Der Mann von La Mancha (1968)

Die Uraufführung des Musicals, im Original „The Man of La Mancha“, fand im The Goodspeed Opera House in East Haddam, Connecticut, im Jahr 1964 statt. Damals für die Hauptrolle vorgesehen war übrigens Rex Harrison, dem die Gesangspartie allerdings zu anspruchsvoll war. Interessant aber ist, dass dieses Stück eigentlich zunächst gar nicht als Musical konzipiert wurde.

Von Michael Holzinger (mh)
17.10.2009

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Dale Wasserman, der die Vorlage lieferte, schrieb dieses Stück im Jahr 1959 fürs Fernsehen, und es trug ursprünglich den Titel „I, Don Quixote“. Das Buch basiert natürlich auf dem Werk „Don Quixote“ des spanischen Schriftstellers Miguel de Cervantes Saavedra, entstanden zu Beginn des 17. Jahrhunderts und eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur.

Wasserman konzipierte sein „I, Don Quixote“ derart, dass nicht nur Don Quijote selbst, sondern auch sein Schöpfer, Miguel de Cervantes, eine Hauptrolle in seinem Stück spielt. Dieses Konzept wurde natürlich auch vom Komponisten Mitch Leigh und Joe Darion, der das Libretto schrieb, übernommen.

Mitch Leigh setzte bei der Komposition und den Arrangements bewusst auf ein kleines Orchester und orientierte sich dabei natürlich sehr stark an spanischer Musik. Außerdem wurde auch die Besetzung durch geschickte Mehrfachbesetzung der Charaktere vergleichsweise klein gehalten, und selbst das Bühnenbild konnte sehr bescheiden ausfallen, sodass „The Man of La Mancha“ auf fast jeder Bühne ohne großen Aufwand gespielt werden kann. Sicher mit ein Grund dafür, dass sich „The Man of La Mancha“ zu einem der erfolgreichsten und meist aufgeführten Musicals überhaupt entwickelte, und 1972 sogar in prominenter Besetzung verfilmt wurde. Neben Peter O‘Toole als Cervantes spielte James Coco als Sancho und Sophia Loren als Aldonza in dieser durchaus sehr sehens- und auch hörenswerten Verfilmung, wobei "Man of La Mancha" natürlich auch als DVD erhältlich ist.

Die wohl wichtigsten zwei Gründe für den überragenden Erfolg des Stücks sind aber sicher neben der wunderschönen Musik die dem Musical zugrunde liegende Geschichte.

Der Schriftsteller und Schauspieler Cervantes wird von der spanischen Inquisition verhaftet, um über seine ketzerischen Werke Rechenschaft abzulegen. Doch noch vor dem Verhör durch den Inquisitor steht Cervantes vor einem ganz anderem Gericht: seinen Mitgefangenen.

Seine Verteidigung trägt Cervantes in Form einer Geschichte vor. Eine Geschichte über einen verarmten Landjunker, irgendwo in den Weiten der spanischen Mancha, der nach jahrelanger Lektüre von Büchern über Ritter in eine Fantasiewelt entflieht. In dieser zieht er mit seinem Knappen Sancho auf seinem stolzen Pferd Rosinante als fahrender Ritter durch die Lande. Es gilt, Zauberer und Riesen zu bekämpfen, alles zu Ehren seiner Dame, der Küchenmagd Aldonza. Oder aus der Sicht Don Quijotes, der Dame seines Herzens, der keuschen Dulcinea.

Den ersten großen Erfolg feierte das Stück bereits im Jahr 1965 am Broadway. Diese Inszenierung gewann unter anderem fünf Tony Awards. Cervantes bzw. Don Quijote war hier mit Richard Kiley besetzt, sein Diener Sancho wurde von Irving Jacobson und Aldonza von Joan Diener gespielt.

Die österreichische Uraufführung am Theater an der Wien 1968 war gleichzeitig die deutschsprachige Uraufführung. Und genau diese legendäre Inszenierung mit erstklassiger Besetzung ist auf der Aufnahme „Der Mann von La Mancha“ der Polydor zu finden.

