Auf die Spitze getrieben... Piega Master Line Source

Anlässlich des im Mai erfolgten sempre-audio.at Club Member Besuchs bei Piega SA in Horgen konnten die Reisenden wie auch die Redaktionsmitarbeiter einen ersten optischen Eindruck über die Ausmaße der Piega Master Line Source sammeln. Nun wird es konkret.

Hersteller:Piega SA
Vertrieb:Novis Electronics GmbH

Von Jürgen Weber-Rom (jwr)
10.06.2013

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Am 22. Mai 2013 hatten wir die Gelegenheit, einen charmanten und sehr informativen Besuch bei einem der renommiertesten Lautsprecherhersteller in Europa zu absolvieren - wir berichteten. Piega SA stand auf dem Reiseplan, und somit ein Unternehmen, das sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, den neutralsten Lautsprecher zu bauen, den die heutige Technologie hervor bringen kann. Dass daraus eine eigene Definition für das Attribut „Konsequenz“ entstand, ist sicherlich der eidgenössischen Gelassenheit in Verbindung mit Hartnäckigkeit zu verdanken. Es gibt wohl kaum sehr viele Hersteller, die etwa auch die Einstiegsklassen mit derselben Sorgfalt und Akribie fertigen, wie die höher gepreisten Luxus-Systeme, die schnell mal den Gegenwert eines schicken Mittelklasse-Autos erreichen. Ein preiswertes Lautsprecher-System dieser Marke folgt den selben hohen Ansprüchen wie die Top-Klassen, und bietet dem Interessenten und Musikliebhaber, natürlich dem Anwendungszweck entsprechend, die selbe hohe Wiedergabequalität, wie es die „großen“ Systeme vermögen. Ein bei zahlreichen Gelegenheiten durch geführter Vergleich, unter den unterschiedlichsten Bedingungen, zeigte sehr schnell, dass die Bühnendarstellung und die Klangfarben quer durch die Modellpalette auf extrem hohem Niveau spielen. Ein wesentliches Merkmal, dass es einem Lautsprecher-Modell erlaubt, angemessen aufzuspielen, ist eben die preisunabhängige Neutralität und Verzerrungsfreiheit. Ein weiterer erfolgsversprechender Weg ist die Entscheidung, das Material Aluminium als Gehäuse Werkstoff zu verwenden. So erlaubt dieses Material viel Volumen platzsparend zu umbauen, sodass der Musikliebhaber keine „Telefonzellen-Format-Lautsprecher“ aufstellen muss, geschweige denn, dass oftmals der benötigte Platz nicht vorhanden ist. 



So zumindest präsentierte sich Piega bisher der Öffentlichkeit. Eher als Randinformation informierten wir über das vierteilige, nun namentlich genannte, Referenz-Lautsprecher-System, an dem bei unserem Besuch Mitarbeiter des Herstellers unmittelbar in unserem Beisein akribisch arbeiteten, und sich von unserer Anwesenheit in keinster Weise dabei stören ließen.

Leider konnten wir uns nur an dieser mit höchster Sorgfalt vorgenommen Arbeiten ergötzen, während wir den freudigen und sehr stolzen Ausführungen Kurt Scheuchs folgten. Doch bereits die reinen Abmessungen dieses Lautsprecher-Systems, nein, wohl eher einer beeindruckenden Klangskulptur, waren bemerkenswert. Da die Frequenzweiche zwar schon in der finalen Version aufgebaut war, aber noch letzte Feinabstimmungen fehlten, und sich zudem die beeindruckenden Bass-Elemente im Gehäuseendbau befanden, konnte keine Vorführung stattfinden. Bedauerlicherweise, wie sich jetzt zeigen sollte, denn die ersten Ankündigungen wurden nunmehr veröffentlicht.



