Engelselixier, gechannelte Energie und „informierte“ Stromkreise


Wenn Sie bereit sind, viel Geld für ein Fläschen Engelselixier auszugeben, dann dürften Sie auch die Zielgruppe für einen Schuko-Stecker ohne Funktion, aber mit den „richtigen“ Informationen für einen homogenisierten Stromkreis sowie ähnlich gelagerte "bahnbrechende" Innovationen im Bereich Zubehör in der HiFi-Welt sein.


Von Michael Holzinger (mh)
27.07.2013

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Man kann es ja nicht oft genug hervorheben, dass das Hobby HiFi eine zutiefst emotionale Angelegenheit ist, bei der somit vielfach so manche Entscheidung nicht von logischen, von klar nachvollziehbaren Kriterien bestimmt wird. Das ist gut so, denn es geht schließlich um nichts anderes als das persönliche Wohlbefinden, ja, durchaus einen Lifestyle, eine Steigerung des Genusses durch das möglichst tiefe Erleben von Musik.

Gewisse Maßstäbe, die als „common sense“ gelten, sind unbestritten. Technische Daten, Ausstattungsmerkmale und Eigenschaften den Komfort betreffend, haben natürlich jeweils ebenfalls ganz individuelle Stellenwerte, gehen also ganz unterschiedlich gewichtet in die Entscheidungsfindung ein. Aber diese stehen außer Diskussion, sind aber nur ein Aspekt, und keinesfalls immer die letztlich entscheidenden. Um nur ein Beispiel von vielen herauszugreifen: so lässt sich etwa schlecht über Kriterien, wie das Empfinden einer speziellen Klangcharakter, an sich diskutieren. Klar, man kann verschiedenste theoretische Ansätze verfolgen, man kann anhand technischer Daten einen Klangcharakter bestimmen, aber wer entscheidet, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind? Welche Klangcharakteristik ist die beste?

Überhaupt ist die Frage, was denn das Beste, das tatsächliche Optimum ist, eine überaus kontrovers geführte Diskussion in der audiophilen Gemeinde, die meines Erachtens viel zu verbissen geführt wird, wobei sich viele dabei zu sehr durch die eigene Perspektive leiten lassen, während andere Aspekte nicht berücksichtigt werden. Fakt ist, dass sich so manche audiophile Musikliebhaber nicht irgendwann mit dem zufrieden geben, was sie bislang erreichten. Da muss es doch immer das Quäntchen mehr geben... Und auch das ist in Ordnung, denn es ist ja schließlich ein wesentlicher Aspekt des Hobbys HiFi.

So mancher Suchende ist aber dadurch besonders anfällig für so manche Idee, die bei nüchterner Betrachtung wenig erfolgsversprechend, vielleicht gar skurril, vielfach fragwürdig, manchmal geradezu als bedenklich erscheint.

Dabei ist es gar nicht so einfach, eine klare Linie zu ziehen, wo reale Verbesserungen, praktische Tipps und Tricks enden und skurrile Lösungen beginnen, und wann es in klaren Humbug, um nicht das Wort Betrug bemühen zu müssen, übergeht.

Hier hat sich ein immens großer „Markt“ entwickelt, der nicht zuletzt ganz klar die Leichtgläubigkeit jener Menschen ausnutzt, die bereit sind, für ihr Hobby und für das bereits erwähnte „Quäntchen“ mehr nahezu alles zu geben.

Überhaupt profitieren derartige Anbieter derzeit offensichtlich verstärkt davon, dass insgesamt wieder ein Trend zu mehr „Spiritualität“ zu verzeichnen ist, der aus Sicht klar denkender Menschen wohl nur zu ungläubigem Kopfschütteln führt. Wenn etwa Apotheken Produkte wie „Engelselixier“ verkaufen dürfen, das sich als nicht mehr als stilles Mineralwasser entpuppt, mit „gechannelter“ Energie aber dann statt 99 Cent pro Liter plötzlich € 30,- für ein kleines Fläschchen mit ein paar Milliliter „wert“ ist, dann ist es ja nahezu legitim, für eine „reale“ Hardware-Lösung mit natürlich „bestens“ dokumentierten „wissenschaftlichen“ Hintergrund oder gar streng geheimen Technologien ebenso ordentlich zuzulangen, wobei hier die Preise nach oben hin nahezu keine Grenzen kennen.

