Krell S300i im Test: Amerikanisches Kraftpaket

So manches Klischee mag zwar jedweder Grundlage entbehren, manche treffen aber geradezu perfekt ins Schwarze. Nehmen wir doch unsere amerikanischen Freunde als Beispiel: da darf‘s von allem immer ein bisschen mehr sein. XL-Portionen im Fast-Food Restaurant, daraus resultierende XXL-Konfektionsgrößen, nach wie vor reichlich PS unter der Haube trotz drohendem Klima-Wandel, und auch mehr als ausreichend Watt bei Verstärkern...

Von Michael Holzinger (mh)
23.04.2010

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sempre-audio.at Empfehlung der RedaktionKrell Industries, LLC, eine überaus renommierte High-end HiFi-Schmiede, fertigt seit den frühen 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts unter anderem Verstärker, die zumeist wahre Leistungs-Monster sind. Die beiden Unternehmensgründer Dan und Rondi D'Agostino widmeten sich in den ersten Jahren sogar ausschließlich der Entwicklung und Produktion von Verstärkern, die nach wie vor das Kerngeschäft für Krell darstellen. Und bis heute ist das Brüderpaar ganz offensichtlich der Ansicht, dass ein Verstärker vor allem ein Merkmal aufweisen muss: Leistung!

Zudem verweist Krell auf seiner Webseite mit Stolz darauf, dass man in der bisherigen Unternehmensgeschichte niemals irgendwelchen Trends, sondern ausschließlich den eigenen Vorstellungen gefolgt sei. Dies bezieht man vor allem darauf, dass man dem High-end Segment immer treu blieb und niemals der Versuchung erlegen ist, das Produktportfolio nach unten hin zu erweitern.

Ein System von Krell stellt also durchaus eine gewisse, nun ja, Investition dar, bewegen sich die Komponenten des US-amerikanischen Herstellers mitunter doch in den oberen Preisregionen.

Die sprichwörtliche Ausnahme der Regel stellt der Krell S300i dar, der, gemessen an der übrigen Produktpalette von Krell, geradezu ein Schnäppchen ist. Wer aber nun befürchtet, mit dem Krell S300i verlasse der in Orange, Connecticut, beheimatete Hersteller den über Jahre konsequent verfolgten Weg, ausschließlich High-end-Produkte anzubieten, den können wir getrost beruhigen. Auch wenn dieser Vollverstärker im Portfolio von Krell quasi die Einstiegsklasse darstellt, spielt er dennoch - soviel sei bereits zu Beginn verraten - ganz klar in der Oberliga.

Es ist bereits einige Jährchen her, dass Krell einen vergleichbaren Vollverstärker anbot. Es war also höchst an der Zeit für ein Gerät wie den S300i, der nunmehr ein wahrlich attraktives Angebot auch für eine breitere Zielgruppe darstellt, einen Verstärker aus dem Hause Krell erwerben zu können, ohne dafür - überspitzt formuliert - Haus und Hof zu verpfänden.

Der S300i gewinnt nun zudem dadurch an Attraktivität, dass Krell mit April 2010 diesem Vollverstärker in Form des S-350 CD/DVD Player den passenden Partner zur Seite stellt. Dies sei an dieser Stelle jedoch nur am Rande erwähnt, denn dem Krell S-350 CD/DVD Player werden wir uns im Rahmen eines ausführlichen Tests ebenfalls widmen.

Eine erste Ahnung davon, dass hier wirklich an nichts gespart wurde, erhält man, wenn es gilt, das neu erworbene Schmuckstück auszupacken und ins Rack zu hieven. Beachtliche 19 kg wollen hier bewegt werden. Und auch ans HiFi-Rack stellt der Krell S300i besondere Ansprüche. Gut, eine Breite von 438 mm und eine Höhe von lediglich 104 mm ist ja prinzipiell nichts Außergewöhnliches, ganz im Gegenteil. Für die sonst bei Krell geltenden Maßstäbe ist der S300i mit einer derart geringen Höhe sogar als überaus kompakt zu bezeichnen. Mit einer Tiefe von 450 mm aber ist der Verstärker doch deutlich größer als viele Modelle in der gleichen „Gewichtsklasse“. Rechnet man noch entsprechend Spiel für Kabel an der Rückseite ein, so sollte man also durchaus genügend Platz für den Krell S300i einkalkulieren.

Vor allem in der Mittel- und Oberklasse gibt sich Krell keineswegs bescheiden oder gar zurückhaltend. Um an die einleitenden Ausführungen rund um Klischees anzuknüpfen, (nicht nur) Amerikaner mögen‘s eben, wenn auf Hochglanz poliertes Metall funkelt und strahlt. Im Vergleich dazu muss das Auftreten des S300i ja geradezu als Understatement bezeichnet werden.

