Die Geschichte dieses Albums begann im Sommer 1984, als Paul Simon eine Kassette mit der Aufnahme des Albums „Gumboots: Accordion Jive Hits, Volume II“ von einem Freund erhielt. Eine Aufnahme, die nach Ansicht Simon‘s irgendwie klang, wie eine alte Rock‘n‘Roll Scheibe aus den 50igern, irgendwie vertraut, und doch fremd klang und für Paul Simon derart eindrucksvoll war, dass er versuchte, mit den Musikern in Kontakt zu treten.
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Von Michael Holzinger (mh) 30.06.2010 |
Schnell war klar, dass dieses Album des Labels Gallo Records aus Südafrika stammte. Die Formation Gumboots, in einer Besetzung mit Akkordion, Bass, Schlagzeug und E-Gitarre repräsentierte eine Stilrichtung, die am südlichen Zipfel Afrikas unter „Township Jive“ oder „Mbaqanga“ bekannt war. Der damals populäre Musik-Stil in den Strassen von Soweto.
Paul Simon trat über Vermittlung seiner Plattenfirma mit einem der führenden Produzenten Südafrikas in Kontakt, der ihm gut zwei Dutzend Alben aktueller Musiker Südafrikas übersandte. Eine bunte Mischung aus traditioneller afrikanischer Musik bis zu Funk, die eine repräsentative Auswahl über die Szene Mitte der 80iger Jahre darstellte.
Im Februar 1985 reiste Paul Simon nach Johannesburg, um gemeinsam mit seinem Freund und Tontechniker Roy Halee erste Aufnahme-Sessions mit drei Bands durchzuführen, die er zuvor auf den Alben hörte.
Doch das war nur der Beginn eines ganz offensichtlich überaus kreativen Prozesses, an dessen Ende nicht nur ein in jeder Beziehung außergewöhnliches Album stand, die darauf enthaltenen Werke wurden auch auf drei verschiedenen Kontinenten in den verschiedensten Konstellationen und unter Beteiligung eigentlich völlig unterschiedlicher Musiker aufgenommen.
Für Paul Simon war die Zusammenarbeit mit Musikern anderer Kulturkreise keineswegs neu. Bereits zu Beginn seiner Karriere widmete er sich immer wieder vor allem südamerikanischer Musik. So war einer der größten Erfolge des Duos Simon & Garfunkel „El Condor Pasa“ vom Album “Bridge over troubled water“, und auch nach der Trennung von Art Garfunkel trat der Musiker aus New Jersey immer wieder mit Musikern aus Südamerika auf und gab damit seiner Begeisterung zum so genannten Weltmusik-Genre Ausdruck.
In den späten 70igern und Anfang der 1980iger war es aber relativ still geworden um Paul Simon. Seine Karriere als Musiker war nach einigen kommerziell als auch künstlerisch keineswegs erfolgreichen Alben defakto beendet. Es war das Album „Graceland“, das den Künstler wieder zurück ins Rampenlicht brachte, wenngleich der künstlerische und auch kommerzielle Erfolg mit zum Teil heftigster Kritik begleitet wurde.
Denn Mitte der 80iger Jahre regierte in Südafrika noch das Apartheit-System, das zu diesem Zeitpunkt auch international im Mittelpunkt des Interesses stand. So herrschte damals nicht nur ein Wirtschafts- als auch Kulturboykott der Vereinten Nationen, durch die Südafrika von sämtlichen internationalen Events ausgeschlossen war. Nach Ansicht der Kritiker und auch etlicher Bürgerrechtsaktivisten verstieß Paul Simon mit seiner Arbeit an dem Album „Graceland“ in Südafrika gegen diese Resolutionen. Selbst in Südafrika war sein Engagement heftigst umstritten.
