Foto © Michael Holzinger - sempre-audio.at

Jack White „Lazaretto“

Als Ultra LP wirft Jack White sein neues Album auf den Markt - das klingt zunächst einmal nach klassischem Marketingsprech ohne Substanz, doch hinter dieser kryptischen Bezeichnung versteckt sich eine Schallplatte, die mit allerlei Spielereien aufwartet und so das Kind im Manne und Frau ansprechen will.

Von Alexander Bindeus (ab)
23.06.2014

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Was macht nun die Vinyl-Version von „Lazaretto“ zur „Ultra LP“? Da hätten wir zunächst einmal die Laufrichtung der Seite A. Wer auf dieser Seite die Nadel - wie sonst üblich - außen aufsetzt, wird nur ein ganz kurzes musikalisches Vergnügen haben. Die Laufrichtung ist hier nämlich umgekehrt, die Nadel muss also innen positioniert werden Die Seite B wiederum wird ganz normal von außen nach innen bespielt. Beide Seiten verfügen zudem über einen „Locked Groove“. Damit ist eine Rille am Ende jeder Seite gemeint, welche die Nadel fängt - diesen kurzen Soundfetzen spielt der Plattenspieler daraufhin bis zur Unendlichkeit ab. Oder bis der Zuhörer entnervt das Abspielen eigenhändig stoppt.

Wer nach mehrmaligen Abspielen der Seite B das dumpfe Gefühl hat, dass hier manchmal etwas anders klingt, irrt nicht. Der erste Song hat hier tatsächlich zwei unterschiedliche Intros - eine akustische und eine elektronische Version, je nachdem wo die Nadel aufgesetzt wird. Wirklich bewusst auswählen kann man diese im Übrigen nicht - perfekt für den berüchtigten Vorführeffekt, bei dem sich dann trotz mehrmaligen Versuchen partout nur eine Version abspielen lässt.

Das Album hat zudem zwei Hidden Tracks - klingt noch nicht besonders aufregend. Doch die LP wäre nicht Ultra, wenn sich dahinter nicht auch noch ein gewisser Kniff - nun ja- verstecken würde. Und zwar hat es Jack White mit dem „Hidden“ wortwörtlich genommen: Zu finden sind die beiden Tracks nämlich unter dem Label der Schallplatte - die Plattennadel wird auf das Papier aufgesetzt.

Die Krönung des Ganzen ist aber eindeutig das Hologramm auf Seite A. Ja, richtig gelesen: ein Hologramm. Zwischen Label und Beginn des ersten Songs wurde ein zweifingerbreiter Streifen Vinyl frei gelassen. Auf diesem wurden Linien eingeritzt, welche, mit direkter Lichtbestrahlung und aus einem bestimmten Winkel betrachtet, zwei sich drehende Engel erscheinen lassen. Klingt verrückt - ist es auch.

Was einem diese ganzen Spielereien bringen? Gar nichts natürlich. Und dennoch ist es schön zu sehen und auch hoch anzurechnen, wenn sich jemand wie Jack White bzw. seine Mitarbeiter bei Third Man Records mit dem Tonträger Vinyl auseinandersetzen, damit herumexperimentieren und am Ende ein einzigartiges Album wie „Lazaretto“ dabei herauskommt. Zumal man diese Gimmicks nicht auf eine superlimitierte, superteure Sonderedition beschränkt - jede LP ist „Ultra LP“, ganz ohne Mehrkosten. Zudem liegt dem Album ein Gutschein bei, mit dem man sich die Titel auch als MP3 laden kann. Und natürlich gibt es auch eine herkömmliche Audio CD, sofern man dies überhaupt will, in Anbetracht der bei der Vinyl gebotenen Vielfalt?

Ähnlich verspielt wie die LP-Version präsentiert sich auch die Musik auf „Lazaretto“. White zwängt die Songs nicht in ein strenges Genre-Korsett, sondern lässt das Album in verschiedene Richtungen wuchern. Das Grundthema bleibt der typische gitarrendominierte Rock, nur diesmal eben etwas weniger direkt und minimalistischer als noch zu White-Stripes-Zeiten. Stattdessen scheint White mit dem aktuellen Album den Groove für sich entdeckt zu haben. Songs wie „Three Women“ oder „That Black Bat Licorice“ laden zum nebenher Mitwippen ein wie kaum ein anderer Song von White.

Etwas ruhiger geht es Jack White in Songs wie „Entitlement“ an. In bester Americana-Manier besingt White hier die Ungerechtigkeit der Welt - Einflüsse seiner Wahlheimat Nashville, TN sind hier unverkennbar präsent. Ein nettes Stück, wenn auch leider so schon zig Mal gehört. Da doch lieber „Temporary Ground“, welches mit Duettpartnerin und Streicheruntermalung zu den schönsten Songs des Albums gehört.

Manch einer mag „Lazaretto“ einen fehlenden musikalischen Fokus vorwerfen. Alle anderen erfreuen sich an einem abwechslungsreichen Album. Und verzweifeln an den zwei Intros der Seite B...

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