Haydn: The Complete Symphonies

Haydns Gesamtwerk ist beeindruckend. Vor allem seine nahezu 30jährige Anstellung als Kapellmeister des Fürsten Esterházy (1761-1790) erlaubte ihm unter anderem die Schaffung von 24 Opern, 14 Messen und sechs Oratorien, diverse Chorwerke, zahllose Solokonzerte und Kammermusikwerke sowie 104 Sinfonien.

Von Michael Holzinger (mh)
23.02.2009


Er etablierte dabei nicht nur die Gattung der Kammermusik, des Streichquartetts und der Sonate, vielmehr gilt er darüber hinaus als Begründer der klassischen Sinfonie. Sein gesamtes sinfonisches Werk liegt nun - zu Beginn des Haydn-Jahres - in einer Gesamteinspielung vor.

Im Mai diesen Jahres jährt sich der Todestag von Joseph Haydn zum 200. Mal. Neben zahllosen Neueinspielungen, die uns in den nächsten Monaten erwarten, durchforsteten die großen Labels, wie bei derartigen Anlässen üblich, ihre Archive und schnürten teils sehr interessante Sammelboxen.

Die von der DECCA angebotene Box wird als limitierte Sammleredition angeboten, die insgesamt 33 CDs enthält und zu einem sehr attraktiven Preis erhältlich ist. Bei der CD-Box handelt es sich allerdings nicht um eine aktuelle Einspielung. Vielmehr verlies sich die DECCA auf Material aus dem Archiv, und griff für diese Sammlung auf eine legendäre Gesamtaufnahme von Haydns komplettem sinfonischen Werk aus den 70iger Jahren zurück.

In den Jahren 1969 bis 1972 stellte sich der Dirigent und Komponist Antal Doráti die Aufgabe, das gesamte sinfonische Werk Haydns nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu erarbeiten und gemeinsam mit der Philharmonia Hungarica einzuspielen. Ein gigantisches Unterfangen, das nicht nur auf Grund der schieren Anzahl der Sinfonien beeindruckend ist.

So wählte Doráti das Philharmonia Hungarica als Orchester für sein Projekt, dessen Ehrenpräsident er war. Das Orchester formierte sich bereits im Jahr 1956 kurz nach dem gescheiterten Aufstand in Ungarn im Hotel Esplanada in Baden bei Wien. Bei den Mitgliedern des Orchesters handelte es sich um aus Ungarn geflohene Musiker.

Gründungsmitglied und erster Chefdirigent war Zoltán Rozsnyai, der ehemalige Leiter des ungarischen National Philharmonic Orchestra. In späteren Jahren verlegte das Orchester seinen Sitz nach Deutschland, wo es unter Rozsnyai und dem Ehrenpräsidenten Antal Doráti sowie der Förderung des deutschen Kanzlers Konrad Adenauer zu einem europaweit bekannten und etablierten Orchester aufstieg.

Doráti beschritt für die Aufnahmen bei der Umsetzung der Werke neue, damals durchaus unübliche Wege. Im Gegensatz zu seinerzeit gängigen Interpretationen von Haydns Sinfonien in den 50iger und 60iger Jahren wählte er einen geradezu Kammermusik-ähnlichen Ansatz mit teils sehr straffem Tempo und akzentuierter Rhythmik, und befreite die Werke nahezu vollständig von verklärender Romantik. Doráti versuchte somit eine historisch korrekte Deutung von Haydns Werk auf der Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dies ist sicher mit ein Grund dafür, dass die nunmehr auf CD vorliegende Einspielung immer noch überzeugt und zeitgemäß erscheint.

Dies gilt im übrigen auch für die Aufnahmequalität der doch vergleichsweise alten Aufnahmen aus den Jahren 1969 bis 1972. Aufgenommen wurden die Werke bis auf eine Ausnahme übrigens in der St. Bonifatius Kirche in Marl. Peter van Biene, Tryggvi Tryggvason, Kenneth Wilkinson, Martin Fouqué, John Dunkerley und Colin Moorfoot zeichneten für die über Jahre sich hinziehenden Aufnahmen verantwortlich.

Die Kollektion enthält, wie bereits erwähnt, 33 CDs, auf denen alle 104 Sinfonien zu finden sind. Vielfach wird in der Literatur angegeben, dass Haydn 108 Sinfonien komponierte. Diese Diskrepanz ergibt sich daraus, dass Haydn für die Sinfonie No. 103 ein alternatives Ende komponierte und für die Sinfonien No. 22, 53 und 63 jeweils zwei Versionen existieren. Auf der letzten CD der Kollektion wird Doráti diesem Umstand gerecht, in dem er auch diese alternativen Versionen nachreicht.

Schon mit Erscheinen der Edition auf Schallplatte überzeugte diese Kollektion nicht nur aufgrund ihrer Gesamtheit, sondern vor allem durch die neue Herangehensweise von Antal Doráti und seinem Orchester, der Philharmonia Hungarica. Eine Bemühung, die zu Beginn der 70iger Jahre mit dem Deutschen Schallplattenpreis sowie dem Grand Prix du Disque belohnt wurde.

Auch über dreißig Jahre später kann diese Kollektion überzeugen, zumal die Box von der DECCA zu einem überaus attraktiven Preis angeboten wird. Allerdings sollte man sich, zumindest beim Zusatzmaterial, nicht zuviel erhoffen. So sind die CDs in der Box lediglich in Papierhüllen zu finden, und das Begleitheft beschränkt sich mit der Auflistung der Titel, liefert aber keinerlei Hintergrundinformationen. In Anbetracht des günstigen Preises kann man darüber aber getrost hinwegsehen.

Mit der Box "Haydn: The Complete Symphonies" erhält man also eine erstklassige Gesamteinspielung des gigantischen Werks in immer noch überzeugender Qualität. Und das ganze quasi zum Schnäppchenpreis.

Michael Holzinger



Album: Haydn: The Complete Symphonies
Künstler:Philharmonia Hungarica unter Antal Doráti
Komponist:Joseph Haydn
Label:DECCA
Jahr:1969-1972
Format:Audio-CD

 


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