Erwin Schrott "Rojotango"

Wäre dieses Album nicht ohnedies auf unserer Wunschliste gestanden, spätestens nach dem Lesen folgender Zeilen auf dem Cover wäre die Entscheidung klar gewesen: „In der Oper verliebt sich der Tenor in die Sopranistin. Dann tötet der Bariton den Tenor und die Sopranistin ist unheilbar krank und stirbt. Am Ende ist der Bariton ganz allein. All das passiert auch im Tango, aber binnen eineinhalb Minuten...“

Von Michael Holzinger (mh)
20.06.2011

Share this article



Nüchtern betrachtet muss man sagen, dass Erwin Schrott erst durch die Heirat mit der Sopranistin Anna Netrebko ins Interesse einer breiten Öffentlichkeit rückte. Dabei kann der 1972 in Montevideo im südamerikanischen Uruguay geborene Sänger längst auf zahlreiche eigene Erfolge an internationalen Bühnen verweisen.

Nach verschiedensten Hauptrollen an führenden Opernhäusern Südamerikas und einer überaus erfolgreichen Teilnahme am Operalia-Wettbewerb, bei dem er sowohl das Publikum als auch die Fachjury für sich begeistern konnte, begann seine internationale Kariere mit regelmässigen Auftritten am Teatro San Carlo in Neapel, dem Opernhaus in Zürich, der Mailänder Scala, der Metropolitan Opera in New York, dem Royal Opera House in London und natürlich der Wiener Staatsoper. Einen seiner bislang größten Erfolge feierte Erwin Schrott in der Rolle des Leporello in Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“. In dieser Partie feierte ihn nicht nur die internationale Presse, sondern auch das Publikum in Salzburg, als er im Jahr 2008 bei den Salzburger Festspielen unter anderem an der Seite von Anette Dasch debütierte.

Selbstverständlich ist das ein Auszug aus Don Giovanni auch auf seinem Debut-Album zu finden, dass neben dieser Arie von Mozart auch Werke von Verdi, Berlios, Gonoud und Meyerbeer umfasst und so die Vielseitigkeit und das breite Repertoire des Bassbariton zeigt.

Abgesehen von dieser Vielseitigkeit und einem durchaus ausgeprägtem Können kann Erwin Schrott noch ein weiteres, für das heutige durchaus raue Businness im Klassikbereich durchaus dienliches Prädikat mit, und zwar sein gutes Aussehen. So geht der Sänger tadellos als eine Art Latin Lover durch, und das trotz der Ehe mit Anna Netrebko. Ganz im Gegenteil, hier hat die Musik-Branche im hart umkämpften Klassikbereich ihr Traumpaar gefunden, dass sich exzellent vermarkten lässt. Können allein reicht eben nicht immer, wenn man wirklich ins Big Business will.

Daher spielt Erwin Schrott diese ihm zugedachte Rolle mit Bravour, wie man allein beim Durchblättern des Begleithefts zur neuesten CD feststellen kann. Und zugegeben, irgendwie passt es ja auch perfekt zu diesem Album, das sich ausschließlich dem Tango widmet. Warum allerdings dieses Album von Schrott‘s neuem Label Sony Classical zu einem Wagnis hochstilisiert wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Zahllose Beispiele berühmter Kollegen Schrott‘s zeigen, dass sich etwa spanische oder auch mexikanische Sänger der Opernwelt ganz hervorragend mit dem Liedgut ihrer Heimat auseinander setzen können, und dies durchaus auch kommerziell sehr erfolgreich sein kann, sei es nun Placido Domingo etwa mit "Romanzas de Zarzuelas" oder Rolando Villazón mit "Gitano" oder "Mecixo!".

So wird es wohl auch im Fall dieses Albums sein, für das sich Erwin Schrott die Unterstützung von niemand geringerem als dem Pianisten Pablo Ziegler sicherte, der unter anderem bereits mit Astor Piazolla zusammenarbeitete und für die aktuelle CD von Erwin Schrott die musikalische Leitung übernahm, wobei er natürlich auch auf einige Kompositionen von Piazolla zurückgriff und zudem auch für die überaus gelungenen Arrangements verantwortlich zeichnet. Diese bilden eine wunderbare Grundlage für die Interpretationen von Erwin Schrott, der sich auf dem Album „Rojatango“ zusammen mit exzellenten Musikern eines bewusst klein gehaltenen Ensembles quer durch das Genre bewegt.

Aufgenommen wurde dieses Album an insgesamt vier Tagen in den MSR Studios in New York unter der Leitung des Produzenten David Caddick und dem Tontechniker Todd Whitelock. Das Mastering oblag Mark Wilder, der viel Gespür für die Umsetzung eines speziellen, einer kleinen Spelunke irgendwo in einer südamerikanischen Hafenstadt nicht unähnlichen Klangbilds bewies und so die Intimität der wehmütigen Lieder perfekt unterstreicht.



Nach dem Hören dieses Albums klingen die zunächst wie eine Plattitüde erscheinenden Ausführungen von Erwin Schrott im Begleitheft, in denen der Sänger davon schwärmt, dass die Seele des Tango in seinem Blut fließe und somit Teil seines Lebens sei, da er in Uruguay geboren ist und er schon immer von einem derartigen Album träumte, durchaus nicht mehr so inhaltsleer. Denn Schrott versteht es hier sehr wohl, die Musik seiner Heimat mit Leben zu füllen und den Zuhörer die ganze Schwermut, die Trauer und die Dramatik dieser Lieder zu vermitteln.


Michael Holzinger


Share this article