Der Anwender als Programm-Chef - Die Zukunft von Video und TV passiert online...

Für viele ist es inzwischen gelebter Alltag. Musik wird längst nicht mehr auf CD gekauft, sondern über Online-Angebote. Dabei rückt zumeist das gesamte Album in den Hintergrund, vielmehr entscheiden sich viele nur für einzelne Titel, die sie erwerben. Und auch Streaming-Angebote werben damit, ein individuelles Angebot, ganz nach dem Geschmack des Kunden anzubieten. Auch wenn es noch nicht ganz soweit ist, allmählich zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung auch beim Fernsehen ab.

Von Michael Holzinger (mh)
07.11.2011

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Fernsehen findet seit Jahr und Tag in unveränderter Form statt. Klar, das Angebot an verschiedensten Sendern hat sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht, wie so oft ging Quantität aber nicht mit einer Verbesserung der Qualität einher. Doch darüber zu diskutieren, ist ohnedies überflüssig, denn Geschmäcker sind bekanntlich, und erfreulicher weise, verschieden. Zumal es wohl nicht mehr allzulange in dieser Form weiter gehen wird, denn auch dieser Bereich ist bereits im Umbruch. Und zwar derart tiefgreifend, dass mitunter seit langem bestehende Geschäftsmodelle nicht mehr tragfähig sind bzw. überhaupt nicht mehr angewendet werden können.

Musik als Vorreiter...

Bei der Distribution von Musik ist diese Entwicklung schon ein paar Jahre länger im Gange. Nachdem die Industrie erkannte, dass man dem ausufernden Datenaustausch über Tauschbörsen nur durch attraktive Angebote und nicht mit Klagsfluten Herr werden kann, entwickelte sich nach und nach ein völlig neuer Markt, der vor allem von Apple und dem iTunes Store beherrscht wird. Musik wird inzwischen in vielen Märkten vor allem online gekauft, und nicht mehr in klassischer Form auf CD. Kunden schätzen dabei, abgesehen von der unmittelbaren Verfügbarkeit, vor allem die Möglichkeit, einzelne Musiktitel anstatt ganzer Alben kaufen zu können, was etwa von vielen Künstlern - völlig nachvollziehbar - durchaus sehr kritisch gesehen wird. Ebenso verhält es sich mit Streaming-Angeboten, bei denen Musik erst gar nicht „erworben“ wird, sondern ähnlich einer Radio-Station konsumiert werden kann. Besonders erfolgreich sind hier Dienste, die dem Kunden die Möglichkeit der Individualisierung bieten. Das laufende Programm wird dabei nach und nach dem Geschmack des Kunden angepasst, sodass er stets eine Auswahl geboten bekommt, die sowohl perfekt den eigenen Vorlieben, aber auch der jeweiligen Stimmung entspricht. Man ist also in keinster Weise mehr auf das angewiesen, was irgendein Programmverantwortlicher als hörenswert erachtet.

Ein Blick über den großen Teich...

Wenn es um Entwicklungen und Trends im Mediensegment geht, schadet ein Blick über den großen Teich auf den US-amerikanischen Markt niemals. Viele der in den USA sich abzeichnenden Trends kommen teils unmittelbar oder mit einer kurzen Verzögerung auch hierzulande in gleicher oder zumindest ähnlicher Art und Weise zum Tragen. Dies gilt umso mehr, da wir es in diesem Segment zumeist mit global agierenden Unternehmen zu tun haben, die einmal erfolgreiche Geschäftsmodelle möglichst eins zu eins auf andere Märkte übertragen wollen. Selbst wenn gerade in Europa eine inzwischen für viele undurchsichtige Lizenz- und Rechteverwaltung, die nach wie vor für einzelne Länder und nicht etwa für die gesamte Europäische Union abgehandelt wird, viele Entwicklungen zumindest verlangsamt, irgendwann sind diese nicht mehr aufzuhalten. So war‘s bei Musik, und so wird es wohl auch bei Video sein.

Klar gesagt werden muss, dass in den USA natürlich komplett andere Marktgegebenheiten herrschen. So spielen etwa öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten nur eine sehr unwesentliche Rolle, ganz im Gegenteil zum deutschsprachigen Markt, wo diese nach wie vor eine dominierende Rolle einnehmen. Umso verbreiteter waren in den USA seit Jahren Pay-TV-Angebote. Konsumenten sind es also „gewohnt“, für Fernsehprogramme zu zahlen. Und dabei ist es gleichgültig, ob diese nun über terrestrischen Empfang, Kabel oder SAT, und nunmehr immer öfter Online angeboten werden. So werden etwa TV-Serien zu einem inzwischen durchaus relevanten Anteil bei diversen Online-Anbietern „erworben“ und On-demand angesehen. Ebenso werden Filme vielfach ebenfalls über On-demand Dienste gemietet und selbst Sport-Events werden nicht über Rundfunkanstalten, sondern von den Verbänden direkt ebenfalls als On-demand Angebote offeriert.

Bislang war das umfangreiche öffentlich-rechtliche Angebot in der Schweiz, Deutschland und Österreich das wohl größte Hindernis für Pay-TV-Angebote. Neue Online-Angebote dürften aber das Potential haben, auf großes Interesse der Kunden zu stoßen, denn auch hier ist das „Erfolgsrezept“ ein individuelles Angebot. Damit wäre man auch beim Fernsehen nicht mehr von dem starren Programmschema der Sendeanstalten mit festen Beginnzeiten abhängig, sondern könnte sich das eigene Programm überaus flexibel selbst zusammen stellen.

