Eugene Ruffolo

Eugene Ruffolo - Even Santa gets the Blues

Man möge es mir verzeihen, aber meinem persönlichen Empfinden nach sind typische Weihnachts-Alben vor allem eins: peinlich und entbehrlich. All zu oft fühlten sich Musiker aller Genres dazu veranlasst, ihre ganz spezielle Interpretation von weihnachtlichen Klassikern auf Tonträger zu verewigen, und nur sehr, sehr selten entstand dabei etwas wirklich neues, eigenständiges und auch über die Feiertage des ausklingenden Dezembers hinaus hörenswertes.

Von Michael Holzinger (mh)
13.12.2009

Vielleicht ist dies auch nur eine bösartige Unterstellung, aber zumeist beschleicht mich das Gefühl, dass es weniger die Intension der Künstler selbst ist oder war, die am Anfang von so manchem Weihnachts-Album stand, sondern vielmehr die ganz nüchterne Tatsache, dass hier mit nahezu keinem Aufwand rasch vergleichsweise viel Geld zu verdienen ist. Selbst wenn der Künstler also mit halbwegs Engagement und Liebe zur Sache geht, es offenbart sich dem Zuhörer zumeist sehr rasch, dass die altbekannten und bereits in unzählbaren Versionen volriegenden Weihnachts-Klassiker, von „Stille Nacht“ bis „Jingle Bells“, nur sehr selten tatsächlich ins Repertoire der Musiker und Musikerinnen passen.

Bei diesem nunmehr vorliegenden Album sieht die Sache aber völlig anders aus. Klar, auch das Label Stockfisch Records will damit Geld verdienen, aber man kann offensichtlich den „Luxus“ leisten - und leider fällt dies heutzutage scheinbar unter den Begriff Luxus - auf das Gespür und Können, auf den Antrieb der Künstler zu vertrauen. Denn der Grundstein zu diesem Album wurde bereits vor Jahren vom unvergesslichen Chris Jones gelegt, der zusammen mit Studiobetreiber und Label-Chef Günter Pauler an der Idee eines Weihnachts-Albums arbeitete. Durch den plötzlichen Tod des Ausnahmekünstlers Chris Jones wurde dem Projekt ein jähes Ende gesetzt - vorerst zumindest.

Jahre später war es der aus New York stammende Gitarrist Eugene Ruffalo, der im Rahmen eines Studio-Aufenthalts in Northeim vorschlug, dieses, über Jahre ruhende Projekt wieder aufzugreifen. So begann das Team von Stockfisch Records unter der Federführung von Eugene Ruffolo damit, weitere Stücke für dieses Weihnachts-Album der etwas anderen Art zusammen zu stellen und diese mit einer Schar außergewöhnlicher, exzellenter Musiker einzuspielen. Und davon hat die „Stockfisch-Familie“ ja ein Menge...

Eugene Ruffolo wählte für dieses Album eine Reihe eher unbekannter Titel aus, die aber perfekt in die kalte Jahreszeit, und viel wichtiger, zu den persönlichen Stilen der vortragenden Musiker passen. Dies gilt vor allem für Ruffolo selbst, denn mit seiner warmen, einfühlsamen und daher überaus einprägsamen Stimme verleiht er nahezu allen Stücken dieses Albums einen sehr intimen, sehr persönlichen Charme. Die zurück genommenen Arrangements, mit vor allem Gitarren als tragendes Element, fein angereichert mit dezenten Einsätzen von Streichern, Bläsern, Klavier und einer sich niemals in den Vordergrund drängenden Percussion unterstreichen diesen Eindruck.

Auch wenn dieses Album Eugene Ruffolo als Headliner nennt, es ist die Summe der fantastischen Musiker, die dieses Album verbindet und so einzigartig macht. Da wäre zunächst der Gitarrist Ian Melrose zu nennen, der auf nahezu allen Titeln dieses Albums zu hören ist. Auch bei einem von zwei Titel mit Chris Jones, die auf „Even Santa gets the Blues“ zu finden sind. Der zweite Titel mit Chris Jones ist auch eines der absoluten Highlights dieses Albums. Es ist die Instrumentalversion von „Stille Nacht“, die Jones gemeinsam mit dem österreichischen Gitarristen Peter Ratzenbeck einspielte, und die eine wahrlich wunderschöne Interpretation des Weihnachtslieds schlechthin darstellt. Virtuos gespielt, versprüht diese Version echte Weihnachtsstimmung, ohne Kitsch, ohne Pathos, einfach zwei Gitarren, die in perfekter Harmonie eine Stimme ergeben.

