Hans Theessink und Terry Evans „Delta Time“

Hans und Terry harmonieren perfekt, dies belegt nicht zuletzt das Album „Visions“ eindrucksvoll, und auch „Delta Time“ ist ein klarer Beweis dafür, dass allein zwei Ausnahme-Künstler mit ihren Stimmen, ihren Gitarren eine immens dichte Atmosphäre schaffen können, die den Zuhörer vom ersten bis zum letzten Ton in den Bann zieht und auch dann nicht wieder loslässt.

Von Michael Holzinger (mh)
21.09.2012

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Sanft senkt sich der Tonarm und die Nadel gleitet in der Rille, und bereits nach den ersten Akkorden ist klar, dass man es mit einem ganz außergewöhnlichen Album zu tun hat, das dennoch sofort sehr vertraut wirkt. Denn die Protagonisten sind bekannt, und spätestens nach ihrem letzten gemeinsamen Album "Visions" ist klar, beide für sich allein bereits Meister ihres Fachs, ergibt sich aus der Mischung etwas ganz Außergewöhnliches, und im Fall von „Delta Time“ etwas geradezu Geniales. Hans Theessink und Terry Evans brillieren hier durch eine Harmonie, als würde der eine nie ohne den anderen spielen.

Weder über Hans Theessink, noch über Terry Evans muss man wohl viele Worte verlieren. Hans Theessink, Europas Blues und Roots-Meister schlechthin, der selbst in den USA von niemand geringerem als Bo Diddley voller Anerkennung als „One helluva guitar player“ bezeichnet wurde, und Terry Evans, der in seiner über fünfzigjährigen Karriere nicht nur auf etliche Solo-Alben verweisen kann, sondern mit nahezu allen Größen des Blues zusammen arbeitete, sei es John Lee Hooker, Eric Clapton, John Fogerty, Pops Staples oder Ry Cooder.

Die Geschichte hinter „Delta Time“ begann im Februar 2012, als Hans und Milica Theessink dem kalten Winter in Wien entflohen, und, wie Hans im Begleittext des neuen Albums schreibt, mit einer 6- und 12-saitigen Gitarre sowie einer Liste an Songs nach Los Angeles aufbrachen. Eine Woche lang war der Küchentisch von Terry Evans in Inglewood der Schauplatz, um Songs auszuwählen, Arrangements erarbeiten und den richtigen Rhythmus und die passende Tonart für die perfekte Harmonie beider Stimmen zu finden.

Als Tonstudio sollte, wie bereits beim Album „Visions“ Grandma‘s Warehouse in Echo Park dienen, denn man wusste, dass hier mit Andrew Bush nicht nur der perfekte Tontechniker, sondern auch feinstes Gerät zur Verfügung stand, wobei dies wohl gänzlich anders aussieht, als man sich dies hinlänglich bei derartigen Top-Produktionen vorstellt. Denn mehr als ein paar Gitarren, die passenden Verstärker, vorwiegend feinstes Vintage-Equipment, eine Mandoline, ein Banjo und eine Harmonika sowie eine Auswahl exakt platzierter Mikrofone war nicht erforderlich, um im Studio die insgesamt elf bzw. 13 Songs des Albums festzuhalten.

Bei nahezu allen Liedern ist klar zu hören, was Hans Theessink und Terry Evans in den Liner-Notes zu Protokoll geben: die Basic Tracks wurden stets gemeinsam eingespielt, und waren mitunter bereits nach dem ersten Take perfekt, andere bedurften auch nicht mehr als zwei oder drei Durchgänge, um Hans und Terry zufrieden zu stellen, die bei „Delta Time“ auch die Produktion selbst übernahmen.

Schon beim ersten, dem Album namensgebenden Titel „Delta Time“ begleitet die beiden Protagonisten eine Percussion, die, einem Herzschlag gleich, den Takt des Geschehens vorgibt, und die über weite Strecken des Albums das Spiel der beiden Künstler begleitet. Dabei handelt es sich um nichts anderes, als das Klopfen des Taktes mit dem Fuss von Hans, das einfach mit aufgenommen wurde. Und da dies am besten klang, wenn Hans dies barfuss auf dem Holzboden im Studio machte, lief er die meiste Zeit ohne Schuhe herum...

