Diana Krall „Glad Rag Doll“

Ein tolles klangliches und künstlerisches Erlebnis oder doch Altbewährtes? Selbst Altbewährtes bedeutet bei Diana Krall immerhin beste Qualität und ein ausgesprochener Sinn für Alben die in Erinnerung bleiben. Kann sich das neue Album in Ihre Erfolge einreihen oder gar noch eins drauf setzen?

Von Jürgen Weber-Rom (jwr)
03.12.2012

Share this article



Diana Krall, ihr gebürtiger Name, Diana Jean Krall, ist eine kanadische Jazzpianistin und Sängerin. Geboren im November 1964 in Nanaimo, British Columbia, bekam sie aus ihrem Elternhaus die Musik bereits in die Wiege gelegt. Die Eltern, selbst Pianisten, ermöglichten ihrer Tochter bereits im zarten Kindesalter von vier Jahren eine Klavierausbildung, und umgaben sie mit klassischer Musik aber auch mit Jazz. In Dianas Jugend zog ihre Familie nach Vancouver, wo sie die High-School besuchte. Hier spielte sie in der schuleigenen Jazz-Combo erfolgreich mit. Bereits mit 15 Jahren trat sie öffentlich in Restaurants von Nanaimo auf, und sammelte die ersten Live-Erfahrungen.

Der erste bemerkenswerte Schritt in ihrer Künstlerkarriere stellte die Begegnung mit dem bekannten Jazz-Bassisten Ray Brown dar, welcher sie die kommenden Jahre begleitete, und sie mit einflussreichen Lehrern und Produzenten bekannt machte. Hoch talentiert und von ausgezeichneten Lehrern begleitet, sponserte das „Vancouver International Jazz Festival“ der damals 17jährigen ein Musikstudium an dem renommierten „Berklee College of Music“ in Boston, Massachusetts, USA. Damit war ihre Ausbildung aber längst nicht abgeschlossen. Nach drei Semestern verlagerte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Los Angeles, Kalifornien. Sie wurde von dem Musiker Jimmy Rowles in Gesang unterrichtet, und konnte ihr Klavierspiel weiter vertiefen.

1990 zog es Diana Krall nach New York, wo sie in vielen Bars spielte - ein Weg, der schon sehr vielen Künstlern zu deren Entdeckung und zu einer internationalen Karriere verhalf. So auch Diana Krall, welcher 1993 mit dem Debütalbum "Stepping out" gleich der Durchbruch gelang. So wurde der Starproduzent Tommy LiPuma auf Diana aufmerksam und brachte sie im legendären Label GRP Records unter Vertrag. Ein Label, das nicht nur auf perfekte und akkurate Produktionen achtet, sondern ein breites Angebot an Weltklasse-Musikern mit ihren legendären Produktionen aufweist.

Bei GRP Rekords entstand auch ihr Folgealbum „Only trust your heart“, ein weiterer audiophiler und künstlerischer Kracher. Ihr drittes Album „All for you“ brachte es 1996 zu einem Grammy, und hielt sich unglaubliche 70 Wochen in den „Billboard Traditional Jazz Charts“. Aber damit erschöpfte sich ihr musikalisches Wirken in keinster Weise, so folgte eine Kooperation als Trio mit Russel Malone, er spielt Gitarre, und Christian McBride mit seinem Bass. Das Album „Love scenes“ erschien, welches sich als Hit-Album der späten 90er Jahre etablierte.

In Folge erweiterte sie ihr musikalisches Spektrum mit einer großen Orchesterbegleitung und signalisiert damit ihre Variations- und Innovationslust an alten Jazz-Standards. Das Album „When I look in your eyes“ wurde gleich mehrfach für den Grammy nominiert. So erhielt sie auch den begehrten Musikpreis in der Kategorie „Beste Jazzinterpretin des Jahres“. Es folgten eine Reihe international sehr erfolgreiche Alben, welche sogar teilweise mehrfachen Platin-Status erreichten.

2001 startete ihre erste Welttournee. Erstmalig wurde ein Livemitschnitt des Pariser Konzerts im Olympia veröffentlicht. Das legendäre Album „Diana Krall – Live in Paris“ übertraf alle ihre Verkaufsrekorde und brachte der charmanten Kanadierin den zweiten Grammy für das „beste Vocal Jazz Album“, sowie einen „Juno Award“ ein.

2003 wurde es familiär, denn sie heiratete den Musiker und Songwriter Elvis Costello, mit dessen Unterstützung und Zusprache sie eigene Lieder zu komponieren begann. Das erste gemeinsame Werk, neben den gemeinsamen Kindern im Jahr 2006, war das Album „The girl in the other room“, das 2004 erschien. Diana Krall bezeichnet die Legenden Carmen McRae und Nat King Cole im Speziellen als ihre großen Vorbilder. Beide Weltkünstler sind wie Diana Sänger und Pianisten.

2009 veröffentlichte Diana zunächst das vom Bossa-Nova beeinflusste „Quiet nights“ und produzierte das Album "Love is the answer" von Barbara Streisand.

Nach deutlich mehr als zehn erfolgreichen Alben und Best of Compilations, sowie auch mehreren Konzertmitschnitten als hochwertige DVD-Releases, erscheint dieses Jahr das aktuelle Album „Glad Rag Doll“. Ein bemerkenswertes Album, das sich intensiv mit älteren Werken aus den Genres Rock‘n Roll und Rythm & Blues beschäftigt. Produziert wurde von T Bone Burnett und von den Musikern Marc Ribot (Tom Waits), Keefus Green (Red Hot Chilli Peppers) und Dennis Crouch (Johnny Cash).