Allerdings verkannten die Kritiker damals völlig die Tatsache, dass Paul Simon genau die Menschen in den Mittelpunkt stellte, die unter der Apartheit litten. Dadurch, dass Simon schwarzen Musikern eine internationale Bühne schuf, wurde die gesamte Tragödie des Systems in Südafrika ganz anders wahrgenommen. Rückblickend kann man sogar sagen, dass Paul Simons Album „Graceland“ einigen daran beteiligten afrikanischen Musikern zum Durchbruch verhalf und eine internationale Karriere ermöglichte. Als Beispiel sei nur der aus Senegal stammende Sänger und Komponist Youssou N’Dour angeführt, der auf „Graceland“ zusammen mit seiner damaligen Band an dem Stück „Diamonds on the soles of her shoes“ mitwirkte. Auch Ladysmith Black Mambazo und Stimela sind auf „Graceland“ zu hören, die ebenfalls vor allem durch dieses Album auch international bekannt wurden. Sieht man sich die Liste der Musiker an, so stechen außerdem Los Lobos, The Everly Brothers und Linda Ronstadt hervor.
Zugegeben, auch Paul Simon hat all der Trubel rund um das Album rückblickend nicht geschadet. Als Musiker war er wieder zurück „im Geschäft“ und zählte mehr als zuvor als internationaler Top-Star und gewann mit „Graceland“ zudem einen Grammy.
Bei all dem damaligen Trubel und der Aufregung über das Album wurde fast auf den wesentlichsten Punkt vergessen, und zwar die herausragende Qualität dieses Albums, dessen ganz spezieller Zauber sich vor allem durch die nahtlose Vermischung der verschiedensten Stile ergibt. Denn im Gegensatz zu so manch anderem ähnlich ausgerichtetem Projekt, das im Fahrwasser von Graceland und in dem damit einsetzenden World-Music Hype entstand, setzte Paul Simon ganz bewusst nicht auf allzuviel Ethno-Touch, sondern verwob die verschiedensten Stile ganz natürlich, als könnte es gar nicht anders gehen, zu einem neuen, homogenem Ganzen. Schon allein die unglaubliche Bandbreite der afrikanischen Musiker ist erstaunlich, fügt sich aber nahtlos in den Folk-Sound von Paul Simon ein.
Der bunten Mischung entsprechend entstand das Album, wie bereits einleitend erwähnt, auf drei Kontinenten. So wurde „Graceland“ nicht nur in Südafrika, hier überwiegend in Johannesburg aufgenommen, sondern zudem in den USA und zwar in Los Angeles, New York und teils sogar in Großbritannien, in den Abbey Road Studios in London.
Paul Simon meinte einst in einem Interview, er liebe es, Geschichten zu erzählen, so wie sie jeder Tag ein, Tag aus erlebt. Daher würden seine Songs zumeist ganz banal beginnen, so nach dem Schema „Kommt ein Typ ins Lokal...“ oder „The man walks down the street...“ wie bei „You can call me Al“ Und tatsächlich finden sich derartige Ansätze auch in vielerlei weiteren Varianten auf „Graceland“ Wie etwa „I‘m having this discussion in a taxi in Downtown...“ beim Song „Gumboots“
Doch all diese, zum Teil auf den ersten Blick tatsächlich banalen Geschichten entpuppen sich bald als überaus tiefsinnige Gedankenspiele und Bilder. Diese spinnt Paul Simon mit überaus feiner Feder und entpuppt sich einmal mehr als wahrer Meister feiner Textzeilen, der es eben nicht nur versteht, wunderschöne Melodien zu erschaffen, sondern diese zusätzlich mit überaus berührenden und einfühlsamen Lyrics begleitet. Wie etwa beim, dem Album namensgebenden zweiten Titel „Graceland“ Hier findet sich im Refrain die Passage „And I see losing loveI is like a window in your heart. Everybody sees you're blown apart. Everybody sees the wind blow...“ Dann sind da Wortspiele wie „Diamonds on the soles of her shoes...“, ein Titel, der schon viel über den Inhalt des Songs verrät.
Aber auch andere Songs des Albums verdienen es, sehr genau auf die Texte zu hören, wie etwa „Under african skys“. Poetische Textzeilen, die schon für sich allein, gänzlich ohne Musik als Lyrik begeistern können, von den sanften Melodien aber geradezu geadelt werden.