Der Name: Piega Master Line Source
Der Preis: ja, man muss es sagen, es wird wirklich teuer
. Man spricht von wahrscheinlich € 158.000,-
Ausstattung: 12 Hochton-Treiber, 9 Mittenton-Treiber sowie ein Bass-Aray mit 2 x 6 Stück im 23 cm-Format
Der Klang: wohl von einer anderen Welt

Mehr Details müssen wir Ihnen an dieser Stelle schuldig bleiben, denn allzu sehr will sich Piega SA derzeit noch nicht in die Karten blicken lassen, zumindest, wenn es um technische Details geht. Die Informationen zu dieser Klangskulptur, die der Line Source-Abstrahlcharakteristik folgen soll, entsprechen somit dem Wissenstand von unserem Besuch vor Ort bei Piega SA in Horgen. So steht auch noch kein endgültiger Verkaufspreis fest. Gewiss ist jedoch, den Informationen Kurt Scheuchs zu Folge, dass die erste Serie, die zehn Systeme umfasst, dennoch bereits ausverkauft ist. Allein dies bürgt für den tadellosen Ruf! Man bedenke: da kündigt ein Unternehmen ein Lautsprecher-System an, von dem weder die finale Ausführung, keinerlei technische Daten, und nicht einmal ein Preis bekannt sind, bereits aber klar ist, dass es wohl ein Preisbereich sein wird, der für viele Kunden weit, weit jenseits des Leistbaren liegt, und dennoch sind bereits zehn Stück verkauft...

Allerdings hatte unser Chefredakteur Michael Holzinger bereits bei einem früheren Besuch bei Piega SA die Gelegenheit, einem fertigen Vorserienmodell, mit rücklings angeschlossenem Bassgehäuse, klanglich folgen zu dürfen. Und sein damals gewonnener Eindruck dürfte - so Kurt Scheuch - nur ein Vorgeschmack dessen gewesen sein, was all jene erwartet, die sich die nunmehr als Piega Master Line Source angekündigte Referenz gönnen werden.

Lassen Sie mich kurz erläutern, was außer dem wahrscheinlich hohen Preis klanglich zu erwarten ist. Die Grundtugend eines Piega-Lautsprechers ist die bereits erwähnte Neutralität, aber auch die Verzerrungsfreiheit. Dieser Maxime folgend, baut der Klang eines Piega-Lautsprechers auf dem Umstand auf, dass der Musikgenuss durch Überanstrengung des Gehöres und der permanenten „Rechenarbeit“ des menschlichen Gehirnes, die Verzerrungen aus dem Nutzsignal herausrechnen zu müssen, nicht leiden darf. Einer Beschreibung Kurt Scheuchs zufolge, kann man mit einem System aus dem Hause Piega auf Grund seiner Verzerrungsarmut lauter hören, als mit so manchem anderen Lautsprecher-Fabrikat. Wir durften dies eindrucksvoll mit einem Lautsprecher erfahren, der eigentlich zu klein für den großen Hörraum in Horgen war. Dennoch war dessen Darbietung neben der beeindruckenden Lautstärke auch enorm souverän und selbstverständlich. Die Bühne der Vokalisten war glaubhaft groß und nachvollziehbar. Die Akteure mit viel umgebenden Raum in das Instrumentarium eingebettet, sofern das Musikmaterial dies hergab.

Die redaktionelle Mitarbeit bürgt ja nicht nur für viel Arbeit und wenig Brot, sondern auch für viel Klang und Hörgelegenheiten, die sonst nur schwer möglich sind. So konnten wir etliche „Super-Lautsprecher“ genießen und testen, und uns einen guten Erfahrungsschatz aneignen, der es erlaubt, auch eine gewisse Erwartungshaltung und Vorausschau darzustellen.

Was also darf man von einem Extrem-Konstrukt wie eine Master Line Source erwarten, die absolut betrachtet gar nicht so alleine auf weiter Flur steht? Immerhin gäbe es etliche andere Hersteller auf der Welt, die eine Leistungsschau des technisch und oftmals auch physisch Machbaren auf die Kunden los lassen. Ein großes Lautsprecher-System hat es wahrlich nicht leicht, denn für bloße physische Gewalt und einer Unzahl an verbauten Chassis-Treibern zahlt heute kein betuchter Mensch die geforderten hohen Beträge. Ein derart ausgestaltetes System muss unter vielen Bedingungen auf adäquatem Niveau spielen können, angefangen von kalten, harschen Hallen, wie auch ausladenden, stark bedämpften Lofts. Aber auch in so manch kleineren Räumen, welche man eigentlich als unüblich in diesen Preisklassen erachten möchte.