Als Unterstützung bei den Vocals konnte Terry Willie Greene jr., Arnold McCuller gewinnen, die gemeinsam mit ihm im Trio für den Background-Gesang sorgten. Unglaublich, welch Energie, welch dichtes Klangbild allein drei Stimmen entfalten können. Als wäre dies alles noch nicht genug, fand sich niemand geringerer als Ry Cooder bei den Aufnahmen in Echo Park ein und steuerte bei drei Songs seinen unverwechselbaren Gitarren-Parts bei, wobei die in den Liner-Notes des Albums zu findende Beschreibung dessen, was Ry Cooder dazu mit ins Studio brachte, so manchen Gitarren-Liebhaber mit Hang zu außergewöhnlichen, ausgefallenen Vintage-Gear ins Schwärmen bringen könnte.

Die Konzentration auf das Wesentliche, und damit der Verzicht auf überbordende Arrangements ist ein Punkt, der dieses Album so hörenswert macht. Hier fanden sich zwei Musiker zusammen, die wie bereits einleitend erwähnt, sehr gut harmonieren. Und zwar auf Grund ihrer sehr unterschiedlichen Stimmen und ihrer jeweils ganz besonderen Art des Gitarrenspieles, die getragen durch die gleiche Leidenschaft, offensichtlich sehr ähnlicher musikalischer Vorstellungen dann doch zu einem perfekten Ganzen werden. Andrew Bush hat dies exzellent festgehalten, wobei vor allem die immens dichte Stimmung, der intime Charakter wohl nicht zuletzt durch die nahezu unter Live-Bedingungen in wenigen Takes festgehaltenen Tracks ergibt. Gavin Lurssen hat dem durch sein perfektes Mastering den letzten Schliff gegeben, wobei hier keineswegs Hochglanz gefragt ist, sondern vielmehr auch hier der unmittelbare Eindruck einer Live-Aufnahme exzellent umgesetzt wurde. Schließt man die Augen, so sitzen Hans und Terry direkt im Raum, zum Greifen nahe.


Wir wollen abschließend gar nicht auf einzelne Songs des Albums eingehen, denn es ist nicht weniger als ein Hochgenuss vom ersten bis zum letzten Ton. Einzig einen Song darf man nicht unerwähnt lassen, denn „The birds and the bees“ sticht dann doch ein wenig aus dem „match made in blues heaven!“ hervor. Und dennoch fügt auch er sich durch die hier zu hörende Neuinterpretation der beiden Musiker perfekt in das Gesamtbild ein. Aber warum ist er auf diesem Album? Ganz einfach, Terry Evans war Mitglied der Formation The Turnarounds und verdiente mit diesem Hit sein erstes Geld als Musiker...

 

Was kann man also über „Delta Times“ mehr sagen, als das dieses Album schlicht und ergreifend ein Meisterwerk ist. Hans Theessink und Terry Evans liefern hier ein wahres Glanzstück, ein Lehrbeispiel dafür ab, wie unmittelbar, geradezu spürbar Musik auf Tonträger festgehalten werden kann und welch emotionale Wirkung mit vergleichsweise geringsten Mitteln - zwei außergewöhnliche Stimmen, meisterhaften Gitarrenspiel - erzielbar ist. Perfekt abgemischt, perfekt gemaster, und natürlich ebenso perfekt auf CD oder Vinyl gebracht! Ja, das Album ist im wahrsten Sinne des Wortes audiophil, aber wen interessiert das noch in Anbetracht der schlicht mitreissenden Musik?

Bereits einzeln genial, gemeinsam sind sie pure Magie, wie „Delta Time“, festgehalten auf "Delta Time" beweist.. und ja, das Album ist natürlich auch auf Audio CD und als Download erhältlich.

Und selbst eingefleischte Vinyl-Freunde werden in diesem Fall nicht nur zur Schallplatte, sondern wohl auch zur CD greifen. Denn in der Vinyl-Fassung finden sich auf dem Album elf, auf der Audio CD und als Download 13 Titel.

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