Apple iTunes LP

Die Renaissance der LP in einer Welt der digitalen Downloads

Einer der wohl entscheidensten Gründe für den immensen Erfolg des Apple iTunes Store ist sicher, dass der Kunde hier die Möglichkeit hat, einzelne Musiktitel eines Albums gezielt zu erwerben. Dies widerstrebt aber so manchem Künstler, denn die sehen zumeist ihre Alben als Gesamtwerke. Und auch die Musikindustrie ist natürlich keineswegs glücklich, wenn sich der Kunde nur die Rosinen aus dem Kuchen pickt, den Rest aber links liegen lässt. Mit iTunes LP will Apple das klassische Album wieder aufwerten.

Von Michael Holzinger (mh)
19.11.2009
Als Apple im Jahr 2003 den sogenannten iTunes Music Store ins Leben rief, war der Grundstein für eine beachtliche Erfolgsgeschichte gelegt. Mit der Unterstützung aller führender Musik-Labels und in Folge auch von Independent-Labels, stellte Apple ein Online-Angebot zur Verfügung, das nach wie vor nicht nur eines der umfangreichsten am Markt ist, sondern zudem den nicht zu unterschätzenden Vorteil bot, Musik nicht in Form eines Albums bzw. einer gesamten CD mit einem Dutzend von Musikstücken zu erwerben, sondern wirklich nur einzelne Titel kaufen zu können.

Von Anbeginn an war dies natürlich gegen die Interessen der Musikindustrie, denn diese neue selektive Auswahlmöglichkeit des Kunden stand im kompletten Gegensatz zu bis dahin gültiger Vertriebskonzepte. Ein Hit reichte nun nicht mehr, um auch das entsprechende Album zu verkaufen, denn nunmehr konnten Kunden genau diesen einen Top-Titel separat erwerben, ohne dabei über den Preis des gesamten Albums den Rest - im wahrsten Sinne des Wortes - mit zu finanzieren.

Allerdings sahen die großen Musik-Labels zum damaligen Zeitpunkt keine andere Möglichkeit, sich aus eigener Kraft den völlig neuen Bedingungen am Markt anzupassen. Zu lange hatte man mit aller Gewalt versucht, die alten Konzepte aufrecht zu erhalten, anstatt sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Da erschien das Angebot des „kleinen“ Computer-Produzenten Apple aus Cupertino natürlich überaus verlockend.

Denn Apple galt schon damals mit der iPod-Serie als Marktführer bei mobilen Audioplayern, und hatte mit der direkten und durchaus sehr restriktiven Verknüpfung der Hardware mit der Software Apple iTunes und dem Digital Rights Management FairPlay eine Plattform geschaffen, die aus Sicht der Musikindustrie als echte Alternative zu den grassierenden illegalen Download-Angeboten galt.

Daher nahm man es hin, dass Kunden über Apples iTunes Music Store die Möglichkeit hatten, sich lediglich die Gusto-Stücke eines neuen Albums herauspicken zu können.

Einige Künstler sahen dies aber nicht so, denn ihrer Ansicht nach waren Alben Gesamtwerke, die auch als solche wahrgenommen, sprich, gekauft werden sollten. Interessanterweise vertraten diese Ansicht ausgerechnet Musiker besonders lautstark, die nicht wirklich dafür bekannt waren, echte Konzept-Alben zu produzieren. Alben also, die so konzipiert sind, dass ein Stück im Bezug zu den anderen Titeln steht und dem gesamten Werk eine Idee oder der sprichwörtliche rote Faden zugrunde liegt. Auch hier akzeptierten aber die meisten Künstler diesen Umstand, also auch jene, die wirklich einen Anlass zur Kritik hätten. Denn schlussendlich waren auch sie einfach froh, einen neuen, offensichtlich funktionierenden Vertriebsweg für ihre Werke gefunden zu haben.

Über die Jahre entwickelte sich Apples iTunes Music Store, der, zunächst um TV-Serien und Filme, jüngst um Applikationen für Apples iPhone sowie iPod touch erweitert und zum iTunes Store umbenannt wurde, zum absoluten Marktführer weltweit. Dies widerstrebte natürlich den großen Labels, die um ihre Einflussnahme fürchteten, da sie nunmehr auf Gedeih und Verderb einem Partner ausgeliefert waren, und suchten Mittel und Wege, ihren Einfluss zurückzugewinnen. Diverse Machtspielchen zwischen Apple und den verschiedenen Musik-Multis füllten über Wochen und Monate die einschlägigen Magazine, vor allem, als es darum ging, den von den Content-Anbietern geforderten und von Konsumenten verhassten Kopierschutz loszuwerden.

Diese Gelegenheit nutzte die Industrie natürlich, sich den Verzicht auf den ohnedies nicht mehr haltbaren Kopierschutz mit einigen Zugeständnissen von Seiten Apples abkaufen zu lassen. Dazu zählte nicht nur eine flexiblere Preisgestaltung im iTunes Store - bis dahin galt ein Einheitspreis für Musiktitel und Alben - sondern eben auch die Möglichkeit, künftig wieder Alben als Gesamtwerk anbieten zu können.

Zwar dauerte es einige Monate, bis diese Forderung der Industrie von Apple umgesetzt wurde, aber nunmehr dürfte ein Weg gefunden worden sein, der tatsächlich auch aus Sicht des Kunden das Konzept eines Albums als Gesamtwerk in die moderne Online-Welt überträgt. Apples Lösung nennt sich schlicht iTunes LP.