Die Kunst ist es, nicht allein derart viele Teile zu einem funktionierenden Ganzen zusammenzufügen, sondern dies auf entsprechendem Niveau zu bewerkstelligen. Ein trickreicher Weg mit den vielen Raumbedingungen umzugehen, ist eben die sogenannte Line-Source. Sie erinnern sich – ich sprach von vielen Raumklangverhältnissen. Schallharte Räume, aber auch gut bedämpfte Raume, egal ob nur mittelgroß, oder eben feudale Hallen, die gerne mal die 100 Quadratmeter Fläche überschreiten. Der Entwickler ist hier besonders gefordert, ein gutes Mittelmaß bei der Abstrahl-Charakteristik, aber auch bei der Maximallautstärke zu finden, denn nur „Laut“ ist ohne die entsprechende Leistungsfähigkeit bei der Vermeidung der Verzerrungen einfach zu wenig.

Ein Weg aus diesem Dilemma ist die Konzeption eines Systems, das nach dem Prinzip der sogenannten Line-Source arbeitet. Hierzu verbaut der Entwickler mehrere gleiche Treibertypen übereinander. Die Master Line Source zeigt, wie es gemacht wird. Der Lautsprecher ist mit einer Zeile Hochto- Bändchen bestückt, während sich gleich daneben eine Zeile an Mittelton-Bändchen aufgebaut ist. Die Schallwellen bilden durch diese Anordnung der Treiber-Zeilen eine sogenannte Zylinderwelle aus, welche zeitrichtig auf vertikal breiter Front auf den Zuhörer trifft, aber auch Resonanzen und starke Reflektionen von der Decke und vom Boden vermeidet.

Da Reflektionen aber auch Resonanzen und Verzerrungen bedeuten, so ist das ein tragendes Merkmal für ein bedeutendes Weniger an Verzerrungen, die nachweislich dem Musikgenuss entgegenstehen. Überstarke Raumresonanzen, wie sie unweigerlich entstehen, wenn man ein Lautsprechersystem in einem Raum positioniert, sind auf Grund dieser konsequenten Bauweise stark minimiert. Konsequent erscheint es auch, wenn Kurt Scheuch diesen Weg auch im Bass-Aray weiter verfolgt. Denn die Zylinderwelle funktioniert auch im Bassbereich mit dem gleichen gewinnbringenden Effekten wie im hochsensiblen Mittelton- bzw. im Hochton-Bereich. Der Raumeinfluss wird teilweise akustisch ausgeblendet, weil gewisse Raum-Resonanzen erst gar nicht angeregt werden. Fällt Ihnen eine intelligentere Lösung ein, als einen Fehler erst gar nicht zu begehen?

Nun, klanglich prägt ein derartig ultimatives Line-Source-System vom ersten Ton an. Es wird schlackenfreier und deutlich sauberer aufspielen, als herkömmliche Abstrahl-Charakteristiken. Dies, in Verbindung mit dieser schieren Zahl an aktiven Chassis-Treibern, ergibt ein souverän aufspielendes System, dass bei minimalen Chassis-Auslenkungen bereits ordentliche Pegel bietet, ohne auch nur näherungsweise in einem Grenzbereich der Belastung zu geraten. Denn auch das beste und teuerste Chassis hat nun mal einen Grenzbereich in dem die Verzerrungen zu hoch werden. Auch hier gilt, ein Chassis in einem optimalen Arbeitsbereich zu betreiben, sodass die schädlichen Überlastungsverzerrungen erst gar nicht entstehen. 



Es gibt in der Tat viele Wege, ein teures und sehr gut aufspielendes State of the Art System zubauen. Ein Weg könnte sein, bestehende Treiber zu optimieren, um ein entsprechendes Mehr an Lautstärke zu gewinnen, an einem vielschichtigen Gehäuse zu arbeiten, das andern Orts gemachte Fehler ausbessert, oder mittels irrwitziger Frequenzweichen und sonstiger Schaltungen die vielen Buckel und Dellen im Frequenzgang auszubügeln. Oder, man macht es wie Kurt Scheuch und sein Team. Man lässt die Physik für sich arbeiten, und versucht viele Fehler erst gar nicht zu machen.

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