Es ist Dianas „coole“ und doch so unvergleichliche Art, diese akustischen und künstlerischen Kleinode aus den 20er und 30er Jahren aufzuarbeiten. Wenn auch der Begriff „aufarbeiten“ diesem Album nicht gerecht wird. Dieser charmante Sexappeal, während sich Diana Krall auf einem authentischen Piano anno 1890 begleitet, ist cool lässig, zeitgemäß und herrlich unkonventionell, aber definitiv nicht unangemessen oder gar deplatziert.

Ein Album, das viel Spass bereitet, und den einen oder anderen Fan überraschen wird. Vielleicht auch Liebhaber anderer Genres dazu verleitet in die Discografie der begnadeten Diana Krall reinzuhören.

Diana Krall präsentiert uns auf ihrem Album „Glad Rag Doll“, zu Deutsch „fröhliche Stoffpuppe“, 17 charmant aber auch bisweilen traurige Songs aus den 20er und 30er Jahren. Ihre rauchige, scheinbar durch Honig und brennenden Whiskey, geprägte Stimme verwöhnt den geneigten Hörer mit viel Finesse und atemberaubender Sanftmut.

Wohl wahr, richtige Kanten und Ecken wird man auf diesem Album vermissen, dafür aber eine eindrucksvolle Verbindung zwischen dem verruchten Rotlicht-Milieu der 20er Jahre, in welchem zweitklassige Barpianisten anrüchige Melodien auf schmuddeligen Klavieren spielen, und den heutigen Tagen. Doch dieser antike und rostig patinierte Sound und die tranig triefende Nostalgie vieler Versuche, die musikalische Vorkriegszeit ins Heute zu transferieren, bleibt uns erspart. Diana Krall versteht es mit ihrer phantastischen Finesse und Leidenschaft, die Feinheiten der gecoverten Songs darzubieten, und eben jene lasziv düstere Stimmung glaubhaft zu erzeugen.

Eines meiner Highlights auf diesem Album ist das smoothige Gene Austin Stück „Let it rain“. Mark Ribot mit seiner authentischen akustischen Gitarre verwöhnt mit Biss und Schmelz genauso wie die Drums von Jay Bellerose. Die schwunghafte Alternate Version „There ain´t no sweet man that´s worth the salt of my tears“, treibt als Schlusstitel den Zuhörer beständig vor sich her, verwöhnt aber auch mit der spielerischen Leichtigkeit von Diana Kralls Gesang.

Eine Klasse für sich stellt der Titel „Lonely Avenue“ dar. Düster, mit tragender und treibender Drum, leidet Diana Krall in ihrem Zimmer, in dem niemals Sonnenlicht erscheint, und ihre Polster und Decken aus Stein und Blei gemacht sind. Die Elektrogitarre und das Banjo, ebenfalls von Marc Ribot, versetzen den Zuhörer endgültig in diese spröde Trauerstimmung. Eine sehr intime und persönliche Interpretation des Rhythm´n´Blues Stück von Ray Charles aus den 1950ern.

Klanglich bietet dieses Album neben einer düsteren, aber auch schwunghaften Stimmung, ein genial arrangiertes Klangkunstwerk, das wohl vonnöten sein muss, um der Interpretin und den anderen höchstkarätigen Besetzungen gerecht zu werden. Es spannt sich im heimischen Wohnraum der gewohnte Mikrokosmos an Feininformationen aus. Mark Ribot versteht es wie nur wenige, mit seinen Saiten-Instrumenten die Stimmung der Stücke zu tragen, und doch dezent im Hintergrund zu bleiben, und dabei das virtuose Klavierspiel Kralls und ihren Gesang zu begleiten und zu umgarnen. Aber auch Jay Bellerose an den Drums und Dennis Crouch am Bass fügen sich perfekt in das Gesamtwerk ein.

Ein Werk, das vermutlich so klingen muss, wenn der Name Diana Krall auf dem Album Cover steht, und wenn man als Musikliebhaber eine phantastische CD genießen möchte. Es ist die künstlerische Freiheit, die dem Künstler den nötigen Raum zugesteht, alte und vielen Musikbegeisterten bekannte Werke zu covern, aber auch manchmal neu zu interpretieren. Man kann sich an dem Cover-Bild stoßen und sich, vielleicht auch zu Recht, fragen, was hat denn eine ernsthafte Weltklasse-Künstlerin leicht bekleidet auf einem Cover zu suchen? Nun, vielleicht ist es der Wunsch des Label Management oder auch des Künstlers freie Entscheidung mit bestimmten Klischees zu kokettieren. Was auch immer das Motiv war, Diana Krall setzt es absolut glaubwürdig um.

Wie auch immer, das Album darf schlicht in keiner Sammlung fehlen, wobei wir nicht verabsäumen wollen darauf hinzuweisen, dass es dieses natürlich nicht nur auf Audio CD, sondern ebenso als Doppel Vinyl-Edition und sogar als SHM-CD gibt. Unsere Hörprobe durften wir anhand von FLAC-Dateien in 24 Bit und 96 kHz des deutschen Online-Anbieters highresaudio.com genießen, der dieses Album um wohlfeile € 21,- anbietet. Wer die entsprechende Hardware sein Eigen nennt, sollte sich diese Qualität nicht entgehen lassen.

Share this article