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MQA the real big thing… oder doch nicht? Eine kritische Betrachtung offener Fragen

MQA wird seit geraumer Zeit als ein allheilbringendes Wunderwerk angepriesen, allen voran vom Entwickler Bob Stuart und seinem Unternehmen selbst, aber auch von zahlreichen Partnern, die nunmehr ebenfalls im großen Stil auf MQA vertrauen. Es sei geradezu eine Revolution für die Distribution von Musik in Studio Master-Qualität. Doch die Zweifel daran, dass da nicht alles so ist, wie es versprochen wird, werden immer größer.

Kurz gesagt...

MQA sei die Revolution für Aufnahmen in Hi-Res Audio und damit der Heilsbringer für all jene, die beste Qualität immer und überall wünschen, sei es nun als Download, aber allen voran Musik-Streaming. Nur, ist dem wirklich so?

Wir meinen...

Seit geraumer Zeit scheint kein anderes Thema die Branche mehr zu beschäftigen als das von Bob Stuart initiierte MQA. Was zunächst als nicht weniger als eine Revolution bezeichnet wurde, kam über lange Zeit nicht so recht in Schwung, nun aber scheint MQA den gesamten Markt zu beherrschen. Dabei häufen sich aber auch die kritischen Stimmen, die von Anbeginn an Zweifel daran hegten, ob MQA wirklich all das zu leisten imstande sei, und all dies einhalten würde, was da versprochen wurde. Anstatt das nunmehr mit der rasanten Verbreitung von MQA diese kritischen Stimmen verstummen, werden sie zunehmend lauter und fragen immer eindringlicher nach, was denn tatsächlich hinter MQA steckt.

Von Michael Holzinger (mh)
09.02.2017

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Seit gefühlten zig Jahren wird von Bob Stuart, Mitbegründer der englischen HiFi-Schmiede Meridian Audio Ltd., das sogenannte MQA propagiert. MQA, das steht für Master Quality Authenticated, und soll einen neuen, in vielerlei Hinsicht ganz außergewöhnlichen Codec darstellen. Dieser setzt auf bestehende Datenformate, ist somit abwärtskompatibel und damit prinzipiell überall zu verwenden. Er soll allen voran ein besonders effektiver Codec sein, der damit geradezu revolutionär für die Distribution von Inhalten in Hi-Res Audio ist. Damit werden besonders geringe Datenraten erzielt und Musik-Streaming ermöglicht. Zudem sei es, und das ist besonders bemerkenswert, ein Gütesiegel dafür, dass der Kunde tatsächlich nichts anderes erhält als vom Anbieter versprochen.

Es ist also überaus spannend, was Bob Stuart hier in petto zu haben scheint, und erstmals Ende 2014 präsentierte. Allen voran natürlich das Versprechen, dass MQA-kodierte Daten ganz besonders ressourcenschonend sein sollen, also eine sehr geringe Datenmenge aufweisen, gleichzeitig aber verlustfreies Hi-Res Audio erlauben, somit beste Qualität bei geringster Datengröße. Das ist natürlich für die Branche von ganz besonderem Interesse. Musik-Streaming wäre damit auf gänzlich neuem Niveau möglich, und zwar mit Datenraten ähnlich einer Audio CD, aber mit ungleich höherer Auflösung in Studio Master-Qualität. So zumindest das Versprechen des nunmehr längst eigenständig auftretenden Unternehmens MQA.

Sehr zäher Start...

Zunächst wurde MQA daher tatsächlich mit großer Begeisterung aufgenommen, allen voran nutzte Bob Stuart geschickt seine langjährigen Kontakte zu Branchen-Größen aus der Hardware- und Software-Schiene der Industrie, um zahlreiche Fürsprecher für sein neues Konzept vorweisen und medienwirksam vermarkten zu können. Einem nach dem anderen entlockte er Statements, die allesamt belegen sollten, dass hier nicht weniger als eine Revolution im Gange sei, und in der Branche kein Stein auf dem anderen bliebe. Mit MQA, diesen Eindruck musste man gewinnen, wäre nicht weniger als der Stein der Weisen gefunden worden, beste Qualität für jedermann, immer und überall, ein audiophiler Traum würde wahr, und für die Musik- und HiFi-Industrie brechen goldene Zeiten an.

