Hi-Res Audio auf dem Prüfstand - Wie man Vertrauen zerstört…

Hi-Res Audio kann eine immens spannende Geschichte sein, denn erstmals steht damit genau das zur Verfügung, was audiophile Musik-Liebhaber erträumen, nämlich im Prinzip nichts anderes als das „Masterband“ direkt zur Verfügung zu haben. Doch manchmal ist leider nicht das drinnen, was das Etikett verspricht…

Kurz gesagt...

So mancher Anbieter von Hi-Res Aufnahmen scheint sich der Bedeutung im Bezug auf das Vertrauen der Kunden in ein überaus spannendes Marktsegment nicht bewusst zu sein und schielt eher auf das „schnelle Geld“, denn auf einen langfristigen, soliden Geschäftserfolg.

Wir meinen...

Hi-Res Audio ist ein immens spannendes Marktsegment, denn erstmals könnten damit Aufnahmen in digitaler Form exakt so HiFi-Enthusiasten zur Verfügung stehen, wie diese im Studio produziert wurden. Der Markt ringt jedoch um Vertrauen, denn vielfach wird bezweifelt, dass man auch genau das erhält, wofür man zahlt. So mancher Anbieter bestätigt leider all die Skeptiker mit manchem seiner Angebote, die dem Konsumenten letztlich nicht die erhoffte Qualität bieten, und den wirklich engagierten Anbietern das Leben schwer machen!

Von Michael Holzinger (mh)
08.07.2015

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Lassen Sie mich zu Beginn eine ganz banale Frage stellen: warum investiert man mitunter sehr viel Geld in ein edles, feines HiFi-System? Warum beschäftigt man sich mit Akribie und Hingabe mit jedem noch so kleinen Detail, um eine in sich absolut stimmige Kette zu realisieren?

Nun, für viele wird es auf diese Frage nur eine klare Antwort geben, nämlich die, dass man Musik in bestmöglicher Form genießen will. Auch wenn selbst die kostspieligste, ausgeklügeltste HiFi-Anlage natürlich niemals auch nur annähernd die Intensität einer Live-Darbietung erzielen kann, und zwar völlig gleichgültig, welches Musik-Genre, so kann man zumindest ein überaus ansprechendes Erlebnis realisieren, insbesondere dann, wenn gut produzierte Aufnahmen zur Verfügung stehen, die ohnedies niemals dazu konzipiert waren, direkt mit einer Live-Performance verglichen zu werden.

Vielmehr handelt es sich bei normalen Studio-Produktionen ja um ein eigenständiges Kunstwerk, bei dem mit (hoffentlich) viel Aufwand ein ganz eigener Klangcharakter, ein eigener Sound kreiert wird, der sich somit gar nicht am „Live-Ereignis“ messen lassen muss.

Aber genau diesen im Studio kreierten Sound auch im Wohnzimmer abzubilden, also exakt den Klangeindruck zu ermöglichen, der im Studio von den Musikern, vom Produzenten und Tontechniker, vom Einspielen über die Abmischung bis hin zum Mastering erschaffen wurde, das ist das erklärte Ziel audiophiler HiFi- und letztlich auch Musik-Enthusiasten.

Per Definition ist dazu allen voran ein Format geeignet, nämlich so genannte Hi-Res Audio-Daten, also Aufnahmen in digitaler Form, die aus technischer Sicht exakt jenen Eckdaten entsprechen, die auch im Tonstudio gelten. 24 Bit anstatt 16 Bit einer Audio CD, zumindest 44,1 kHz, oder gar 96 kHz sind es, hinterlegt als WAV- oder AIFF-Datei, oder aber in einem verlustfrei arbeitenden Kompressionsverfahren wie etwa FLAC, das sind die wesentlichen Kenndaten, die eins zu eins jenen Kriterien entsprechen, die auch bei der Produktion von Musik zum Einsatz kommen. Völlig zu Recht sprechen so manche Anbieter von Hi-Res Dateien in diesem Zusammenhang auch von so genannten Studiomaster-Aufnahmen, denn letztlich erhält der Kunde tatsächlich eine 1:1 Kopie des Masterbands.

Allein, dies ist in erster Linie leider Theorie, denn wie die Praxis vielfach zeigt, wird ganz speziell mit Hi-Res Aufnahmen derzeit, auf den Punkt gebracht, viel Schindluder betrieben. Die Euphorie der Kunden, die hier gänzlich neue Möglichkeiten der Qualitätssteigerung für sich erkannten, wird von so manchem Anbieter schamlos ausgenutzt, um alten Wein in neuen Schläuchen zu verramschen.

So mancher Anbieter legt dabei eine Unverschämtheit zu Tage, die nur noch Ratlosigkeit hervorruft und daran zweifeln lässt, dass sich diese Anbieter über die Tragweite ihres Handelns auch nur im Ansatz im klaren sind.

Seit Anbeginn an muss Hi-Res Audio damit leben, dass so mancher potentielle Kunden große Zweifel hegt, ob er um sein hart erarbeitetes Geld auch tatsächlich das erhält, was die Anbieter versprechen. Dies gilt vor allem für jene Aufnahmen, die bereits in zahllosen anderen Formaten, auf verschiedensten Tonträgern seit Jahr und Tag immer aufs Neue aufgelegt wurden, und nunmehr natürlich auch in Hi-Res einer x-ten Wiederverwertung zugeführt werden.

