Ane Brun "It all starts with one"

Elektrisiert von meinen bisherigen „Erlebnissen“ mit dieser einfühlsamen Stimme aus Norwegen konnte ich nicht umhin, ihre neueste Veröffentlichung näher zu betrachten. Einmal mehr bezaubert Ane Brun mit einem famosen Album, das in jeder Sammlung enthalten sein sollte. Aber läuft die Künstlerin nicht Gefahr, mit einer derart speziellen Stimme vorhersagbar zu werden? Der Musikliebhaber ist mitunter sehr kritisch und will stets aufs Neue stimuliert werden…

Von Jürgen Weber-Rom (jwr)
15.08.2012

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Gleich vorweg darf ich anführen, dem aktuellen Trend, Vinyl is back folgend, freue ich mich schon, Ihnen, verehrte Leser, eine der seltenen Gelegenheiten – einen Vergleich Vinyl versus CD – präsentieren zu dürfen. Ja, es stimmt tatsächlich. Die Redewendung „Totgesagte leben länger“ bewahrheitet sich einmal mehr. Vinyl hat erwiesenermaßen das Potential für sehr lange Zeit als echte Alternative mit Stil neben den modernen digitalen Medien zu bestehen. Speziell dann, wenn renommierte Künstler eine Veröffentlichung auf Vinyl unterstützen oder gar favorisieren. Und dieses neue Album von Ane Brun erschien gleichzeitig auf Audio CD als auch Vinyl. Eine perfekte Gelegenheit also, den direkten Vergleich zu ziehen. Doch nun gleich zurück zum Album „It all starts with one“

Meine sonst einführenden Worte zum Künstler möchte ich hier angemessen abkürzen, da Ane Brun, mit bürgerlichem Namen Ane Brunvoll, bereits im Rahmen der Rezension zum Album „Live at Stockholm Concert Hall“ vorgestellt wurde.

Dieses Album, es ist ihr viertes, umfasst zehn Titel, und ist in der so genannten Deluxe Edition mit einer zweiten CD und noch weiteren acht Songs ausgestattet. So mancher Künstler muss sich bisweilen den Vorwurf gefallen lassen, dass die Alben austauschbar sind, ja sogar manchmal den geradezu sprichwörtlichen „alter Wein in neuen Schläuchen“ Beigeschmack aufweisen. Nicht selten für den Künstler die eigentliche Bruchkante und Abstieg ins Vergessen. Das Gedächtnis der Kunden und Musikbegeisterten ist unerbittlich, und will permanent stimuliert werden. Für mich persönlich gilt selbiges, auch wenn ich grundsätzlich eine hohe Affinität zu dieser begnadeten Dame aufweise. Deshalb sah ich auch mit sehr gemischten Gefühlen dieser Rezension entgegen, denn ein kategorisches Lob für Neues, nur weil Altes exzellent war, gibt es bei mir nicht, und ich äußere mich auch kritisch, selbst dann, wenn es mir das Herz zerreißt. Genau dieser Situation sah ich mich anfangs ausgesetzt, aber es kam dann doch anders.

Besonders möchte ich einen Titel des Albums gleich zu Beginn hervorheben. Denn es muss schon fast als Wagnis angesehen werden, die sehr spezielle Intonation ihrer Stimme, die doch sehr von einer minimalistischen Instrumentierung der Arrangements lebt, und ein ungemein stimmiges und komplett wirkendes Bild erzeugt, mit sehr selbstbewussten Drummern massiv aufzurüsten. Dennoch ist der Titel „Do you remember“ aus meiner Sicht das Highlight auf diesem Album. Ihre sonst eher zurückhaltende Instrumentierung wird hier untypisch gewaltsam perkussiv aufgebrochen. Auch der schon fast übermütig wirkende Wechselgesang mit dem Background First Aid Kit wirkt hier seltsam anders, aber letztendlich doch bereichernd. Fast schon scheint es, als ob sich die Akteure gegenseitig durch den Song treiben. Geheimnisvoll melodiös gibt sich Ane Brun beim Folgetitel „What´s happening with you and him“. Die Streicher, die im gelungenen Dialog mit dem Drummer Ane Bruns Stimme umrahmen, verleihen diesem Song den akustischen Rahmen, den ein melancholisches Lied benötigt, und brennen ein akustisches wie auch emotionales Feuerwerk ab. Tun Sie sich den Gefallen und genießen Sie das Stück lauter.

Der Schlusstitel „Undertow“ der mit einer zarten Piano-Line zart beginnt, rahmt Ane Bruns Kür und lässt den Zuhörer bis zum Einsatz der Drums und dem Backround durch Ellekari Larsson in einer epischen Ruhe verweilen. Spätestens beim Einsatz des Backround und der gewaltigen Drums erkennt man den Schelm in Ane Brun. So ernsthaft ihre Texte auch anmuten, so sehr kokettiert sie mit der Erwartungshaltung der Zuhörer, da könne es doch nicht zur Sache gehen. Der Gesang einer Ane Brun kann nur für einen, zugegebenermaßen würdigen Rahmen stehen. Fast scheint es so, als kann man derlei Gesang nicht anders präsentieren, zu sehr spezialisiert scheint sie zu sein. Wohl wahr, „Knaller-Songs“ einer Madonna oder Rhianna sind definitiv nicht das richtige Metier, würde vermutlich auch nicht mal ansatzweise funktionieren. Und doch schafft Ane Brun einen exzellente Gratwanderung zwischen Ane Brun und … ja was denn eigentlich? Nun, es ist eine moderne und doch dezente Ane Brun, die sich hier auf diesem Album präsentiert. Sie nimmt neue Einflüsse in ihr Schaffen auf, ohne sich zu verlieren oder aufzugeben, und vermittelt Spannung und Gefühl, wie auch endlich mal Bass, wie auf dem Opener-Titel, und die hier leider etwas zu spärlich eingesetzten Drummer. Aber, ich komme nicht umhin fest zu stellen, dass sie ihr spezielles Stimmvibrato nicht ganz so selbstbewusst heraus arbeitet wie auf ihren älteren Alben, auch wenn sie es glänzend verstanden hat, mich in einen Sog zu versetzen, frei nach dem Titel „Undertow“. Einen Sog, der mich die zweite CD in die Lade meines Players legen lässt.