Das Erschütternde ist, dass die Liste an Beispielen, die wir hier anführen könnten, geradezu endlos wäre. Und ebenso erschütternd ist, dass der Markt dafür klar besteht. So haben wir es uns etwa zur Angewohnheit gemacht, regelmässig zum 1. April ein „Produkt“ aus diesem Segment „vorzustellen“. Selbstverständlich handelt es sich dabei um nicht mehr als reine Hirngespinste, die uns zumeist zu später Stunde einfallen, und dann in möglichst blumigen Worten und reichlich pseudowissenschaftlichem Geschwafel beschrieben werden.

Wir hatten da etwa so innovative Produkte wie das Goldflush Wireless LAN Audio Harmonicer-Kit, mit dem Net Maestro 2000 AV den ersten wirklich audiophilen WiFi Access Point und Router, sowie ganz exklusiv das Wiener Lüftchen als HiFi-Tuning für besonders fortgeschrittene Anwender.

Dennoch, man mag es eigentlich nicht glauben, gab es wirklich ernstgemeinte Anfragen, wo man diese erhalten könnte, und ob die wirklich das Versprochene einhalten. Unsere Hinweise auf das Datum des Artikels lösten dann zumeist eher peinlich berührtes Eingestehen aus, dass man ohnedies etwas skeptisch gewesen sei...

Was wir aber als reinen April-Scherz verstehen, ist bei so manchem Hersteller offensichtlich Unternehmensphilosophie.

Wie bereits geschrieben, die Beispiele hier ließen sich geradezu endlos aufführen. Aber Hand aufs Herz, es ist nicht zuletzt eine Frage der persönlichen Herangehensweise, was als essentiell, als hilfreich, oder klarer Humbug angesehen werden kann. Denn was für „uns“ Eingeweihte als „normal“ gilt, mag für Außenstehende schon verrückt erscheinen. Aber irgendwo muss man dann doch, selbst bei wohlwollendster Betrachtung, klar eine Grenze setzen.

So stolperten wir etwa dieser Tage über das Produkt eines Herstellers, der sich selbst als Lösungsanbieter im High-end HiFi-Segment und Technologie-Vorreiter ansieht. Schwerpunkt sind zunächst unverdächtige Produkte aus dem gesamten Zubehör-Segment. Dem Unternehmen erschienen offensichtlich reguläre Kriterien fürs eigene Marketing als zuwenig zugkräftig, also bediente man sich einer Verkaufsstrategie, die geradezu als Lehrbeispiel dafür herhalten kann, wie man den Boden der Realität verlässt, und in die Welt der reinen Glaubensfragen abdriftet, dies aber mit „wissenschaftlichen“ Erkenntnissen versucht zu untermauern.

So bewirbt das Unternehmen etwa einen sogenannten Abschlußstecker, dessen Aufgabe sich wohl kaum auf den ersten Blick erschließt. Dieser gleicht einem herkömmlichen Schuko-Stecker, und wird einfach in einen freien Anschluss einer Steckleiste gesteckt. Nein, es ist kein Kabel dran, er dient also nicht der Stromversorgung irgendeiner Komponente. Vielmehr soll er dazu dienen, die Stromversorgung aller Komponenten, die über die verbleibenden Stecker an die Netzleiste angeschlossen sind, zu „optimieren“ bzw. zu „verbessern“. Wie er das machen soll, darauf wird nicht so genau eingegangen. Denn die Beschreibung, dass dieser durch direkten Metallkontakt die Stromleitung „informieren“ soll, kann wohl nicht wirklich ernst gemeint sein. Ist sie aber, denn durch diese „Information“ soll das HF-Verhalten verbessert werden, und die Bildung von Potentialwirbeln und Interferenzen massiv verringert werden. Der Materialwert dieser Lösung beträgt wohl kaum mehr als ein paar Cent, sollen es ein paar Euro, wenn überhaupt sein, dennoch wird das Teil um über € 60,- feilgeboten.