Allerdings weist das Konzept in der derzeitigen Form noch ein paar Ungereimtheiten auf und auch das verfügbare Angebot ist, nun, nennen wir es einfach überschaubar.

iTunes LP ist im Prinzip nichts anderes als eine Zugabe, die der Kunde erhält, wenn er sich für den Kauf eines kompletten Albums entscheidet. Schon bislang hatte Apple bei einigen Alben als Zugabe ein sogenanntes Digital Booklet im Angebot, sofern der Kunde sich nicht nur einzelne Lieder, sondern eben das gesamte Album kaufte. Dies war aber nicht mehr als das CD-Cover in Form einer PDF-Datei. Das neue Angebot iTunes LP geht teilweise weit darüber hinaus.

Mit iTunes LP erhält der Kunde ein grafisch aufbereitetes Angebot, das nicht nur das eben bereits erwähnte Cover-Artwork enthalten kann, sondern darüber hinaus auch weitere Inhalte wie Fotos, zusätzliche Texte und auch Videos. Zumeist bieten die derzeit verfügbaren iTunes LP-Angebote auch weitere Bonus-Tracks, wie etwa unveröffentlichte Demos oder Live-Mitschnitte.

Für die grafische Umsetzung greift Apple auf Technologien zurück, die eigentlich für die Entwicklung von Webseiten gedacht sind. Und genauso wird dem Kunden eine iTunes LP auch präsentiert. Es ist im Prinzip also ein, einer Webseite nicht unähnliches Angebot, in dem sich der Kunde durch die verschiedenen Optionen durchklickt und Musik-Stücke, Fotos und Videos abruft. Natürlich können aber nach wie vor auch einzelne Musikstücke direkt abgespielt und in Playlisten verwaltet sowie auf mobile Audioplayer, natürlich nur iPods, übertragen oder auf CD gebrannt werden.

Vor allem für den US-amerikanischen Markt führte Apple zudem iTunes Extra ein, das Gegenstück zu iTunes LP bei Filmen. Dieses Angebot gleicht im Prinzip einem DVD- oder Blu-ray Menü und umfasst ebenfalls Bonus-Inhalte wie zusätzliche Informationen, Interviews, Fotogalerien oder Trailer.

Mit dem Update auf Apple TV 3.0 können iTunes LP sowie iTunes Extra Inhalte nun auch mit Apples kleiner Settop-Box genutzt werden. Besonders hier zeigen sich natürlich die Vorteile der neuen Angebote, wenngleich man dafür z. B. bei iTunes LP natürlich das gesamte Album samt Bonus-Inhalten auf Apple TV übertragen muss.

Ausgeschlossen von iTunes LP und iTunes Extra sind derzeit alle mobilen Abspielgeräte von Apple, also nicht nur die komplette Apple iPod-Linie, sondern auch das iPhone. Derzeit ist nicht klar, wie Apple hier weiter vorgehen wird. Klar, bei Geräten wie dem Apple iPod shuffle, aber auch dem Apple iPod nano bzw. dem iPod classic mit keinem oder lediglich einem kleinen Display haben derartige Angebote ohnedies keinen Sinn. Anders würde es beim Apple iPod touch sowie dem Apple iPhone aussehen. Hier könnte man durchaus die Menüstruktur der neuen Angebote nutzen. Bislang ist dies aber nicht vorgesehen.

Vielmehr hält sich seit Jahr und Tag hartnäckig das Gerücht, Apple arbeite an einem völlig neuem Device, das geradezu prädestiniert für derartige Inhalte wäre. Und zwar einem Tablet-PC. Sieht man ein derartiges Gerät, nicht wie in der Microsoft Windows-Welt, als weiteres, reines Arbeitsgerät, sondern vielmehr als ein Device fürs Surfen im Web, als eBook-Reader und vor allem als Steuergerät für Multimedia-Systeme, so passen die neuen Angebote iTunes LP sowie iTunes Extra natürlich perfekt in dieses Konzept.

Aber, wie immer bei Apple, ein offizielles Statement gibt es hierzu natürlich nicht. Man spricht bei Apple eben nicht über künftige Produkte - aus Prinzip nicht!


Daher bleibt vorerst nur der Blick auf das bereits verfügbare Angebot. Und da präsentiert sich iTunes Extra als willkommene Zugabe, die man aber bereits von DVD sowie Blu-ray kennt, und nunmehr auch im Zusammenspiel mit Downloads zur Verfügung hat.

iTunes LP allerdings ist neu, denn derartige Möglichkeiten bieten selbst herkömmliche Distributionswege, wie etwa die CD, nicht. Es ist also durchaus ein interessanter Ansatz, die Akzeptanz der Kunden für das Konzept eines kompletten Albums auch in der Online-Welt zu fördern und diese zum Erwerb ganzer Alben zu animieren.

Natürlich sind iTunes LPs und Filme mit iTunes Extra nicht zum nach wie vor üblichen defakto Einheits-Preis erhältlich, sondern mitunter deutlich teurer als herkömmliche Alben bzw. Filme. Dafür erhält der Kunde aber tatsächlich einen Mehrwert, der diesen Aufpreis auch rechtfertigt. Allerdings ist das Angebot derzeit, wie bereits erwähnt, noch sehr klein. Dies liegt vor allem daran, dass der Aufwand für die Anbieter natürlich ungleich höher ist. Für iTunes LP oder iTunes Extra reicht es eben nicht, einfach ein paar Audiodaten bzw. die Filmdatei online zu stellen, sondern es gilt, ein optisch als auch inhaltlich interessantes Gesamtpaket zu schnüren. Die entsprechenden Werkzeuge dürfte Apple den Labels jedenfalls zur Verfügung stellen.

Michael Holzinger


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