Google TV - Das komplette Web am Fernseher

Nahezu alle Hersteller von TV-Geräten arbeiten seit geraumer Zeit mit Hochdruck an Lösungen, um Web-Inhalte auch am Fernseher im Wohnzimmer zugänglich zu machen. Dabei konzentrieren sich Unternehmen wie Sony, Samsung, LG usw. bislang aber lediglich auf ausgewählte Dienste, die speziell für die Darstellung am Fernsehschirm aufbereitet werden. Google will mit Google TV künftig das gesamte Web-Angebot zugänglich machen.

Von Michael Holzinger (mh)
21.05.2010

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Ein derartiger Ansatz ist natürlich alles andere als neu, aber bislang scheiterten diese Konzepte kläglich. Denn auch wenn aktuelle HD TV-Geräte eine ebenso hohe, teils sogar größere Auflösung als herkömmliche Displays für PCs bieten, sind normale Webseiten eben schlicht ungeeignet für die Darstellung auf einem Fernsehgerät. Dies beginnt bei der nicht passenden Darstellung und geht über eventuell fehlende Plug Ins für multimediale Inhalte bis hin zur Navigation. Im Wohnzimmer will man ja schließlich nicht auf eine Maus und Tastatur zurückgreifen, sondern alles allein mit der Fernbedienung des TV-Geräts bewerkstelligen.

Aus diesem Grund beschränkt sich das Angebot bei Diensten, die Internet-Inhalte auf den Fernsehschirm bringen sollen, wie etwa BRAVIA Internet TV von Sony, bei Philips NetTV, dem LG NetCast Entertainment Access oder VIERA CAST von Panasonic in erster Linie auf eine Auswahl ganz spezieller Inhalte. Dabei stehen nicht textbasierte Inhalte, sondern nahezu ausschließlich Video, Foto und Audio im Vordergrund. So erlauben diese Dienste den Zugriff auf Videos von YouTube, Fotos auf Diensten wie FlickR, teilweise Interaktion mit Plattformen wie MySpace, Facebook und Ähnlichem, sowie den Abruf von Video-Inhalten wie etwa Tagesschau.de, Musik-Videos, Sport-Berichte usw. Es ist jedoch zumeist nicht vorgesehen, ganz gezielt Adressen von beliebigen Webseiten eingeben und diese abrufen zu können.

Diese Option bieten nur noch ganz wenige Lösungen wie etwa für „Bastler“ konzipierte Settop-Boxen oder so genannte HTPCs (Home Theater PCs), ausgestattet etwa mit Microsoft Windows Media Center. Lösungen also, die sich am breiten Markt nicht durchsetzen konnten.

Google wagt nun aber aufs Neue einen entsprechenden Vorstoss, denn Google TV soll eben nicht allein auf wenige, spezielle Online-Angebote begrenzt sein, sondern tatsächlich beliebige Web-Inhalte über die Darstellung am Fernseher zugänglich machen.

Dabei will Google aber deutlich weiter gehen, als es bisherige Lösungen erlaubten. Denn das erstmals von Google auf der I/O-Konferenz präsentierte Konzept Google TV sieht vor, nicht nur Web-Inhalte auf dem Fernseher darzustellen, sondern diese weitestgehend mit dem TV-Programm direkt verbinden.

Google will den neuen Dienst auf zweierlei Varianten etablieren. Zunächst will man in Kooperation mit Unternehmen wie Intel und Logitech eigene Geräte produzieren, die als Erweiterung für bestehende TV-Geräte dienen sollen. Diese Geräte sollen auf der Basis von Intels Prozessor Atom CE4100 mit dem Betriebssystem Google Android ausgestattet sein und in erster Linie über Wireless LAN ins Netzwerk integriert werden können. Die Verbindung zum Fernsehgerät wird natürlich über HDMI hergestellt, wobei allerdings fortan die Settop-Box von Google die zentrale Schnittstelle bildet. So wird das normale TV-Signal ebenfalls vom Google TV-Gerät gesteuert, das dieses mit Online-Inhalten erweitern kann. Auf diese Art und Weise ist auch eine Bild-in-Bild Darstellung möglich, sodass Inhalte nicht nur über spezielle Untermenüs zugänglich sind, sondern direkt zum laufenden Programm abgerufen werden können.

Dies gilt natürlich auch für den zweiten Ansatz, den Google zum Beispiel über eine Kooperation mit Sony verfolgt. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit soll Google TV direkt in TV-Geräte implementiert werden. Die ersten daraus resultierenden Geräte will der japanische Unterhaltungs-Elektronik-Konzern bereits im Herbst 2010 in den USA auf den Markt bringen, wobei der Dienst dann nach derzeitigem Stand Sony Internet TV heissen soll. Sony plant zudem auch Blu-ray Player mit diesem Dienst auszustatten. Darüber hinaus will auch Sony, wie Logitech auch, spezielle Settop-Boxen mit den Diensten von Google anbieten.