Die Inszenierung stammte von Dietrich Haugk und für die musikalische Leitung zeichnete Johannes Fehring zuständig. Die Übersetzung der Texte stammte von Robert Gilbert. Es spielte der Chor und das Orchester des Theaters an der Wien.

Alle drei Hauptrollen sind erstklassig besetzt. Neben Josef Meinrad als Cervantes und Blanche Aubry glänzt Fritz Muliar als Sancho. Meinrad kann als Ritter von der traurigen Gestalt sein ganzes Können als Charakterdarsteller einbringen. Auch wenn Gesang nicht ganz die Stärke Meinrads war, er trägt die Rolle allein durch den Klang und die Kraft seiner Stimme, die mit jeder Silbe derart viel Leidenschaft und Emotionalität zum Ausdruck bringt, dass Don Quijote zum Leben erwacht. Für Blanche Aubry als Aldonza bzw. Dulcinea gilt ähnliches, wobei sich die leider viel zu früh verstorbene Schweizer Schauspielerin natürlich auch auf ihre hervorragende Gesangstimme verlassen konnte. Mit Fritz Muliar hatte man eine perfekte Besetzung für den eher gemütlichen, ewig vor sich hin plaudernden Sancho gefunden. 

Aber auch die weiteren Rollen sind allesamt hervorragend besetzt. So singt Norman Foster die Rolle des Gouverneurs, Frank Dietrich brilliert als der Herzog und Egon Simonet schlüpft in die Rolle des Padre.

Herbert Schreiber verfasste 1968 im Kurier unter der Überschrift „Vor Versäumnis wird gewarnt“ folgende überaus treffende Kritik: „Dietrich Haugks Inszenierung bietet Welttheater in des Wortes zweifacher Bedeutung. Und was für Schauspieler da mittun! Josef Meinrad als Cervantes, der den Don Quijote gibt, wird als solcher gewiß nur von Josef Meinrad übertroffen. Ein Ritter von der traurigen Gestalt, der Lachen und Weinen in einem macht und mit großem physischen Einsatz ebensowenig spart wie mit dem Brustton der Überzeugung, wenn‘s ums Singen geht. Ritter Meinrad war der rechte Mann von La Mancha."

Glücklicherweise wählte man für diese Aufnahme die Originalbesetzung der deutschen Uraufführung. Denn noch einmal war das Stück am Theater an der Wien in einer leicht angepassten, aber sehr ähnlichen Inszenierung zu sehen, und zwar im Jahr 1981. In der Wiederaufnahme spielte ebenfalls Josef Meinrad die Hauptrolle, an seiner Seite glänzte bei der Neuaufführung nunmehr aber Heinz Petters, der ebenfalls einen sehr guten Sancho ablieferte. Das Problem jedoch stellte die Besetzung der Dulcinea mit Dagmar Koller dar, die zwar aus unerfindlichen Gründen in einigen Medien hochgelobt, aufgrund mangelnder Ausdruckskraft und eher mittelmässiger Gesangskünste allerdings eine glatte Fehlbesetzung für diese wunderbare Rolle war.

Mit dieser Aufnahme wurde ganz große Theatergeschichte für die Ewigkeit festgehalten. Dieses Stück zeigt eindrucksvoll, wie großartig das als einfache Muse inzwischen verrufene Musical in Wahrheit sein kann, wenn eine berührende, zeitlose Geschichte von erstklassiger Musik getragen und von brillanten Schauspielern interpretiert wird.

Ebenfalls empfehlenswert ist übrigens eine recht neue Aufnahme dieses Stücks aus New York. Bei der Aufnahme, die als "Man of la Mancha - The New Broadway Cast" im Handel zu finden ist, zählt neben Brian Stokes Mitchell und Mary Elizabeth Mastrantonio auch Ernie Sabella zur Besetzung.

Wenig überzeugend hingegen ist die ebenfalls sehr verbreitete Aufnahme "Placido Domingo in Man of La Mancha". Placido Domingo mag, unbestritten, einer der größten Opern-Tenöre sein, als Don Quijote hingegen ist er eine klare Fehlbesetzung. Erstklassige Gesangskunst ist hier nicht gefragt, vielmehr Leidenschaft und Schauspielkunst, und an beiden mangelt es dem Tenor bei dieser Aufnahme hörbar.

Michael Holzinger

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