Amanda McBroom „Chanson“

Es gibt zeitlose Künstler! Künstler, wie etwa Amanda McBroom. Einige meinen zwar gerade in ihrem Fall, es wäre die Definition für Langeweile und fehlende Tiefgründigkeit. Ich meine, man sollte ihre Werke, und dieses Album im speziellen, einer genaueren Prüfung und einem zweiten Blick unterziehen. Ein bedeutendes Argument dafür könnte schon der Komponist dieser Lieder – Jacques Brel - darstellen.

Von Jürgen Weber-Rom (jwr)
20.02.2012

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Ein weiteres ganz entscheidendes Argument aus Meiner Sicht ist aber wohl zweifellos die unfassbare Stimmakrobatik, die Amanda McBroom auszeichnet und die den Zuhörer mal in einer Ode an das Flandernland schwelgen lässt, und dann wieder wie in einem Karussell umher wirbelt. Zeitlos bedeutet dann auch immerwährend.

Diese zwölf Titel des Albums „Chanson“ kann man drehen und wenden wie man will. Selbst Menschen, denen solcher Art zeitlose Werke weniger gefallen, können bei dem einen oder anderen Titel hängen bleiben. Ich muss gestehen, mir geht es so, dies sei gleich zu Beginn verraten. Zwei Titel liegen mir besonders am Herzen. Einer davon „Marike“, und der andere „Carousel“. Was aber nicht bedeuten soll, dass die restlichen Lieder abfallen. Nein, jedes einzelne Lied ist mit unglaublicher Hingabe und Authentizität gesungen und sehr einfühlend interpretiert. Amanda versteht es auch mit dem Lied „My death“ und „Ca Va“ ein düsteres Bild zu zeichnen, und so den Zuhörer in depressive Welten zu entführen, oder gar den Teufel zwischen die Lautsprecher zu stellen.

Ich möchte zu aller erst aber ein paar Worte über die Sängerin selbst anführen.

Die Karriere der begnadeten Sängerin Amanda McBroom begann 1980 auf den legendären MGM Bühnen. Den Bühnen, auf denen schon Fred Astaire und Ginger Rogers ihre Lieder aufnahmen. Wer Alben von Amanda McBroom kennt, kommt nicht umhin die Reinheit ihrer Mezzo Sopran Stimme und die besondere emotionale Tiefe ihrer Werke zu würdigen. Ihr Schaffen war zudem von Beginn an mit audiophilen Aufnahmen von sehr hoher Qualität verbunden. Das prestigeträchtige audiophile Label „Sheffield Records“ war bekannt für das „Direkt from the Masters“ Aufnahmeverfahren. Das Album „Growing up in Hollywood Town“, eine Kooperation mit Lincoln Mayorg,a wurde auch als neuer Standard für Vinyl-Produktionen und HiFi-Stereo Wiedergabe insgesamt definiert. Es wurde als audiophile Produktion weltweit anerkannt, und fand Einzug in viele Wohnzimmer, aber natürlich auch in so manches HiFi-Studio. Bereits auf diesem Album findet sich auch ihr wohl bekanntester Hit „The rose“. Im Jahr 1981 erschien unter demselben Label das bekanntere Album „West of Oz“.

Ab 1985 fanden Amanda McBroom und Garry George zu einer produktiven Partnerschaft in dem gemeinsamen, ebenfalls der audiophilen Wiedergabe verschriebenen, Label „Gecko Records“ zusammen. Es folge das Album „Dreaming“ im Jahr 1986. Unter der Schirmherrschaft des US-amerikanischen Zubehör-Herstellers Monster Cable Products Inc. trat sie auf der CES, welches für „Consumer Elektronic Show“ steht, in Las Vegas, Nevada im Jahr 1987 auf. Ein Auftritt, der ihr Lied „Dreaming“ rund um die Welt trug. Unter dem Label „Gecko Records“ wurden weitere erfolgreiche Alben veröffentlicht. So folgten „Midnight Matinee“ im Jahr 1992, über welches unser Chefredakteur Michael Holzinger bereits im Jahr 2009 berichtete, „A waiting Heart“ 1997, gefolgt von einem Best of Album „Portaits“ im Jahr 1999.

Die Musik ist aber nicht die einzige Passion. Vielen wird nicht bekannt sein, dass Amanda McBroom auch am ehrwürdigen Broadway wirkte. Für die Produktion „Jacques Brel is alive and well and living in Paris“ wurde Amanda verpflichtet und gastierte in vielen US-amerikanischen und europäischen Hauptstädten. So folgten etliche weitere Theater- und Musical Produktionen wie „Seesaw“ als Broadway Produktion und „Sweeney Todd, a little Night Music“ sowie „Mame“. Produktionen, welche auch Inspiration für ihre Alben darstellten. Das Musical „Heartbeats“ debütierte 1989 in Los Angeles und wurde in mehr als 15 Theatern in den Vereinigten Staaten aufgeführt. Ihr letztes Musical „A Woman of will“, welches 2005 debütierte, ist als CD erhältlich.

Darüber hinaus war sie auch als Schauspielerin in etlichen Gastrollen für TV Serien zu sehen, unter anderem in „Star Trek, the next generation“, “Starsky and Hutch”, “Charlies Angel” und “Remington Steel”, um nur die bekanntesten zu nennen.

Nun, mit viel Freude höre ich wieder einmal diesem Album zu, wenn auch meine PC Lautsprecher nur ihre Texte vermitteln, jedoch nicht die exzellente Aufnahmequalität. Aber dazu später etwas mehr. Das Album „Chanson“ ist eine Hommage an den bereits im Oktober 1978 verstorbenen belgischen Künstler Jacques Romain Georges Brel. Jacques Brel war ein bedeutender Chansonnier und Schauspieler, der meistens Französisch, aber auch bisweilen in seiner zweiten Muttersprache Flämisch sang.