In jedem Fall soll mit Google TV das herkömmliche TV-Programm, wie bereits erwähnt, um Online-Inhalte erweitert werden. Dazu bedient sich Google dem eigenen Web-Browser Chrome, über den auch proprietäre Inhalte wie etwa Adobe Flash unterstützt werden sollen. Google will aber nicht nur Chrome, sondern die gesamte Plattform Android um spezielle APIs erweitern, über die Entwickler neue Applikationen für die Nutzung am Fernseher entwickeln können.

Überhaupt soll durch die, ursprünglich eigentlich für Smartphones entwickelte Android-Plattform die Möglichkeit bestehen, für Google TV auf zahlreiche bereits bestehende Applikationen zugreifen zu können. Nach den Vorstellungen von Google sollen nahezu alle Android-Applikationen, die keine telefonspezifischen Funktionen aufweisen auch bei Google TV genutzt werden können.

Um möglichst viele Entwickler für diese spezielle Ausprägung der Android-Plattform gewinnen zu können will der Suchmaschinen-Riese Google TV künftig komplett als Open Source veröffentlichen.

Die Oberfläche von Google TV erinnert ein wenig an die bekannte Webseite von Google. Ein zentrales Suchfeld stellt also auch hier das wesentliche Steuerungselement dar, wobei sich dieses hier halbtransparent über das Fernsehbild legt. Über dieses Suchfeld können entweder gezielt Inhalte wie Nachrichten, Wetter, Programmführer usw. im Web abgerufen werden, sondern auch jede beliebige Webseite. Zudem kann aber natürlich auch ganz allgemein nach Inhalten gesucht werden.

So ist es z.B. auch möglich, für ein laufendes Programm Informationen abzurufen, etwa eine Fernsehserie, zu der dann nicht nur Hintergrund-Informationen oder weitere Sendetermine über Programmführer, sondern eventuell auch entsprechende Folgen der Serie als Video-on-demand Dienste angeboten werden.

Durch die spezielle halbtransparente Darstellung oder als Bild-in-Bild soll dies alles besonders komfortabel sein.

Die Steuerung kann dabei entweder über eine normale Fernbedienung, aber auch über ein beliebiges Smartphone erfolgen. Google demonstrierte diese Option natürlich im Zusammenspiel mit einem Smartphone auf Android-Basis. Nach Ansicht von Google soll in diesem Fall sogar eine Sprachsteuerung möglich sein und Inhalte vom Smartphone könnten direkt über Google TV auf dem Fernseher angezeigt werden.

Logitech setzt bei den eigenen Google TV-Lösungen natürlich vor allem auf Fernbedienungen aus der Harmony-Serie, will aber auch entsprechende Tastaturen anbieten. Zudem kündigte Logitech an, spezielle HDTV-Kameras für Videochats mit Google TV anbieten zu wollen. Kein Wunder also, dass Logitechs Chairman Guerrino de Luca Google TV gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters als Wachstumsmotor bezeichnete und die Geschäftschancen als mindestens so groß sieht, wie in den Blütezeiten der PCs.

Mit Google TV betritt Google somit ein völlig neues, künftig sicher überaus lukratives Geschäftsfeld, das zudem perfekt in die Unternehmensstrategie passt. Denn Google macht viel, sehr viel Geld mit Werbung. Nicht umsonst wird das Unternehmen als Datenkrake angeprangert, die mit teils umstrittenen Mitteln alles an Daten und somit Informationen aufsaugt, was irgendwie erfasst werden kann, um diese gewinnbringend zu vermarkten.

Mit Google TV nistet man sich nun an einer weiteren, ganz zentralen Schnittstelle ein. Man liefert dem Konsumenten ein Gerät, dass die derzeit wohl wichtigsten Medien auf einfachste und komfortable Art und Weise verbindet und klinkt genau hier die perfekt auf das Sammeln von Informationen spezialisierten Werkzeuge ein, um künftig nicht nur das Verhalten der Anwender am PC, sondern eben auch beim Fernsehen zu ermitteln.

Insofern bleibt abzuwarten, wie Anwender auf diesen Vorstoss Googles reagieren werden. Denn mit all den derzeit heftigst diskutierten Pannen Googles beim Sammeln von Daten und der teils sehr eigentümlichen Auffassung von Privatsphäre, nicht nur bei Google, sondern auch bei anderen Unternehmen wie etwa Facebook, dürfte die Sensibilität der Kunden zunehmen wachsen und sie nicht mehr so bereitwillig Daten über ihre persönlichen Vorlieben im Tausch gegen ein bisschen Komfortgewinn preis geben.

Zumal durchaus auch andere Anbieter in diesem Umfeld ähnliche, wenngleich nicht immer gar so umfassende Lösungen anbieten. Da wäre z.B. Apple zu nennen, deren Apple TV ja zumindest ansatzweise in die gleiche Richtung zielt. Allerdings war dem ansonst geradezu erfolgsverwöhnten Unternehmen aus Cupertino in diesem Bereich kein allzugroßer Erfolg beschert. Ein Umstand, der so manchen Analysten und Branchenkenner auch am Erfolg von Google TV zweifeln lässt.

Michael Holzinger

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