Überhaupt ist dieses Album eine wahre Freude für die ganz besonders feinen Ohren, die sich an immer neuen Details erfreuen können. Denn sie werden hier reichlich gefordert. Paul Simon und der großen Schar an Musikern gelang es auf Graceland, wunderbar vertrackte Arrangements zu erstellen, die in Summe aber dennoch stets flott dahin treibende Songs ergeben, die augenscheinlich alles andere als komplex oder kompliziert erscheinen. Erst beim genaueren Hinhören offenbaren sich zahllose Details, blitzen einzelne Instrumente, einzelne Riffs und Klänge hervor. Allerdings ist es nicht immer einfach, diese auch tatsächlich zu entdecken. Allzuleicht lässt man sich dazu verleiten, sich eine der zahllosen ineinander verwobenen Melodielinien herauszupicken, und dieser zu folgen.
Dies ist der Verdienst wirklich herausragender Musiker, die sich aber nicht etwa durch einzelne Solo-Parts in den Mittelpunkt stellen, sondern ihre virtuose Leistung ganz in den Dienst des Gesamtwerks stellen und ihre teils einfach genialen Riffs, Licks und Fills perfekt in die Arrangements integrieren. Es würde viel zu weit führen, all die Musiker, die eine Erwähnung verdienen würden, einzeln anzuführen, denn gleichgültig, ob die quirlig, verspielt antreibende Rhythmus-Sektion, die stets akkurat und mit ebenfalls viel Spielfreude agierenden Bläser sowie die zumeist funkig, fetzigen Gitarren tragen in Summe die Stücke, die einfach smooth dahinfließen und unweigerlich dafür sorgen, dass zumindest der Fuss mitwippt, in den meisten Fällen aber der ganze Körper irgendwie dem Takt folgt. Das ganze wird angereichert durch die typisch weiche, angenehme Stimme von Paul Simon sowie etlichen sehr typisch afrikanischen weiteren Vokal-Tracks.
Das wohl am meisten mit Afrika zu assoziierende Stück ist „Homeless“, und somit ausgerechnet jener Titel, der weit Weg in London aufgenommen wurde. Ein reines Vokal-Stück, das Paul Simon gemeinsam mit Joseph Shabalala schrieb und mit dessen Formation Ladysmith Black Mambazo aufnahm. Und zwar Simon die englischen Texte, Shabalala und seine Gruppe ebenfalls teils in Englisch, aber zumeist in Zulu.
Besonders beeindruckend sind zudem nahezu bei allen Titel die Basslinien geraten. Es ist beeindruckend, wie ein einziges Instrument so herausstechen kann, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Zudem ist es schier unglaublich, was Baghiti Kbumalu mit seinem Bass auf Titeln wie „The boy in the bubble“, „Graceland“, „I know what I know“, aber vor allem bei dem wohl bekanntesten Titel des Albums „You can call me Al“ vollbringt. Er sorgt dafür, dass „Graceland“ nahezu als Lehrstück für alle angehenden Virtuosen am E-Bass dienen kann. Und wer sich nach „You can call me Al“ die Frage stellt: „Wie verdammt noch mal hat der Junge dieses Bass-Solo gespielt?“, der sei beruhigt, trotz aller Genialität hat hier die Studiotechnik ein wenig mitgeholfen. Das kurze Solo wurde einfach kopiert, und verkehrt rum abgespielt als zweiter Teil angefügt. Alles andere aber ist „handgemacht“, was Kbumalu auch im Rahmen eines Live-Konzerts mit Paul Simon in Südafrika auf eindrucksvolle Art und Weise beweisen konnte.
Ganz besonders gelungen ist eine japanische sowie US-amerikanische Version des Albums, die je nach Herkunftsland als Paul Simon Graceland Vinyl Replica bzw. Paul Simon Graceland Authentic Original LP Packaging
geführt wird. Diese Versionen enthalten nicht nur eine Miniatur-Ausführung des Original-Inleys mit allen Song-Texten, sondern zudem ein Booklet mit ausführlichen Erläuterungen rund um die Entstehungsgeschichte des Albums. Zudem sind auf diesen Versionen, ebenso wie der Paul Simon Graceland Remastered
drei Bonus-Tracks zu finden. Diese sind leider auf der vereinzelt noch erhältlichen Schallplatte
natürlich nicht enthalten.

| Album: | Graceland |
| Künstler: | Paul Simon |
| Komponist: | Paul Simon, Diverse |
| Label: | Warner |
| Jahr: | 1986 |
| Format: | Audio CD, Vinyl |
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