Ane Brun „Live at Stockholm Concert Hall“

Ane Brun, eine in Norwegen geborene Liedermacherin, versteht es wie keine zweite Künstlerin mit ihren Liedern Gefühl und Zerbrechlichkeit zu vermitteln ohne dabei selbst zerbrechlich zu sein. Ihr besonderes Stimmvibrato hat einen hohen Wiedererkennungswert und steht für mich neben einigen wenigen anderen Künstlern weit oben in meiner Gunst. Lassen Sie mich erzählen wie es dazu kam.

Von Jürgen Weber-Rom (jwr)
23.04.2012

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Ich möchte meinen Dank zunächst dem Künstler Peter Gabriel widmen. Ohne Peter und seinem wunderbaren Album „New Blood“ hätte ich von dieser begabten Künstlerin aus Norwegen vermutlich nie etwas gehört. Ane Brun nahm hier neben ihrem Engagement als Backround-Sängerin, den Gesangs-Part von Kate Bush bei dem Song „Don´t give up“ ein. Ein Gesangs-Part, der mich zutiefst elektrisiert hat.

Ane Brun, geboren im März 1976, heißt mit bürgerlichem Namen Ane Brunvoll. Die heute 36 Jährige lebt gegenwärtig in der schwedischen Hauptstadt Stockholm und betreibt neben einer allmählich auch international anerkannten Musikerkarriere, ihr eigenes Plattenlabel, namens Det-Er-Mine Records, was zu Deutsch „das sind meine Platten“ bedeutet. Neben ihren zunehmend internationalen Erfolg ist sie für die Schweden und Norweger längst ein nordisches Nationalheiligtum und belegt regelmäßig Spitzenplätze in den skandinavischen Musik-Charts.

Eigentlich begann Ane Brun ihre Karriere mit 21 Jahren relativ spät. Ihr Start war mit einer akustischen Gitarre aus Familienbesitz verbunden, welche sie nach Oslo holte, ihrem damaligen Wohnsitz. In diesen drei Jahren lernte sie einige Songs ihrer Lieblingsmusiker wie Joni Mitchell, Ben Harper sowie Nick Drake, und entwickelte auch ihren eigenen und unverwechselbaren Stil und verdiente sich ihre ersten Sporen ab 1998 als Straßenmusikerin. Sie bereiste Städte wie Barcelona und das nordspanische San Sebastian. Es muss wohl die einprägsame Zeit als Straßenmusikantin gewesen sein, welche ihr diese emotional packende Ausdruckskraft verlieh. Ihren unverkennbaren Stil formte und reifen ließ. Zurück in Norwegen, genauer in Bergen, gliederte sie sich in die Band „Damsels in Distress“ ein. Kurz später, im Jahr 2000, zog es Ane zurück nach Stockholm. Es war auch gleichzeitig ihr Start als professionelle Künstlerin. Sie spielte in kleinen heimischen Clubs, und alsbald auch auf größeren Bühnen. Ihr damals wohl aufregendster und bedeutsamster Auftritt war mit der erfolgreichen Pop Formation A-ha, welche jedem Pop-Musik Liebhaber aus den 80ern und 90ern ein Begriff sein müsste, im berühmten Wembley-Stadion, im Jahr 2005.

Ihr erstes Album „Spending time with Morgan“ erschien 2003, gefolgt von "A temporary dive" und "Duets", beide im Jahr 2005. Weitere drei Alben, eines davon war der Mitschnitt eines Live-Konzerts ("Live in Scandinavia"), erschienen bis zum Jahr 2008. Das hier vorliegende Live-Album, welches ich Ihnen gerne näher bringen möchte, entstand im Jahr 2009. Dieser CD ist ein Mitschnitt des Konzertes auf DVD beigepackt, welche getrost als besondere Zugabe betrachtet werden darf. Das Album, wie auch die Konzert-DVD, sind außergewöhnlich gut produziert.

Offengestanden bin ich persönlich kein besonderer Freund einer Konzert-Aufnahme, Sie mögen mir hier meine grundsätzliche Haltung und Vorliebe für gute Studio-Alben verzeihen. Leider wird oftmals außer dem musikalischem Inhalt keine wirklich gute Aufnahmequalität geboten, und unter uns, man kann sowieso kein Live-Konzert akustisch ins Wohnzimmer holen.

Zu oft erlebe ich penetrantes Applaudieren der Konzertbesucher wenn die Musik bereits begonnen hat. Darüber hinaus betrachte ich es als grundsätzlich falsch, wenn die Beifallsrufe und der Applaus direkt aus der Musikbühne erschallen. Keine Frage, ich spreche von einer Stereo-Aufnahme, die natürlich gerade im Zusammenhang mit Live-Aufnahmen keineswegs technisch so anspruchsvoll wirkt, wie eine gelungene Mehrkanal-Aufnahme, aber dennoch verleidet es mir den Musikgenuss, da ich durchaus gerne die sehr spezielle Atmosphäre genießen möchte.

