Ikea Uppleva - Die Schweden wildern in fremden Gefilden...

Man mag es zunächst, vielleicht auch in Anbetracht des Namens, für einen verspäteten April-Scherz halten. Doch leider ist es dem schwedischen Möbelgiganten sehr, sehr ernst mit diesem Produkt. Uppleva heisst die Produktlinie, mit der man alsbald auch in der Unterhaltungselektronik mitnaschen will. Und wie so oft begnügt man sich auch hier sicher nicht mit kleinen Häppchen.

Von Michael Holzinger (mh)
07.06.2012

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Das System Ikea in seiner Gesamtheit ist eigentlich ein Musterbeispiel dafür, wie man einen Weltkonzern führt, und zwar überaus gewinnbringend und konsequent. Hier wird rein gar nichts dem Zufall überlassen. Alles, wirklich alles, ist bis ins kleinste Details geplant und auf Optimierung aller Prozesse ausgelegt.

Dies beginnt bei der Markenstrategie insgesamt, denn wohl wenigen anderen Unternehmen dieses Ranges ist es über viele, viele Jahre gelungen, ein derart unerschütterliches Image aufzubauen, das mit der Realität, bei genauerer Betrachtung, rein gar nichts zu tun hat. Nach wie vor genießt das Unternehmen den Ruf, durchaus hochwertige Produkte zu produzieren, die für vernünftige Preise und Individualität stehen. Vor allem letzteres erscheint allein auf Grund der schieren Massen, die tagtäglich haargenau die gleichen Möbelstücke nach Hause karren, ja geradezu paradox. Aber es funktioniert. Dabei bedient Ikea selbstverständlich keine ausgewiesene „Billig-Schiene“, sondern vielmehr eine Zielgruppe, die sich selbst wohl als Individualisten einstufen würden und durchaus einen alternativen Lebensstil verfolgen. Diese Beobachtung kann wohl jeder bestätigen, der offenen Auges durch die Filialen des schwedischen Konzerns schreitet.

Und auch das ist hier System: die Produktpräsentation bis hin zum Aufbau der Filialen ist ebenfalls bis ins letzte Detail so konzipiert, dass der Kunde gar nicht auskommt und wirklich alles, was Ikea meint, er hat es zu sehen, auch tatsächlich sieht, nein, vielmehr geradezu darüber stolpert. Der scheinbar endlose Zickzack-Lauf durch eine Filiale führt unweigerlich dazu, dass man bei nahezu jedem Besuch irgendetwas kauft, an das man zuvor sicher nicht dachte. Und billig ist das alles nun wirklich nicht, ganz im Gegenteil. Weder die sprichwörtlichen „Mitnahme-Artikel“, und schon gar nicht umfangreiche Einrichtungslösungen für Wohnzimmer, Vorzimmer, Badezimmer oder gar Küchen. Die Summe macht‘s hier, denn die angebliche Individualität und die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten lässt man sich bestens bezahlen, wenngleich die Produkte selbst möglichst billig produziert, und sicher nicht auf Langlebigkeit getrimmt sind. Ein paar Fixpunkte gibt‘s durchaus im Angebot von Ikea, die das Image von Wertstabilität aufrechterhalten, das meiste jedoch wird Jahr für Jahr dezent verändert, sodass man nicht einfach dazu, sondern eifrig neu kauft.

Nachdem Ikea bereits seit Jahr und Tag mit Elektrogeräten für etwa Küchen überaus erfolgreich im Revier des klassischen Elektrofachhandel wildert, hat man sich nun offensichtlich einen weiteren Kernbereich auserkoren, die Unterhaltungselektronik. Und wie nicht anders zu erwarten startet man dieses Vorhaben bis ins letzte Detail perfekt geplant.

Upplava nennt sich die zunächst unscheinbare neue Produktserie, die nicht mehr sein soll, als die perfekte Lösung für alle Probleme im Wohnzimmer. Viele Details gibt es ja noch nicht, aber genau das ist durchaus Teil der Strategie. Denn es soll nicht um Technik gehen, denn dies verwirrt Kunden ja nur, schreckt sie eventuell ab. Bei Ikea ist man Teil einer Familie, und die Familie weiss immer Rat und steht mit Hilfe zur Seite. So auch hier, Man kümmert sich um den Kunden und liefert ihm all das, was er benötigt, ohne ihn zu überfordern. Allein das entsprechende Produkt-Video ist geradezu ein Lehrstück dafür, welche Reizworte bei Kunden im Zusammenhang mit modernen Lösungen der Unterhaltungselektronik für Verwirrung und Irritation sorgen. Kabel, Kabel, Kabel, so beschwert sich die junge, überaus charmante Dame in diesem Video über die Unzulänglichkeiten moderner AV- und Streaming-Lösungen. Und dann erst all die Fernbedienungen...

Nein, so darf es nicht sein. Eine Lösung, die man tunlichst nicht sieht, die nicht mehr ist, als ein schönes Möbelstück im Wohnzimmer, die soll es richten: Ikea Uppleva. Und natürlich kannst DU alles frei bestimmen, kannst DU es so anpassen, wie es für DEIN Wohnzimmer passt. Und: DU kannst es gleich mitnehmen, und es ist so einfach, dass DU es sofort anschließen und einsetzen kannst....

Perfekt! Das muss man neidlos zugestehen. Nur, warum kann dies der Fachhandel nicht genauso machen? Der Fachhandel müsste sich dabei nicht bei irgendwelchen Billig-Fernsehern und AV-Systemen eines völlig unbekannten chinesischen Produzenten wie etwa TCL Corporation eindecken, auf den Ikea bei den Fernsehern und Audio-Systemen für das Uppleva setzt. Dies zeigt auch, dass die Produkte selbst in Wahrheit zweitrangig sind. Es ist die Lösung, die zählt. Die Lösung, die die Bedürfnisse des Kunden erfüllt, und ob die nun von Hersteller A oder Hersteller B kommt, ist von geringem Interesse. Funktionieren muss es, gut aussehen muss es, und es muss sich perfekt ins Wohnumfeld integrieren lassen.

Und es wäre die Möglichkeit des kundigen Fachhandels, dass es dann auch wirklich gut klingt und eine perfekte Bildqualität liefert. Denn dies kann man wohl schon jetzt mit Gewissheit sagen: Ikea Uppleva wird dies nicht bieten können.

Noch ist etwas Zeit, um sich auf den neuen schwergewichtigen Mitbewerber vorzubereiten und sich die Butter nicht vom Brot nehmen zu lassen. Es ist also höchst an der Zeit zu zeigen, was wirklich individuelle, qualitativ hochwertige Lösungen eingebunden im Wohnumfeld zu leisten im Stande sind, wenn diese vom Spezialisten offeriert werden, der nicht automatisch per Du mit jedem Kunden ist...

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