Der Fernseher der Zukunft ist nicht Smart, sondern ziemlich dumm

Der Fernseher der Zukunft ist nicht Smart, sondern ziemlich dumm

Verfolgt man das aktuelle buhlen der Industrie um Kunden ein wenig, so bemerkt man, dass derzeit nichts ohne „Intelligenz“ abgeht. Smart TV ist das vorherrschende Schlagwort, eine Eigenschaft, ohne die derzeit wohl kein Fernseher an die Frau oder den Mann zu bringen ist. Aber sind unsere Fernseher zukünftig wirklich lauter Wiffzacks, die einfach alles können, oder doch eher ziemlich dumme Displays, die allein auf die Darstellung von Inhalten reduziert sind?

Von Michael Holzinger (mh)
20.06.2011
Fernseher können eine recht bewegte Geschichte vorweisen. Wobei dies wohl erst für die letzten paar Jahre gilt, denn seit den frühen 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts und somit der flächendeckenden Einführung von Farb TV-Geräten war es lange, lange Jahre ziemlich ruhig in diesem Marktsegment. Klar, auch da gab es die ein oder andere Entwicklung und somit einen steten Fortschritt, aber seinerzeit galt ein Fernseher als sehr investitionssichere Anschaffung. Einen Fernseher hatte man ohne weiteres zumindest zehn Jahre, teils deutlich länger im Einsatz, ohne dass man den Bedarf verspürte, ein neues Gerät zu erwerben um nur ja nicht eine bahnbrechende Entwicklung zu versäumen.

Mit dem Wechsel hin zu LCD- und Plasma-Geräten änderte sich diese Situation aber schlagartig. Fast hat es rückblickend betrachtet den Anschein, als wurde damit eine wahre Lawine losgetreten, die immer rasanter ins Tal stürzt und alles mitreisst.

So entflammte zunächst der Wettkampf, wer denn das größte Display im Angebot habe. Eine Entwicklung, die längst ihr Ende fand, nachdem sich der Markt bei Display-Diagonalen zwischen zunächst 32 und 42, dann zwischen 42 und 50 und nunmehr irgendwo im Bereich zwischen 42, fast schon 50 und 60 Zoll eingependelt hat - Ausreißer gibt es natürlich immer. Im Zuge dieses Wettstreits fand auch das Drama rund um HD Ready und danach Full HD statt. Und wer zu den so genannten Early Adopters zählte und zu früh zuviel für das falsche Gerät investierte, der hatte unter Umständen ein sehr teures, aber sicher nicht zukunftssicheres TV-Gerät im Wohnzimmer stehen, dem etwa HDMI-Schnittstellen gänzlich fehlten, oder diese einfach den falschen, längst veralteten Standards entsprachen und somit für die Wiedergabe von HD-Inhalten etwa von Blu-ray nur bedingt geeignet waren. Dass so ganz nebenbei auch die Umstellung von analogem, terrestrischem Empfang hin zu DVB-T stattfand, führte ebenfalls zu einer gewaltigen Verwirrung und teils auch Frustration der Kunden.

Diese Desaster, die Kunden vielfach mit glatter Verweigerung quittierten, wollte die Industrie natürlich schnellstmöglich mit neuen „Innovationen“ vergessen lassen. Also wurde den Displays eine Schlankheitskur verschrieben. Immer dünner und dünner war das Credo der Industrie, die damit dem Wunsch der Kunden nach möglichst dezenten Lösungen entsprach. Denn schließlich galt es, die Displays mit großer Bilddiagonale irgendwie möglichst harmonisch ins Wohnzimmer zu integrieren. Das dabei natürlich vor allem die Klangqualität auf der Strecke blieb, die somit in keinster Weise mehr der gebotenen Bildqualität entsprach, steht auf einem anderen Blatt.

Gleichzeitig verschärfte sich der Preiskampf massiv, was den Markt noch mehr in Unruhe brachte. So rettete sich so mancher selbst über Jahrzehnte etablierter Hersteller von Großereignis zu Großereignis, sei es nun Sommer- oder Winter-Olympiade, Fussball WM usw., also klassischen Anlässen für Kunden, ein neues TV-Gerät teils unabhängig des wahren Bedarfs zu erwerben, um irgendwie die Umsätze zu halten bzw. diese wie von Analysten gefordert zu steigern. Umsätze sind jedoch bekanntlich keineswegs mit Gewinn gleichzusetzen, sodass viele Hersteller keine Zukunft mehr im TV-Geschäft sahen und ihre entsprechenden Geschäftsbereiche mit ehemaligen Konkurrenten zusammenlegten oder teils komplett einstellten oder veräußerten.