Umso mehr war ich bei dieser Aufnahme überrascht, da es dem Produzenten Niklas Adolfsson, dem Aufnahmeleiter Oscar Söderlund, und dem Mastermind des Studios „Atlantis“ Mikael Herrström, sowie dem Leiter des Mastering Studios „Cosmos Mastering“ Christofer Stannow gelungen ist, ein nahezu perfekt aufgenommenes Album zu produzieren. Zu jeder Zeit ist die Authentizität eines Live-Konzertes vorhanden, ohne zu sehr von den störenden Publikumsartefakten belastet zu sein.

Das Album enthält neben den visuellen Inhalten 15 einfühlsame Songs und zwei eigenwillige, aber charmante Cover-Versionen weltbekannter Hits von Alphaville und Cindy Lauper. Zwei Interpretationen, welche die Cover-Versionen zu eigenständigen Werken machen, die gleichberechtigt neben den unvergessenen Originalen bestehen können. Aber bevor ich ihnen diese Werke näher bringe, lassen Sie mich drei oder vier repräsentative Stücke für Sie auswählen, und kurz beschreiben. Ein bekanntes Lied stellt der Song „Humming one of your songs“ dar. Es ist eine gefühlvolle und auch etwas melancholische Ballade, eine Ode an einen Song-Texter von dessen Liedertext nur eine kleine Strophe immer wieder gesungen und gesummt wird. Mit „My star“ transportiert sie diese fragile und etwas traurige Stimmung und besingt ihre Liebe, ihren Stern. Aber auch von Leid und vielen Wegen zu sterben, wie im Lied „Lullaby for grown-ups“. Es ist ihre einfühlsame und fragil wirkende Weise, die Songs zu interpretieren, die auch aus einfacheren Texten großartige Klanggemälde und Inhalte zaubert.

Mein heimliches Highlight auf diesem Album ist der Titel „Lift me“, es ist ein Duett Ane Brun und Sivert Höyem. Eine Ballade an eine gemeinsame Liebe zweier Menschen die ihre Probleme und Anstrengungen bewältigt haben und zerstört, arm und blind, gegenseitige Liebe schwören.

Mit einem weinenden Auge muss ich zugeben, dass mich die Texte nicht so fesseln. Sie handeln von den Themen Liebe und Schmerz, was natürlich grundsätzlich in Ordnung ist, denn es sind ja schlußendlich auch die vermutlich meist besungenen Themen an sich, aber hier dann doch etwas der Tiefgang und ein wenig mehr als Texte, die bei anderen Künstlern bestenfalls den Refrain darstellen. Das wäre mein einziger Kritikpunkt, und den möchte ich auch niemand vorenthalten. Gerne verweise ich auf die künstlerische Freiheit, die es mir verbietet, hier allzu große Kritik zu üben.

Langsam nähert sich die Playlist den beiden Coverversionen, welche mich wie von Hafer gestochen den Kaufbutton auf Amazon drücken lassen haben. Wie bei Dolly Partons „Stairway to heaven“ nähert sich Ane ebenfalls zweier großer Titel aus den 80ern. Sie versteht es gekonnt, das Original als ein unverwechselbares Original bestehen zu lassen, und dennoch mutet Cindy Laupers „True colors“ und Alphaville „Big in Japan“ als eigenständige Komposition an. Beide Werke werden als fragile und einfühlsame Version dargeboten. Im Zentrum steht die Stimme, welche behutsam von einer spärlichen Instrumentierung gerahmt wird. Auf „Big in Japan“ spielt eine akustische Gitarre in einem sehr intimen Dialog mit der traurig und leidend wirkenden Stimme. „True color“ wird der Album-Philosophie getreu mit einer einfachen Klavierbegleitung in Szene gesetzt.

Abschließend bleibt mir nur zu wünschen, dass Ane Brun noch weitere Klassiker, oder auch moderne Lieder aufgreift, und in ihrer charmanten und fragilen Art umsetzt, und daraus vielleicht ihrerseits Klassiker schafft. Das Album selbst scheint eine gelungene Symbiose zwischen der Sauberkeit eines guten Studioalbums und einem gekonnt produziertem Live-Album zu sein. Es bietet, ohne etwas zu überbetonen, die Atmosphäre eines Konzertes, und gleichzeitig eine ausgezeichnete und reine Aufnahmequalität.

Audiophile Betrachtung? Gerne, alles da! Aber wer braucht das schon bei dieser Stimme. Ich konnte mich bereits nach ein paar Takten nicht mehr auf die Wiedergabequalität der Anlage konzentrieren.

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