Dolly Parton „Halos & Horns“

Halos & Horns stellt ein audiophiles Album reinsten Wassers dar, und doch lässt es die geniale Produktion und das authentisch-reale Klangerlebnis in den Hintergrund treten. Zu sehr begeistert Dolly wieder einmal mit ihrer fantastischen Folklore aus den noch immer unbegrenzten Weiten Amerikas. Selbstbewusst räkelt sie sich auf dem Cover dieser CD auf sattem grünen Gras. Ob das wohl ein Wink in Richtung Bluegrass sein mag?

Von Jürgen Weber-Rom (jwr)
31.03.2012

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Über Dolly Parton zu schreiben, hieße wohl Eulen nach Athen zu tragen. Dennoch ein paar Details: Dolly Parton, 1946 auf einer Farm in Sevier County im US-Bundesstaat Tennessee geboren, und unter bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, zählt wohl zu den bekanntesten Sängerinnen weltweit. So hält sie einige imposante Rekorde. Sie veröffentlichte in den letzten 40 Jahren beinahe 80 Alben, welche meist im Country-Stil produziert wurden. Aber auch zahlreiche Pop-Alben finden sich in ihren Referenzen. Darüber hinaus ist sie die einzige Künstlerin, die in ihren 40 Jahren musikalischen Schaffens 25 Nummer 1 Hits in den Charts platzieren konnte, davon ein Song gar zweimal. Der Song hieß „I will always love you“. Ein Lied, mit dem die kürzlich verstorbene Withney Huston ebenfalls Welterfolge feierte. Und wer kann sich nicht an Hits wie „Jolene“ oder „9 to 5“ und „Yellow roses“ erinnern. Dolly Parton wurde als Mitglied in der „Country Music Hall of Fame“ und der „Songwriter Hall of Fame“ geehrt, immerhin hält sie Copyrights über unvorstellbare 3.000 selbstverfasste Songs. 100 Millionen verkaufte Alben sprechen eine eindeutige Sprache. Und nein, ich liste hier nicht alle ihre Awards und Ehrungen auf, welche die talentierte Dame aus Tennessee in den vielen Jahren des musikalischen Schaffens erreichte, denn es sind schlicht zu viele.

Seit den 90er Jahren verschrieb sie sich auch dem Bluegrass, eine der wichtigsten Stilrichtungen im breit gestreuten Genre Country. Das typische Merkmal ist wohl das rein akustische Klangbild, welches maßgeblich von einem Banjo, einer Fiddle, wie auch von der Mandoline und einer akustischen Gitarre getragen wird. Meist wechseln sich Vers und Solo-Instrument ab. Ein weiteres Merkmal ist der Einsatz einer Mandoline und einer Gitarre als Ersatz für das Schlagzeug, welche dann geschlagen werden. Wechseln die Musiker eine Mandoline ins Solospiel, werden die Fiddle oder ein Banjo musikalisch in die Rolle der sogenannten Chop-Schläge gestellt.

Entstanden ist der Bluegrass in Kentucky und Tennessee in den Jahren 1937 bis 1945 und beinhaltet angloamerikanische Balladen, afroamerikanische Tanzmusik und traditionelle Gospel-Gesänge. Der mit den Wurzeln des Bluegrass untrennbar verbundene Mandolinen-Spieler Bill Monroe formte daraus eine mit Swing- und Blues-Elementen untermalte Form der typischen amerikanischen Country-Musik. Ende der 50er, Anfang der 60er begann sich der Bluegrass über die Staaten zu verbreiten und fand Einzug in die Universitäten und Folkfestivals wie dem in Newport, Rhode Island, und gewann damit auch eine breitere kommerzielle Akzeptanz. Durch die Zuwanderung jüngerer Musiker wie Peter Rowan, Tony Rice oder David Grisham, und später auch der Rock Formation Grateful Dead, entstanden weitere Stile wie „Newgrass“ und „Jazzgrass“. In den 80er Jahren entwickelte sich der Bluegrass auch in Richtung Pop und fand teilweise Unterstützung durch Schlagzeug-Einsätze. Der „Neo-Traditionalismus“ gewann hier an Einfluss und mit der Jahrhundertwende betreten Bluegrass Bands wie „Infamous Stringdusters“ die Country-Bühnen. Seit den späten 90ern eben auch Dolly Parton.

Das hier vorliegende Album ist, um es gleich vorweg zu nehmen, eines, das von der ersten Minute an zu begeistern versteht, sofern man grundsätzlich das Genre Country mag, ist eine Mischung aus Dolly Parton, amerikanischer Hillbilly Folklore und einer Bluegrass-Instrumentierung. Aber auch Musikbegeisterte mit anderen Vorlieben gefallen könnte.