Daran konnte auch der Hype rund um 3D des letzten Jahres nichts ändern, denn diese Entwicklung wurde von den Konsumenten nur sehr zaghaft, teils gar nicht angenommen. 3D war schon allein auf Grund der fehlenden Inhalte aus Sicht der Kunden kein Grund, ein neues TV-Gerät zu erwerben. Daran konnte auch ein massiver Einsatz an Marketing-Maßnahmen nichts ändern. Inzwischen ist 3D nicht mehr als ein zusätzliches Ausstattungsmerkmal, dass Fernseher in der mittleren oder gehobenen Preisklasse einfach aufweisen müssen, nicht mehr, nicht weniger.

Nun soll ein weiteres Schlagwort für Umsätze sorgen: Smart TV. Der Fernseher soll also „intelligent“ werden, zur zentralen Schnittstelle für Inhalte, Informationen und die Kommunikation. Die in der gesamten Unterhaltungselektronik Einzug haltende Vernetzung mit der Welt der IT- und Telekommunikation macht‘s möglich.

So soll der Anwender nicht nur das laufende Fernsehprogramm empfangen und Inhalte von Blu-ray abspielen können, nein, auch Informationen rund um diese Inhalte sollen jederzeit aus dem Web abrufbar sein. Und nicht nur das, auch Informationen aus allen Bereichen - Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Sport und Lifestyle - sollen unmittelbar über das TV-Gerät abrufbar sein und natürlich stehen multimediale Inhalte, gleichgültig aus welcher Quelle ebenfalls rund um die Uhr direkt über das TV-Gerät zur Verfügung. Auch die Kommunikation mit Bekannten und Freunden soll direkt über den Fernseher erfolgen, sei es nun über Instant Messaging-Lösungen wie Skype, oder aber über Social Media-Angebote wie Facebook. Selbstverständlich bedarf es bei dieser Angebotsflut intelligenter Steuerungslösungen, wobei die Industrie hierfür auf mobile Lösungen wie Smartphones und Tablets setzt.

Und genau hier ist der Haken dieses Hypes. Denn es ist nur ein kleiner Schritt von der einfachen Steuerung hin zum Anbieten von Inhalten. Und genau diese Entwicklung ist bereits jetzt absehbar.

Wenn man schon mobile Devices wie Apples iPad, iPhone, oder auch ein Smartphone oder einen Tablet auf der Basis von Google Android einsetzt, warum soll man sich dann nur auf die Steuerung beschränken? Auch diese kleinen, mobilen Teile werden immer „intelligenter“, leistungsfähiger und vielseitiger. Warum sollten also diese Geräte nicht all die gewünschten Inhalte selbst liefern und den Fernseher lediglich als großzügig dimensioniertes, aber sonst recht dummes Display nutzen?

Die Zukunft könnte also für Fernseher recht düster aussehen, denn die eben erst erworbene „Intelligenz“ dürfte recht rasch wieder dahin sein. Dumm, statt Smart!

Einen ersten Eindruck davon, wie und vor allem von welchen Devices wir künftig Inhalte konsumieren, könnte bereits das für den Herbst 2011 angekündigte nächste größere Update von Apples iOS liefern, also dem Betriebssystem für Apples mobile Devices. Eine der wesentlichen, aber bislang noch kaum wahrgenommenen Neuerungen von iOS 5 ist nämlich die so genannte Funktion Apple AirPlay Mirroring. Dabei wird der komplette Bildschirm-Inhalt eines Apple iPad, iPhone oder iPod touch über AirPlay von Apple drahtlos auf die Settop-Box Apple TV gestreamt und somit auf dem TV-Gerät angezeigt. Die Bedienung erfolgt in gewohnter Art und Weise über das kleine mobile Device, während man die Inhalte selbst auf dem TV-Gerät betrachtet. Somit ist auch ein nahtloser Einsatz gewährleistet, gleichgültig also, ob man Inhalte unterwegs, oder eben im Wohnzimmer einsetzt. Alles passiert über das mobile Device. Wozu muss dann das Display selbst noch intelligent sein? Findet die künftige Entwicklung tatsächlich in dieser Form statt, so dürfte die zuvor beschriebene Lawine noch einige Hersteller unter sich begraben, die sich den neuen Anforderungen nicht in entsprechender Form stellen.

Allerdings... bis es soweit ist, fließt wohl noch einiges an Wasser die Donau hinab. Daher erfreuen wir uns inzwischen an all den Möglichkeiten, die uns die smarten TVs bieten. Und das ist ganz schön viel!

Michael Holzinger



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