Die Metallfront ist hier nicht auf Hochglanz poliert, sondern präsentiert sich mit dezenter, gebürsteter Oberfläche. Natürlich ist das gesamte Chassis aus solidem, dickwandigem Stahlblech mit sauber verarbeiteten Biegekanten und exakten Passungen gefertigt.

Interessant ist das Bedienkonzept, das Krell für den S300i wählte. Das primäre Bedienelement stellt ein zentral auf der Frontseite platzierter, gerasterter Drehgeber dar, der gleichzeitig auch als Drucktaster fungiert. Zunächst dient dieser Regler natürlich als Lautstärkeregler. Über einen kleinen Drucktaster sind jedoch darüber zahlreiche weitere Parameter zugänglich, wobei alle Informationen über ein großzügig dimensioniertes, weiß/bläulich hintergrundbeleuchtetes, zweizeiliges LC-Display angezeigt werden.

So lassen sich für alle Eingänge individuelle Pegel als auch Balance festlegen bzw. bestimmen und diverse Parameter für die Integration des Krell S300i in z. B. ein Home Cinema-System einstellen. Auch die Display-Helligkeit kann natürlich justiert werden.

Besonders hervorheben wollen wir in diesem Zusammenhang, dass uns die, in kleinen Schritten, und somit sehr feinfühlig einstellbare elektronische Lautstärke-Regelung wirklich begeisterte. Dies ist auch im mittleren und selbst im oberen Preissegment leider keine Selbstverständlichkeit.

Im linken Bereich der Front-Seite findet man sieben weitere Drucktaster, wobei sechs davon für die Auswahl der Eingänge bzw. das Stummschalten des Verstärkers, der letzte für den Standby-Betrieb dienen. Diese Taster sind ebenfalls alle aus Metall gefertigt und trotz ihres geringen Durchmessers sehr komfortabel bedienbar. Einen „echten“ Hauptschalter gibt‘s natürlich auch, allerdings findet sich dieser an der Rückseite des Geräts.

Ebenfalls mit dabei: eine Fernbedienung, die bereits für sich allein so viel wiegt, wie so manche Billigst-Kompaktanlage vom Discounter. Gut, dieser Vergleich mag nun doch ein wenig übertrieben sein, aber die Fernbedienung, die Krell dem S300i mit auf den Weg gibt, ist wahrlich ein echter „Prügel“, komplett aus Metall gefertigt und dementsprechend schwer, liegt aber gut in der Hand und vermittelt einen überaus hochwertigen Eindruck. Auch hier findet man diese relativ kleinen Drucktaster, natürlich aus Metall, die sich jedoch ebenfalls problemlos, nicht zuletzt dank eines klar definierten Druckpunkts, bedienen lassen.

Auch die Rückseite des Krell S300i präsentiert sich sehr aufgeräumt, jedoch reichlich mit Anschlüssen bestückt. Hier findet man zunächst drei Chinch-Buchsen-Pärchen für Eingangssignale sowie ein weiteres Chinch-Buchsen-Paar als Pre-Amp Ausgang. Hier lässt sich entweder eine zusätzliche Endstufe für den Bi-Amping-Betrieb oder ein Subwoofer anschließen.

Darüber hinaus steht ein symmetrischer Eingang in Form von XLR-Buchsen, die Lautsprecher-Anschlüsse, Trigger Ein- und Ausgänge, eine RS-232-Schnittstelle sowie ein iPod-Anschluss zur Verfügung. Bei allen Anschlüssen setzt Krell natürlich auf erstklassige, solide Bauteile, die - z. B. im Fall der Chinch-Buchsen oder aber auch der Lautsprecher-Anschlüsse - auch für größere Kabelquerschnitte mit entsprechend höherem Gewicht bestens gerüstet sind.

Für den eben erwähnten iPod-Anschluss liefert Krell ein passendes Datenkabel mit. Damit entlockt der Krell S300i dem mobilen Audio-Player von Apple Audiodaten zwar nicht in digitaler Form, aber, so Krell, über dessen symmetrischen Ausgang.

Vinyl-Freunde werden es bereits bemerkt haben, einen Phono-Eingang bietet der S300i von Krell nicht.