Neben einer genialen und mittlerweile gereiften Stimme mit einem sehr speziellen markanten Vibrato, ja Dolly Parton hat ihre Glamourwelt der 60er und 70er Jahre abgelegt, kommen nur natürliche Instrumente zum Einsatz, welche ein enorm farbenreiches und dynamisches Klangbild erzeugen. Wenn man über Dolly Parton spricht, treten unweigerlich auch sehr unterschiedlich und manchmal schwer vereinbare Meinungen zu Tage. Zum einen betätigt sie sich in einem ur-amerikanischen Genre, dem Country, und zum anderen hatte sie ihren Schaffenshöhepunkt möglicherweise bereits hinter sich, sodass sie eher den älteren Generationen geläufig ist. Ihre Filmkarriere, die ähnlich populär war, würde als neuzeitliche Produktion auch wesentlich anders verlaufen. Denn die 70er Jahre Filme sind, was sie sind, Ausdruck eines Zeitgeists, der halt in den 70er Jahren funktionierte. Was denkt man also in heutigen Zeiten über die Grande Dame des Country? Am besten, man lässt sie in den Erinnerungen und geht ganz unbelastet an ihre neueren Werke, und landet eben sehr schnell bei „Halo & Horns“. Ein Album, das genau genommen zwei Inhalte transportiert. Der Hauptinhalt, wenn man das so formulieren mag, ist Country, wie man ihn zeitloser und besser kaum machen kann, und welcher typisch amerikanische Folklore auch einem Nicht-Amerikaner näherbringen kann. Das zweite Attribut ist dem Bluegrass geschuldet, der für mich die Krönung im Genre Country darstellt. Wie bereits eingangs erwähnt, ist Bluegrass in seiner ursprünglichen Form nur mit akustischen Instrumenten eingespielt, und völlig frei von jeglichen Sound-Effekten wie Synthesizer Tiefbass-Gegrummel, welches zwar manchmal nett ist, aber in dieser Musik absolut nichts zu suchen hat.

Dolly Partons Stimme ist vorbildlich in die virtuelle Klangbühne eingebettet und steht felsenfest zwischen den Lautsprechern. Der Zuhörer verfällt von Beginn an dieser wunderbaren kräftigen und charakterstarken Stimmfarbe. Die spärliche Instrumentierung, typisch für Bluegrass, umrahmt glaubhaft die Sängerin, und gibt den Rahmen und das Fundament für die melancholischen Songs. Es wirkt schon fast gespenstisch, wie authentisch Dolly Parton meine Lieblingslieder wie „These old Bones“ oder das langsamere „What a heardache“ singt. Eine herzzerreißende Ballade stellt der Song „Raven Dove“ dar, der so unglaublich einfühlsam gesungen wird, und vom Wandel des Krieges und des Hasses in die Liebe und Frieden handelt.

„John Daniel“ ist ein Holzarbeiter, der mit schwieligen Händen, aber frischem Geist und schmutziger Arbeitskleidung in die Stadt kam. Ein junger Mann, der vielleicht gerade mal 24 Jahre alt schien. Ein junger Mann der am Abend in eine Robe und Sandalen gekleidet mit der Bibel in der Hand die Freiheit predigte. Vermutlich kann nur Dolly Parton diesen John Daniel so einfühlsam besingen, ohne dabei ins Kitschige abzugleiten. Das eigentliche Highlight stellt aus meiner Sicht die Cover-Version von „Stairway to heaven“ von Led Zeppelin dar. Man mag durchaus geteilter Meinung sein, ob man dies als Sakrileg ansehen mag, oder ob man diese Version des weltbekannten Rock-Klassikers als gelungene Bereicherung ansieht. Ich habe immer wieder Schwierigkeiten eine Cover-Version als eigenständiges Werk anzusehen, zu sehr ist es eine Kopie, welche einfach nur einen oberflächlichen Stempel aufgedrückt bekam. Aber hier ist es zumindest für mich eindeutig. Mit einer unfassbaren Authentizität und Selbstverständlich schmachtet und schmettert Dolly Parton dieses Kunstwerk „ Stairway to heaven“ in das Mikrofon. Ein weiteres Tragwerk, das diese Cover-Version gleichberechtigt neben das Original stellt, ist wohl das natürliche Instrumentarium. „Stairway to heaven“, allein mit einem Banjo, einer akustischen Gitarre und Streichern.

So bleibt mir nichts anderes über, als dieses charmante Hillbilly und Bluegrass Album alle paar Wochen in den CD Player zu legen, und mich ab und an mal in die beschauliche Welt Tennessee entführen zu lassen. Eine Welt, in der zeitliche Abläufe scheinbar anderen Regeln unterworfen sind.

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