Natürlich war es dem Unternehmen klar, dass man diesen „Aufpreis“ entsprechend untermauern muss. Punkt 1 aus dem Lehrbuch „Wie verhökere ich sinnloses Zeug zum Schweine-Preis“ lautet also, es muss ein wenig Substanz her, und selbstverständlich braucht es einen gut vermarktbaren Namen dafür. Also bemüht man die Wissenschaft, im besten Fall natürlich personalisiert in Form eines Akademikers mit möglichst vielen Titeln. Ein einfacher Dr. reicht da nicht aus, ein Ing. und Professor zusätzlich auf der Visitenkarte ist hier durchaus hilfreich. Wer also wirklich mehr darüber wissen will, was es mit der „Information“ an das Stromnetz auf sich hat, der kann dies nachlesen, und zwar in Form eines mehrseitigen PDF-Dokuments, das vollgepfercht mit Tabellen, Schaubildern und einer Auflistung an für den normalen HiFi-Liebhaber kaum nachvollziehbaren Fachausdrücken ist. Die essentiellen Aussagen, die sind natürlich möglichst klar verständlich und plakativ hervorgehoben. Da wird von einer „neuen Physik“ gesprochen, von bahnbrechenden Entdeckungen, die die bisherige Lehrmeinung auf den Kopf stellen. All dies konnte man - wie gesagt, man ist ja Technologievorreiter - als erstes Unternehmen überhaupt, in Produkte umsetzen. Diese führen zu einer bislang nicht gekannten Qualität, zu einer geradezu ekstatischen Wahrnehmung. Natürlich dürfen hier alle Schlüsselsätze nicht fehlen, die allzu oft herhalten müssen. Wie etwa der Vorhang, der weggezogen wird, oder die breite Bühne, ja, selbst auf den Organismus des Menschen könne man positive Wirkungen „nachweisen“.

Äußerst unangenehm aber ist, wenn man das mit dem „Nachprüfen“ dann allzu wörtlich nimmt, und etwa den Namen des Prof. Ing. Dr.... bei Google eintippt, und damit unmittelbar feststellt, dass die bahnbrechenden „Theorien“ und „Erkenntnisse“ des Herrn offensichtlich rein gar nichts wert sind, und dessen Reputation etwa dadurch leidet, dass er von seiner Fakultät defakto vor die Tür gesetzt wurde. Wortwörtlich ist etwa zu diesem Thema auf Wikipedia zu lesen, dass sich die Fakultät von den „...Ideen distanziert“, zudem wird „...darauf hingewiesen, dass sie „wissenschaftlich und methodisch nicht anerkannt, sondern in der Fachwelt äußerst umstritten sind“ und man legt ausdrücklich Wert darauf, „...dass sie nicht Gegenstand seiner Tätigkeiten an der Fakultät sind.“

Vor diesen „Störeinflüssen“ bewahrt das Unternehmen aber den potentiellen Kunden. Vielmehr hält man es hier, wie viele "Kollegen". Man spricht daher davon, dass die Erkenntnisse ohnedies von der "Fachwelt" anerkannt sind...

Und überhaupt, es gäbe ja in der Welt der HiFi zahllose Phänomene, die man aus wissenschaftlicher Sicht nicht begründen könne. So manches könne man ja gar nicht messen, dennoch sei es da. Nun, jedem seriösen Wissenschaftler wird es dabei wohl zumindest die Haare aufstellen, aber dieser Satz ist geradezu entscheidend für das gesamte System der Vermarktung derartiger Produkte. Aus dem Lehrbuch Punkt 2: Mach Kritiker lächerlich!

Wortreich wird bei derartigen „Lösungen“ stets dargelegt, dass es ja mehr zwischen Himmel und Erde gäbe, und das nicht alles nachweisbar sei. Ohnehin sei allein der Nutzen entscheidend, und den würden alle „Experten“ sofort wahrnehmen können. Im Umkehrschluss heisst das natürlich sofort: wer es nicht wahrhaben will, der kennt sich eben nicht aus!