Ein weiterer Höhepunkt, wenngleich in gänzlich anderer Form, stellt „Jingle Bells“ dar. Ja, auch darauf hat man nicht verzichtet, aber die Formation Front Porch Picking sorgt dafür, dass man hier unweigerlich beginnt mit dem Fuss im Takt mitzuwippen.

Dieses Gefühl stellt sich übrigens bei etlichen Stücken auf diesem Album ein. Natürlich ist das verbindende Element der Musiker der klassische Folk-Sound, aber mit einer heftigen Brise Blues angereichert, garniert mit ein wenig Jazz und dem ein oder anderen Element eines klassischen Streicherquartetts sorgt hier für eine überaus spannende Mischung, die den ganz besonderen Zauber dieses Albums ausmacht.

Neben den bereits genannten Künstlern dürfen natürlich auch all die anderen nicht vergessen werden. Etwa Margaret Fiellin, die mit ihrer bezaubernden Stimme Eugene Ruffolo zumeist begleitet. Darüber hinaus sind Michel Kleinhans, Lutz Möller, Wojtek Bolimowski, Oskana Labach, Lucile Chaubard, Beo Brockhausen, Sven von Samson, Beata Kossoska und Martin Lillich sowie Hans-Jörg Maucksch am Bass das wahre Geheimnis, das hinter der Einzigartigkeit dieses Albums steht.

Dass das Album natürlich in erstklassiger Qualität aufgenommen, und perfekt abgemischt und gemastert wurde, muss wohl in diesem Fall nicht extra erwähnt werden. Dies garantiert allein das Logo von Stockfisch auf dem Cover und Günter Pauler als Produzent. Alle Stücke des Albums wurden von Günter Pauler in den Stockfisch Studios aufgenommen,  bis auf einen Track, den Eugene Ruffolo aus Zeitmangel in New York aufnehmen musste. Also wurde "The Christmas Song" mit Alan Zahn an den Reglern des Mischpults in den Studios Analogue Muse eingespielt. Die zwei Titel mit Chris Jones wurden bereits im Jahr 2001 in Northeim aufgenommen. Das Mastering erfolgte in gewohnter Weise bei Pauler Acoustics durch Hans-Jörg Maucksch. Einmal mehr ist er der Garant, dass diese Hybrid-SACD sowohl als Audio-CD und noch mehr als SACD erstklassig brillant, überaus dynamisch und fein klingt.


Weihnachtslieder kommen ganz gut ohne übertriebenen Kitsch mit Glöckchen und tontechnischem Zuckerguss aus, dies beweist dieses Album überaus eindrucksvoll und unterscheidet es damit wohltuend von all den anderen derartigen Produktionen. Es ist genau dieser Verzicht auf den üblichen Kitsch und eine sehr selektive Auswahl der Stücke, die perfekt zu den individuellen Stilen der vortragenden Musikern passen, die dieses Album auszeichnen. Natürlich wollte man nicht ganz auf Klassiker wie „Stille Nacht“ oder „Jingle Bells“ verzichten, interpretiert diese aber auf eine neue Art und Weise, sodass sie sich perfekt in die wohl nicht ganz so typischen Weihnachtslieder einfügen.

Für mich persönlich erfüllt dieses Album somit eines der wesentlichsten Kriterien, die ein so genanntes Weihnachts-Album auszeichnen müssen: Alle, die auf diesem Album verewigten Stücke passen zwar perfekt in die kalte Jahreszeit und sind ideal fürs Fest der Feste geeignet, aber - und das ist das wirklich wichtige - auch zu jeder anderen Zeit des Jahres ein wahrer Ohrenschmaus.

Michael Holzinger



Eugene Ruffolo
Album:Even Santa gets the Blues
Künstler:Eugene Ruffolo, Chris Jones, Peter Ratzenbeck, Ian Melrose, Front Porch Picking
Komponist:Diverse
Label:Stockfisch Records
Jahr:2009
Format:Hybrid-SACD

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