Wer sich also Album XY des Künstlers XY nun ein weiteres Mal in Hi-Res zulegt, der will dann schon Gewissheit darüber haben, ob er dann auch tatsächlich ein „echtes“ Hi-Res File erhält, oder nicht mehr als eine irgendwie hochskalierte Datei, die qualitativ nicht mehr zu bieten hat, als jene Aufnahmen, die er bereits etwa in Form einer Audio CD im Regal stehen hat, und die eventuell nur einen Bruchteil dessen kostete, was nunmehr für die neue Hi-Res Version aufgerufen wird.

Und die Kritiker von Hi-Res, die sind nicht nur zahlreich, sie werden auch nicht müde, genau diese Zweifel zu schüren, auch wenn vielfach letztlich nur eigene finanzielle Interessen dahinter stehen.

Man sollte also meinen, es wäre im ureigensten Interesse der Anbieter, die sich auf Hi-Res Audio-Daten spezialisierten, so oft wie nur irgendwie möglich den Beweis anzutreten, dass Hi-Res tatsächlich die Zukunft ist, zumindest wenn es um die Distribution hochwertiger digitaler Audio-Daten geht. Es sollte eigentlich außer Zweifel stehen, dass es wichtig für diese Anbieter ist, wenn immer möglich entscheidende Unterschiede zwischen ihrem Angebot, und jenen der Mainstream-Anbieter inklusive der florierenden Streaming-Dienste belegen zu können.

Und tatsächlich, es gibt diese Anbieter, die mit enormen Aufwand, mit bemerkenswerter Akribie, teils gar ganz klar zu ihrem Nachteil, darauf achten, dass in ihrem Angebot ausschließlich Inhalte landen, die nicht weniger bieten, als sie versprechen. Aber, so erschreckend dies ist, dies ist leider nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme, wie zahllose Beispiele belegen.

Wir haben in der Vergangenheit schon über so manche Ungereimtheit berichtet, so manches „Missverständnis“ in der Bezeichnung bzw. in den Angaben diverser Angebote zur Diskussion gestellt, denn es waren aus Sicht der entsprechenden Anbieter immer nur „Missverständnisse“ - natürlich!

Leider zeigt sich, dass diese „Missverständnisse“ keineswegs ein Relikt der Vergangenheit sind, sondern nach wie vor bei so manchem Anbieter eher gängige Geschäftspraxis sind. Und wahrscheinlich ist es diesmal ein Missverständnis dem ganz allein wir erliegen, wenn wir der Ansicht sind, dass Audio-Daten, die als Hi-Res Files ausgewiesen und um teuer Geld verkauft werden, auch tatsächlich die entsprechenden Daten aufweisen sollten, und nicht erst im Kleingedruckten darauf verwiesen wird, dass dem nicht so ist.

Ja, werte Leser, Sie haben ganz richtig gelesen, es geht mittlerweile soweit, dass man Audio-Daten zwar als „audiophile 24 Bit 96 kHz“ vermarktet, im Kleingedruckten aber darauf verweist, dass dem nicht so ist. Auch bei Verträgen und Medikamenten sollte man ja bekanntermaßen das Kleingedruckte beachten, um nicht eine bittere Pille zu schlucken. Offensichtlich gilt dies nun auch beim Kauf von Hi-Res Daten einiger Anbieter.

Im konkreten Fall steht da nämlich, dass es sich eigentlich nicht um Daten mit 24 Bit und 96 kHz handelt, sondern vielmehr um Audio-Daten mit 24 Bit und 44,1 kHz. Wörtlich heisst es da: “44.1khz/24bit sources mastered to 96khz/24bit.“

Nun, damit stellt sich natürlich die Frage, was ein digitales Remaster auf eine höhere Auflösung an Qualitätsgewinn bringt. Wie es gemacht wird ist hingegen absolut simpel, nämlich nicht mehr als ein einziger Arbeitsschritt, den jeder als Freeware vertriebene Audio-Editor binnen Sekunden automatisch erledigt, hochrechnen von 24 Bit 44,1 kHz auf 24 Bit 96 kHz, alles kein Thema. Wollen wir gar 24 Bit 192 kHz, kein Problem! Und wer das Besondere sucht, dem berechnen wir das Album eben in DSD… Allein, was bringt es?

NICHTS, genau nichts! Außer, dass man einmal mehr den Beweis antritt, dass es allen voran bei Hi-Res Audio-Daten immens wichtig ist, wem der Kunde sein Geld anvertraut, sprich, bei welchem Anbieter er einkauft.

Übrigens, besagtes Album steht allein bei diesem Anbieter in 24 Bit und 96 kHz zur Verfügung, und zwar nach wie vor. Andere boten es von Anbeginn an lediglich mit 24 Bit und 44,1 kHz an, zogen aber inzwischen auch diese Version zurück, bis das Label tatsächlich die volle Auflösung liefert, die dieses in Aussicht stellte. Gerade dieses „Detail“ zeigt, dass es vielleicht doch kein „Missverständnis“ ist, sondern da durchaus System dahinter steckten könnte…

UPDATE 8. Juli 2015: Nachdem dieser Artikel branchenintern für sehr viel Aufsehen sorgte, können wir nun feststellen, das zumindest das Album, das Stein des Anstosses für diese allgemeine Betrachtung war, nun tatsächlich entfernt wurde!

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