Mediatheken ein erster Vorgeschmack...

Ein Beispiel dafür stellen die nunmehr von nahezu allen maßgeblichen TV-Anbietern offerierten Mediatheken dar. Hier kann der Kunde Online auf nahezu alle Sendungen zugreifen und diese dann ansehen, wenn es ihm passt, und nicht nur zu der Zeit, zu der der Sender diese ausstrahlt. Dank vernetzter Geräte der Unterhaltungselektronik - Stichwort Smart TV - muss man dies auch nicht am PC tun, sondern kann Sendungen in gewohnter Art und Weise über den Fernseher im Wohnzimmer genießen. Die Daten kommen eben aus dem Web...

Wer also etwa die ZIB um 19:30 verpasste, der kann sich diese auch um 21:00 ansehen. Die entsprechende Implementierung der ORF TVthek in die Netzwerk-Plattform des Fernsehers macht es möglich.

Filme nicht aus der Videothek...

Samstag Abend, man zappt durch die Dutzenden Sender, doch es findet sich kein vernünftiger Film? Auch hierzulande kein Problem mehr, denn man muss längst nicht mehr zur Videothek laufen. Was in den USA seit Jahr und Tag Standard ist, etabliert sich allmählich auch hierzulande. Den Beginn machte abermals Apple, die den Apple iTunes Store nach den USA auch hier um Filme, in Deutschland sogar um TV-Serien erweiterten. Diese können nicht nur als Download erworben werden, man kann diese auch mieten und somit das Recht erwerben, einen Film für den Zeitraum von 48 Stunden zu konsumieren. Auch so mancher Fernseh-Hersteller setzt inzwischen auf derartige Dienste, die ebenfalls direkt über die Netzwerk-Plattform zugänglich sind. Allerdings haben diese Dienste, ebenso wie jener von Apple, den großen Nachteil, dass sie auf die jeweiligen Geräte beschränkt sind. So benötigt man für das Angebot im Apple iTunes Store zwingend eine Apple TV, denn nur damit können diese auch am Fernseher im Wohnzimmer abgespielt werden.

Eine interessante Alternative steht seit Anfang September mit dem Anbieter videociety zur Verfügung, einem Unternehmen, dass seinen Hauptsitz in Hamburg hat und seine Dienste nunmehr neben Deutschland auch in Österreich anbietet. Der große Vorteil dieses Angebots, das über www.videociety.at abrufbar ist, stellt die plattformübergreifende Nutzung dar. So konnte das Unternehmen zwar etwa mit Philips eine Kooperation abschließen, sodass der Dienst direkt über die Netzwerk-Plattform der Fernseher zugänglich ist, und auch Sharp, Toshiba und Loewe setzen künftig auf diesen Dienst. Besonders interessant aber ist, dass man auf das On-demand Angebot mit jedem BD Live-fähigen Blu-ray Player zugreifen kann. Wer sich für den Dienst registriert, erhält eine BD-ROM, die mit jedem Blu-ray Player, der ins Netzwerk integriert ist und somit einen Online-Zugang aufweist, Zugriff auf das Video-Angebot erlaubt. Natürlich zahlt man hier nur für Filme, die man tatsächlich mietet. Diese stehen mit 720p in HD-Qualität und mit Dolby Digital-Surround Sound zur Verfügung. Eine monatliche Gebühr ist hier nicht zu entrichten. Die Filme werden gestreamt und können somit unmittelbar angesehen werden. Ein zeitaufwendiger Download entfällt somit.

Das ist alles erst der Anfang...

Natürlich wird es noch lange Jahre Fernsehen in gewohnter Art und Weise über terrestrischen Empfang, über Kabel oder SAT geben. Allerdings wird Online auch bei uns immer bedeutender werden, denn die aufgezählten Angebote und Dienste sind nur ein erster zaghafter, aber sehr interessanter Anfang. Sie erlauben es, das Programm selbst zu bestimmen, und allein das dürfte für viele Konsumenten durchaus derart attraktiv sein, dass sie bereit sind, dafür separat Geld zu bezahlen. Diesen Trend haben längst auch Pay-TV Anbieter erkannt und wagen ebenfalls erste Schritte in diese Richtung. Auch die ansonst als durchaus träge zu bezeichnenden öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten setzen durch ihre Online-Mediatheken mit direkten Schnittstellen für die Netzwerk-Plattformen von Fernsehgeräten auf diese Entwicklung. Und irgendwann könnte der österreichische Fussball Bund oder die FIS auf die Idee kommen, dass man die Rechte an Sportübertragungen nicht nur an TV-Anstalten verhökern kann, sondern etwa auch selbst Abo-Angebote für Endkunden - natürlich online - offerieren könnte. In den USA bei NBA, NFL usw. längst Realität. Und zuguterletzt sei noch erwähnt, dass Online-Angebote natürlich für eine weitere immense Programmvielfalt sorgen könnten. Denn hier sind die Kosten für Betreiber deutlich geringer, sodass Spartenprogramme selbst für eine kleine Zielgruppe durchaus kommerziell erfolgreich zu betreiben sein könnten. Erste Anzeichen in diese Richtung sind ebenfalls bereits bei uns erkennbar. Es bleibt also spannend...

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