Somit wären wir bei Punkt 3 aus dem Lehrbuch angelangt: Lass Kunden für Dich sprechen. Also findet man eine Vielzahl an Lobpreisungen bisheriger Kunden, wobei wir an dieser Stelle selbstverständlich davon ausgehen, dass diese natürlich nicht, wie etwa bei bei Amazon.de und vielen anderen Plattformen vielfach belegt, gefaked sind, sondern reale Meinungen von Kunden darstellen.

Zumal wir ja oft selbst die Erfahrung machen mussten, dass man so manchem HiFi-Enthusiasten durchaus viel einreden kann, auch wenn dies einer nüchterner Betrachtung niemals standhält. Selbst wenn sich manches davon als klarer Schwindel entpuppt, beharrt so mancher nach wie vor darauf, dass da vielleicht ja doch etwas dran sein könnte. Wer also etwas mehr als € 60,- für einen Schuko-Stecker ausgegeben hat, der will einfach daran glauben, sonst müsste er sich ja selbst eingestehen, dass er da vielleicht sein Geld beim Fenster rauswarf...

Zudem greift hier ja geradezu perfekt Punkt 4 im Lehrbuch: Suche Fachleute, die Deine Marketing-Strategie unterstützen. Und dabei ist so mancher angebliche Fachjournalist ein geradezu willfähriger Mittäter.

Längst hat sich aus einem Teil der „Fachpresse“ und der auf esoterische Zubehör-Lösungen spezialisierten Unternehmen eine Art Symbiose gebildet, die für beide Seiten bestens funktioniert, und die kaum zu durchbrechen ist.

Wie gesagt, vieles ist zutiefst emotional, und viele Hersteller geben ja offen zu, dass bei ihren Lösungen rein gar nichts messbar ist. Man kann also einem Journalisten, der in einem derartigen „Engelselixier“ ein für sich unverzichtbares Hilfsmittel „erkannte“, eigentlich wenig ans Zeug flicken, denn es ist ja seine persönliche Meinung. Und leider gilt kritisches Nachfragen längst nicht mehr überall zum Handwerk. Vor allem nicht dann, wenn es nicht zuletzt die Lieferanten derartiger Zubehörlösungen sind, von denen das Gehalt des Journalisten am Ende des Tages gezahlt wird. Wenn man sich dafür nur eine nette Story aus den Fingern saugen muss, ein sogar sehr leichtes Spiel. Und auch hier gilt: Kritiker macht man mit einem einzigen Nachsatz sofort mundtot: wer‘s nicht hört, der hat eben Schweinsohren. Was soll man mit so jemanden über guten Klang diskutieren?

Tja, und auch der Fachhandel spielt hier vielfach mit, denn auch hier lässt sich mit wohl nichts anderem schneller und leichter Umsatz generieren. Auch hier gilt: das muss man hören, da braucht‘s keine weitere Erläuterung!

Ein Kreislauf also, der bestens funktioniert, und der für den Kunden, der eben nicht kritisch nachfragt, zum Teufelskreis werden kann, denn am Ende ist es sein Geld, das ihm aus der Tasche gezogen wird.

Ach ja, ich sollte an dieser Stelle natürlich keinesfalls den 6. Punkt im Lehrbuch unerwähnt lassen, der aber nur dann zum Einsatz kommt, wenn es gilt, sich besonders hartnäckige Kritiker vom Hals zu schaffen. Und dieser ist ebenso banal, wie wirkungsvoll. Denn hier reicht zumeist ein lapidarer Hinweis, dass es immer schon diejenigen gab, die den Fortschritt mit aller Kraft verhindern wollten. Die Geschichte zeige, dass es immer die gab, die neuen Entdeckungen, neuen bahnbrechenden Technologien besonders skeptisch gegenüber standen und diese in Frage stellten.

Interessanterweise hat keiner bedacht, dass es genau dieses etwas in Frage stellen war, das uns in Wahrheit den Fortschritt brachte. Und es waren die „Ideen“, die sich durchsetzten, die dieser kritischen Betrachtung standhielten. „Klappe zu, es ist so!“ erinnert eher an die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte...

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