Allein, danach wurde es wieder sehr rasch still um MQA. Viele der großspurig angekündigten Partnerschaften zur breiten Implementierung von MQA verzögerten sich. So rettete sich Bob Stuart mit MQA letztlich über Monate von Messe zu Messe. Hier lieferte man stets aufs Neue eine „große Show“, allen voran auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas. In der Metropole von Nevada verstand man es ganz besonders gekonnt, sich der Location entsprechend glamourös in Szene zu setzen. Ganz besonders im letzten Jahr, also im Rahmen der CES 2016, denn da meinte man, ganz, ganz große Ankündigungen präsentieren zu können. So solle mit TIDAL einer der wichtigsten Streaming-Anbieter im gehobenen Qualitätssegment auf MQA setzen, um Audio-Streaming nicht nur in CD-Qualität, sondern zudem auf Basis von MQA auch in Hi-Res Audio anbieten zu können. Darüber hinaus kündigte man an, dass nunmehr alle relevanten Hardware-Produzenten ebenfalls mit im Boot seien, und es nur noch eine Frage von wenigen Tagen oder längstens Wochen sei, dass allesamt MQA unterstützen.

2017 beginnt ein neues "Zeitalter"

Nun, bekanntlich wurde daraus einmal mehr ebenso nichts wie die Monate davor, erst nun, zur CES 2017, und damit ein weiteres Jahr später, nahm MQA wirklich Fahrt auf, insbesondere durch die nunmehr tatsächlich präsentierte Einführung von MQA bei TIDAL mit dem neuen Angebot TIDAL Masters. Und auch zahlreiche Hardware-Produzenten überschlugen sich in Las Vegas Anfang Januar 2017 geradezu mit Ankündigungen, MQA in ihren Lösungen zu unterstützen, und lieferten großteils auch die entsprechenden Updates bzw. neuen Produkte.

Man könnte nun meinen, dass damit goldene Zeiten für audiophile Musik-Liebhaber angebrochen seien, denn nunmehr können sie tatsächlich auf Basis von MQA Hi-Res Audio-Daten in bester Qualität genießen, und zwar immer und überall, auf verschiedensten Systemen, und aus zahllosen Quellen. Ressourcen-schonend, bei kleinster Speicherkapazität, zudem gar in noch besserer Qualität als bisherige Hi-Res Aufnahmen, denn schließlich sollen bei MQA ganz besonders ausgeklügelte Algorithmen zum Einsatz kommen, die eine noch exaktere Abbildung des Original Masters erlauben. Der ganze Prozess könne bei MQA so optimiert werden, dass eine bislang nicht gekannte Authentizität erzielt werde, so das Versprechen des Anbieters. Es würden Parameter mit einbezogen, die bei der Original-Aufnahme zum Tragen kamen, sodass jedes MQA-File exakt die Gegebenheiten bei der Aufnahme und beim Original Mastering berücksichtige. Damit würde der Traum aller Audiophilen wahr werden, nicht weniger als das perfekte Master im Wohnzimmer hören zu können.

Um es auf den Punkt zu bringen...

Fassen wir also zusammen: mit MQA soll ein neuer Algorithmus zur Verfügung stehen, der eine noch viel exaktere Abbildung des Original Masters erlaube, damit nicht weniger als genau das Abbild aus dem Studio liefere, in den bisherigen Formaten wie etwa FLAC genutzt werden könne, gleichzeitig aber viel ressourcenschonender sei, und daher Hi-Res Aufnahmen mit geradezu minimalstem Speicherplatz-Bedarf liefere. Eine Datei, nicht viel größer als in „CD-Qualität“ liefere hier Hi-Res Audio, somit sei Streaming von Hi-Res Audio kein Problem mehr. Und damit man nur ja sicher sein könne, dass all diese Versprechen auch tatsächlich eingehalten werden, man also nichts anderes erhalte als angegeben, dafür bürge das MQA Logo, das wirklich nur dann auf dem Display der Streaming-Lösungen prangen darf, wenn dies von MQA „abgesegnet“ und die „Kette“ geschlossen sei, sodass jederzeit sichergestellt ist, dass MQA-enkodierte Daten allein mit lizenzierten Decodern und damit mit all ihren Vorzügen abgespielt werden.