Fast schon müsste ich vor lauter Scham, ob meiner Worte – Ane Brun wäre nicht wandelbar genug, ihre Stimme böte nicht ausreichend Potential sich anders dar zu stellen – doch glatt im Erdboden versinken. Die zweite CD aus diesem Doppelalbum lehrte mich Demut und Bescheidenheit. Selbstverständlich mutiert Ane nicht zu einer Madonna oder einer genialen Rhianna, aber ein bisschen Country Crossover mit zarten dezenten Blue Grass Elementen darf es schon sein. Titel zwei „Take it slow“ zeigt, was Anes spezielles Stimmvibrato und Country gemeinsam haben können. Die eigentliche Überraschung stellt für mich der Song „Queen and king“ dar. Höre ich hier einen Gospel-Chor im Backround? Es ist dem Booklet nach das Star Vox Ensemble, bestehend aus 16 Künstlern. Man muss kein Gospel-Fan sein um mit diesem Lied bestens klar zu kommen. Es ist wohl die authentische Club-Atmosphäre, die der Produzent Tobias Fröberg mit seinem Team auf Vinyl und Polycarbonat bannte, wie auch der unfassbare Dialog zwischen dem Chor und einer wandelbaren und doch so realen Ane Brun, die hier den Zuhörer bannen und wiederholt auf die Play-Taste drücken lassen. Psst... bitte nicht weiter sagen. Die CD Nr. 2 setzt dem Titel-Album gewaltig eins drauf und punktet mit einem zweiten Gesicht Ane Bruns. Eine Ane Brun, die es versteht, Welten zu verbinden. Die sich gekonnt um andere Genres bemüht, und besondere musikalische Momente schafft.

Verehrte Leser, ich habe nicht vergessen auch zur Vinyl Version von "It all starts with one"ein paar Worte zu verlieren. Die LP ist penibel sauber und hochwertig verarbeitet. Dennoch rate ich dazu, auch die neue LP beim Händler, sofern der Service verfügbar ist (die Redaktion kann hier verlässliche Quellen nennen) gründlich reinigen zu lassen. Auch eine neue antistatische Innenhülle ist den fällig werdenden Preis mehr als wert. Frisch gereinigt liegt das Vinyl auf meinem „Otto Normalverbraucher Plattenspieler“ und ertönt atemberaubend rein und ohne „analoge“ Artefakte. Kein Knistern oder Unebenheiten der Platte im Klangbild. Wie auch die CD ist die Schallplatte außergewöhnlich gut gemastert. Das Klangbild ist in beiden Varianten nahezu identisch. Die minimalen Unterschiede machen sich im Medium selbst bemerkbar. Nur eine top gepflegte Schallplatte klingt ruhig vollkommen ohne holpern.

Die Tonmeister rund um den Produzenten schafften das Kunststück, ein lupenreines Album zu produzieren. Die Instrumente stehen immer im rechten Verhältnis zu der Stimme Ane Bruns, während die Chöre und der Backround-Gesang insgesamt tatsächlich klar ortbar im Hintergrund stehen, jedoch nie die innere Struktur und die Verbindung zu den Hauptakteuren verlieren. Tastengeräusche im Klavierspiel, ja doch! Die unfassbare Vielschichtigkeit einer Violine? Selbstverständlich! So selbstverständlich, wie die perfekte Inszenierung der Stimme. Ich sehe Vinyl leicht im Vorteil, da der Zuhörer auch in der schnelllebigen Zeit entweder die ganze LP durchhört, oder anderenfalls Dauersport betreiben muss. Aber glauben Sie mir verehrter Leser, der Wunsch nach einer Fernbedienung kommt nicht auf, auch werden Sie nicht die Geduld mit dem Medium Vinyl verlieren. Vinyl bietet neben dem Ritual „Handhabung einer Schallplatte“ auch den schwer zu beschreibenden Klang einer rein analogen Wiedergabe. Vielleicht klingt das Vinyl auch ein bisschen schmelziger und noch authentischer als die CD selbst. Aber das überlasse ich Ihnen gerne, dies heraus zu finden.


Lassen Sie mich noch ein Wort zur Künstlerin Ane Brun verlieren. Wenn Sie die Cover-Version von „True color“ oder „Big in Japan“ mit den Ausflügen ins Genre Gospel und Country im vorliegenden Album vergleichen, werden Sie feststellen, dass hier ein enormes persönliches Potential vorliegt. Während die Coverversionen der legendären 80er Jahre Up-Tempo Hits zu eigenständigen Werken Ane Bruns interpretiert wurden, so lässt sich Ane Brun bei diesen Songs in die neuen Welten verführen ohne, um dies nochmals herauszustreichen, sich selbst und ihren ganz persönlichen Stil aufzugeben. Welche Inhalte wird ihr fünftes Album wohl haben ?

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