Was Amanda McBroom hier geschaffen hat, ist Legende, und in meinen Augen eine der besten Brel Einspielungen überhaupt. Sie versteht es mit ihrer warm timbrierten Stimme die Werke Jacques Brels auf unnachahmliche Weise zu interpretieren. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Instrumentierung schlicht gewählt ist, und der Stimme ausreichend Raum lässt, sich zu entfalten und diese unvergleichliche Farbigkeit und bisweilen brutale Kraft darzustellen. Das Album beinhaltet zwölf melancholische und manchmal düstere Songs. Die Titel „Ca Va“ und „My death“ sind, wie bereits einleitend erwähnt, wohl nicht geeignet für deprimierte Stimmungslagen. So können diese durchaus als Soundtracks für die täglichen Schlagzeilen dienen. Wirtschaftskrise und Konflikte um Menschenrechte. Besonders Michele Brourman versteht es, Amanda mit dem Klavier kunstvoll zu umrahmen. Stephan Oberhoff ergänzt mit einem dezenten Spiel seiner Ukulele und Mandoline, wie auch am Akkordeon.

„Ne me quitte pas“ nimmt das Bedrohliche der vorherigen beiden Titel. Dennoch lässt Amanda nicht zu, dass sich die Stimmung bessert. Das Lied „Verlass mich nicht“, oder auf Flämisch „Laat me niet alleen“ – ist eine Ode an eine hoffnungslos verlorene Liebe. Brel schrieb es 1959. Amandas zerbrechliche und traurig leidende Stimme wird von einer akustischen Gitarre, gespielt von Paul Viapiano, dezent umrahmt. Das Stück lebt ungemein von der grandiosen Stimme, welche gegen Schluss scheinbar zerbricht und Tränen durchzogen schmachtet.

Meine favorisierten Titel auf diesem Album sind, dies hab ich ja bereits verraten, „Marike“, eine traurige Liebeserklärung an das Heimatland Jacques Brels - Flandern - und das unfassbare Varieté-Lied „Carousel“. Mit dem Stück „Marike“ setzt sich Amanda McBroom ein Denkmal. Es hat einen sehr speziellen Charme wenn eine US-Amerikanerin plattdeutsch singt. Die Wechsel zwischen den Sprachen gelingen ihr bruchlos und verleihen dieser schönen Ode die unverwechselbare Sprödheit. Dezent und doch tragend umrahmt das Arrangement Amandas Stimme. Eine gewisse Art Unbeschwertheit und und gleichzeitig fast Verrücktheit kehrt mit „Carousel“ zurück. Was mit einer charmanten Einleitung und dezenter instrumentaler Begleitung beginnt, führt den Zuhörer immer mehr in eine surreale Welt. Es ist schlicht unfassbar, wie gewaltig Amanda nicht nur das Karussell drehen lässt, sondern auch stetig an der Geschwindigkeitsschraube dreht. Das ist wahre Stimmakrobatik. Sie bewegt sich gekonnt und absolut souverän einen gefühlten Millimeter unterhalb dem Aufbrechen der Stimme und schmettert doch mit unwahrscheinlicher Treffsicherheit jede einzelne Silbe in einer unglaublichen Lautstärke und Geschwindigkeit. Da verblassen so manche Pop-Sternchen zu drittklassigen Backround-Sängerinnen.

Ein weiteres Kompliment muss man dem Aufnahmeleiter und Produzenten Stephan Oberhoff und Michele Brourman und dem Verantwortlichen für die Vocal-Recordings Bruce Botnick aussprechen. Das gesamte Album kann als Anleitung für eine exzellente Aufnahme gelten, denn es ist schlicht perfekt aufgenommen.

Zu keiner Spielminute kommt auch nur ansatzweise der Verdacht auf, ein Detail schiene nicht gelungen zu sein. Ein Instrument stünde am falschen Platz, oder wäre in seiner Lautstärke falsch eingespielt. Hier bekommt das Wort Raumklang eine sehr spezielle Bedeutung. Auch wurde auf die sogenannten audiophilen Tugenden geachtet, als ob es nicht nur ein Randgruppen-Attribut wäre, sondern das natürlichste auf der Welt, auf rein akustischer Ebene den Aufnahmeraum nachzuzeichnen, und als wertvolles Beiwerk der CD mitzugeben. Es wirkt schon fast gespenstisch, wie fragil und authentisch Amanda das Lied „Ne me qitte pas“ singt, oder eben das „Carousel“ schmettert, und dabei das Instrumentarium felsenfest im Wohnzimmer aufspielt.

Und ja, das Album ist alles andere als Hitparaden-kompatibel. Es erschließt sich einem nicht sofort. Vielleicht sogar erst nach Wochen, sofern man die Geduld dazu hat. Aber wenn mal der Bann gebrochen ist, kann Amanda McBroom so unfassbar viel Stimmung verbreiten, und dabei so manchen Zuhörer an die Grenzen führen. Auch wenn manche Zuhörer zu der Ansicht gelangen könnten, sie sänge zu emphatisch und theatralisch, so finde ich, macht genau dieser Umstand und ihr sicherer Mezzo diesen speziellen Zauber aus.

Und, auch diese Anmerkung sei mir gestattet, es ist der Beweis dafür, dass das man den Typus „Referenz-Aufnahme“ oder „audiophile Aufnahme“ sehr wohl mit künstlerischen Inhalten füllen kann.

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