Blickt man unter die „Haube“, so wird sofort klar, warum der Krell S300i satte 19 kg auf die Waage bringt. Ein wirklich massiver Ringkern-Transformator mit beachtlichen 750 VA nimmt gut ein Drittel des ohnedies nicht knapp bemessenen Volumens ein. Ein klares Indiz dafür, dass man also auch von diesem „Einstiegsmodell“ von Krell wahrlich Großes erwarten kann. Denn, und dies ist das Credo der Entwickler aus Orange, ein potentes Netzteil ist die essentielle Basis für erstklassig aufspielende Verstärker. Und wie man anhand des Fotos sieht, hat man hier keineswegs den Rotstift angesetzt, sondern kann wirklich aus dem Vollen schöpfen.

An der Rückseite, also direkt bei den Eingängen, findet sich die Steuerungs-Elektronik für die elektronisch geregelte Auswahl der Eingänge und die ebenfalls elektronisch gesteuerte Lautstärkeregelung, aber natürlich auch die symmetrisch ausgelegte Vorstufe, wobei Krell hier auf den bekannten, sogenannten Current Mode in SMD-Bauweise setzt, was laut Hersteller für eine besonders detailreiche, feinzeichnende Wiedergabequalität sorgen soll.

So richtig zur Sache geht‘s dann bei den Leistungs-Modulen, die links und rechts vom massiven Ringkern-Transformator sitzen. Hier werden beachtliche 300 Watt Leistung an 4 Ohm generiert. An Lautsprechern mit einer Impedanz von 8 Ohm sind es immer noch satte 150 Watt, und zwar jeweils pro Kanal!

Womit wir schon bei der abschließenden Bewertung angelangt wären. Als wir unser Testgerät beim österreichischen Vertrieb Audio Tuning Vertriebs GmbH entgegen nahmen, bekamen wir einen wohlwollenden Rat mit auf den Weg: „Sei vorsichtig! Das Ding gibt Gas ohne Ende. Da fetzt zuerst das Trommelfell, dann die Boxen, und die Kiste hat noch immer reichlich Reserven.“

Ein Rat, der zumindest in Wohnräumen mit durchschnittlichen Abmessungen durchaus zu beherzigen ist, wie unser Test zeigte. Denn der Krell S300i hat Power ohne Ende! Klar, auch andere Verstärker bieten ähnliche Leistungsdaten, beim Krell hat man aber immer das Gefühl, dass man ihn irgendwie nicht wirklich fordern kann. Gleichgültig, was auch immer man ihm vorsetzt, er fetzt es mit einer nahezu unbändigen Gewalt in den Raum.

Allerdings geht der S300i dabei mit Präzision, aber dennoch einer geradezu unbekümmerten Leichtigkeit, und somit ohne jemals die Kontrolle zu verlieren, ans Werk. So zeichnet er ein fein aufgelöstes oberes und ein solides, voluminöses mittleres Frequenzspektrum in den Raum, und untermauert das Ganze mit einem satten, wenn es sein muss auch geradezu monströsem, aber niemals ausufernden oder gar verschwommenen, sondern geradezu staubtrockenem Bassfundament.

Will man dem Krell also wirklich justament etwas ankreiden, dann bliebe nur mangelnde Zurückhaltung. Denn das ist eine Eigenschaft, die dem Krell S300i - sollen wir nun sagen typisch amerikanisch - völlig unbekannt ist.

Der Krell S300i präsentiert sich somit als grundsolides, ehrliches, aber wahrhaft kraftstrotzendes Arbeitstier, das sich aber nicht nur aufs Grobe versteht, sondern auch mit feinsten Details sorgsam umzugehen versteht. Ein Vollverstärker aus dem Hause Krell, der sich nahezu jeder Aufgabe bestens gerüstet präsentiert, und somit nicht zuletzt aufgrund eines vergleichsweise attraktiven Preises eine glatte Empfehlung der Redaktion für sich verbuchen kann. Denn der Krell S300i ist zu einem empfohlenen Verkaufspreis von € 2.750,- im Fachhandel erhältlich. Ein Preis, der für dieses Kraftmonster von Krell mehr als angemessen ist.

Michael Holzinger

Auf den Punkt gebracht

Der Krell S300i präsentiert sich als grundsolides, ehrliches, aber wahrhaft kraftstrotzendes Arbeitstier, das sich aber nicht nur aufs Grobe versteht, sondern auch mit feinsten Details sorgsam umzugehen versteht.

9,0 (Herausragend)

The Good

  • Hohe Leistungsreserven
  • dynamischer
  • voller und überaus detailreicher
  • satter Klang
  • iPod-Anschluss
  • hochwertige Verarbeitung und Fernbedienung

The Bad

  • kein Dock
  • sondern nur ein Datenkabel für Apples iPod
  • kein Phono-Eingang

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