zu den MP3-Playern, deren Erfolgsgeschichte im Jahr 2005 ihren absoluten Höhepunkt erreichte. Bis dahin konnten Jahr für Jahr dreistellige Zuwachsraten erzielt werden. Allein im Jahr 2005 wurden laut den nunmehr präsentierten Zahlen des European Information Technology Observatory allein in Deutschland beachtliche 8,4 Millionen Geräte für insgesamt fast 700 Millionen Euro verkauft. Zahlen, die durchaus repräsentativ für den Gesamtmarkt sind.

Kein Wunder also, dass auch andere Hersteller im Fahrwasser von Apple ihr Glück versuchten und Jahr ein, Jahr aus, stets aufs Neue angebliche „iPod-Killer“ auf den Markt brachten. Doch auch renommierten Unternehmen wie etwa Sony, die die Marke „Walkman“ auch in die Ära digitaler mobiler Audio-Player „retteten“, gelang es nicht, auch nur annähernd so erfolgreich zu sein, wie Apple mit der stetig wachsenden iPod-Familie. Gute Geschäfte mit mobilen Audio-Playern machten aber auch die meisten anderen Unternehmen...

Allerdings liegt der Höhepunkt der Nachfrage schon einige Jahre zurück. Denn seit dem Jahr 2005 sinken die verkauften Stückzahlen und auch der Umsatz Jahr für Jahr, und zwar teilweise im zweistelligen Bereich. So soll der Umsatz 2010 laut dem deutschen Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. um 21 Prozent auf 400 Millionen Euro schrumpfen. Die von der BITKOM angeführten Zahlen des European Information Technology Observatory weisen zudem für Deutschland einen Rückgang des Geräteverkaufs um 14 Prozent auf 5,7 Millionen Stück aus.

So werden in der EU dieses Jahr voraussichtlich lediglich 28,6 Millionen Geräte verkauft und somit ein Umsatz von 2,6 Milliarden erzielt. Ein erneuter Rückgang um 15 Prozent. Selbst der größte Einzelmarkt für MP3-Player Großbritannien muss einen Umsatzrückgang von 22 Prozent auf 630 Millionen Euro hinnehmen, da voraussichtlich um 20 Prozent weniger Geräte, und zwar nur noch 5,5 Millionen Stück, verkauft werden. In Frankreich werden heuer wohl nur 3,7 Millionen Stück verkauft. Ein Minus von 16 Prozent und somit ein um 17 Prozent geringerer Umsatz von nur mehr 320 Millionen Euro. In Italien sollen Umsatz- und Verkaufszahlen ebenfalls um je 11 Prozent auf 210 Millionen Euro und 3,2 Millionen Stück sinken. Lediglich Spanien kann sich diesem Abwärtstrend etwas widersetzen, wenngleich 2010 auch hier mit 170 Millionen Euro ein um 6 Prozent geringerer Umsatz mit 2,3 Millionen Stück, und somit 8 Prozent Minus bei den verkauften Playern erzielt werden wird.


Der Grund für diesen langjährigen Rückgang ist ganz klar: Durch die zunehmende Konvergenz können immer mehr Geräte Audio-Daten abspielen. Bereits jedes 08/15 Handy verfügt inzwischen über eine derartige Funktionalität und ausreichend Speicherkapazität für teils tausende Musik-Stücke. Zudem übernehmen Alles-Könner wie etwa Smartphones problemlos nicht nur die Aufgaben eines MP3-Players, sondern sind Digitalkameras, können Emails, Kontakte und Termine verwalten und dienen auch unterwegs dazu, Webseiten abzurufen und mit Freunden über Social Networks im Kontakt zu bleiben. Auch Netbooks, Tablet-PCs, eBook-Reader und natürlich die neue Produkt-Gruppe der Tablets wie etwa dem Apple iPad machen den ehemaligen „Spezialisten“ MP3-Playern schwer zu schaffen, da damit deren Funktion natürlich ebenfalls teils in deutlich besserer Qualität und vor allem mit viel mehr Möglichkeiten und höherem Komfort geboten wird.

Alle Komponenten der Unterhaltungs-Elektronik, vom Fernseher mit Netzwerk-Zugang oder USB-Schnittstelle für Speichermedien bis hin zu dedizierten Streaming-Clients sind ebenfalls in der Lage, Audio-Daten in den verschiedensten Formaten wiederzugeben. Zudem können ja hier nicht nur MP3-Player, sondern eben auch die neuen mobilen Alles-Könner problemlos eingebunden werden. Dies gilt natürlich auch für Audio- bzw. inzwischen ja wahre Multimedia-Systeme in Autos.

Einzig der Bereich des Sports sowie Outdoor-Aktivitäten insgesamt dürfte auch weiterhin den reinen MP3-Playern vorbehalten bleiben. Hier ziehen viele Anwender nach wie vor die „Spezialisten“ den „Alles-Könnern“ klar vor. Denn einerseits gibt‘s dedizierte MP3-Player viel kleiner und kompakter, zudem sind diese nicht so empfindlich und letztendlich auch deutlich günstiger. Ein etwaiger Defekt durch Wasser, Schmutz oder einen unsanften Sturz ist bei einem günstigen MP3-Player leichter zu verschmerzen, als bei einem teuren Smartphone.

Insgesamt aber dürften MP3-Player in der klassischen Form ausgedient haben und somit bald nur noch ein Teil der Geschichte sein...

Michael Holzinger



Keywords: mobile Audio-Player, iPod, Walkman, Apple, Sony, MP3

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