Ganz ehrlich, das alles klingt doch schlichtweg einfach zu gut. Das alles klingt, als hätte man den sprichwörtlichen Stein der Weisen gefunden. Kleinere Daten bei höherer Detailabbildung, damit ein noch perfekterer Klang auf allen Lösungen… Wie so oft, wenn etwas zu perfekt klingt, werden Zweifel laut. So auch bei MQA.

Der Stein der Weisen?

Schon bei den ersten Präsentationen äußerten Experten Misstrauen darüber, dass es Bob Stuart und seinen Entwicklern gelungen sei, mit MQA tatsächlich einen derart effektiven Codec zu entwickeln, der frei von Verlusten beste Qualität liefern soll. Diese Zweifel konnte der Anbieter übrigens bis heute nicht aus der Welt schaffen, selbst wenn man mit ausführlichsten Präsentationen und White Papers versucht, zu kontern und all die Versprechungen zu belegen. Allen voran weisen ausgewiesene Experten immer wieder darauf hin, dass da zwar viel geschrieben stünde, letztlich aber nur wenig ausgesagt wird, und schon gar keine technisch nachvollziehbaren Fakten enthalten wären. Zwar erkennen alle die technischen Leistungen an, die zweifelsfrei hier erzielt wurden, allerdings verweisen sie immer und immer wieder darauf, dass ein essentielles Versprechen nicht eingehalten werden könne, nämlich, dass es sich um ein verlustfreies Verfahren handle, und dass es sich mit Sicherheit nicht um eine Bit-exakte Wiedergabe handeln könne. Ja, es passiere etwas bei der Auflösung der Daten, sowohl was die Bit-Tiefe als auch die Auflösung bei der Sampling-Frequenz anbelange, man merke etwas im Frequenzbild, aber das, was der Hersteller versuche zu suggerieren, kann nicht belegt werden. Die zentrale Frage ist und bleibt somit: Ist MQA verlustfrei, und damit wirklich genau das, was HiFi-Enthusiasten erwarten, nämlich nicht weniger als die bestmögliche Qualität?

Mal genauer hinhören...

Derartige Bedenken gingen in all der allgemeinen Euphorie zumeist unter. Dabei wäre es ja geradezu essentiell, durch wirklich fundierte Fakten klarzulegen, wie man denn all diese Gegensätze unter einen Hut bringen könne. Nämlich geringste Datenmengen bei gleichzeitig höchster Qualität, also keinerlei verlustbehaftete Bearbeitung des Signals, sondern ganz im Gegenteil, mehr an Informationen zu liefern, und dennoch kleinere Datenmengen zu erzielen. Doch MQA lässt sich hier letztlich gar nicht in die Karten blicken, und appelliert vielmehr, allein auf Versprechen zu vertrauen. Übrigens, während für herkömmliche Hi-Res Daten längst entsprechende Analyse-Tools zur Verfügung stehen, die tatsächlich etwaige Manipulationen aufdecken können, wie etwa Upsampling, gibt es derartige Tools für MQA nur bedingt. Man ist also letztlich allein darauf angewiesen, MQA anhand des Hörens mit anderen Formaten zu vergleichen. Und das ist, wie wir wissen, nicht immer einfach, schon gar nicht, wenn man nicht immer genau bestimmen kann, ob man es nun mit dem gleichen Ausgangsmaterial zu tun hat.

Das einmal ausgeblendet, zeigen zahlreiche Hörtests, dass MQA tatsächlich „anders“ klingt, ja, durchaus vielfach besser als Daten im „CD-Format“, aber woran das genau liegt, ob es tatsächlich mit herkömmlichen Hi-Res Audio gleichzusetzen ist, diese Frage könnten nur exakte Analysen beantworten, gegen die sich die Protagonisten rund um MQA, allen voran MQA selbst, aber bislang mit allen Mitteln wehren. Dabei sollte man meinen, dass es ganz im Sinne der Entwickler wäre, mit klaren Fakten zu belegen, dass ein Format, das sich noch dazu Master Quality Authenticated nennt, auch tatsächlich nachweislich für alle ein Mehr an Qualität, zumindest gleichwertige Qualität wie andere Formate, liefert, um damit die Zweifel in der Branche zu beseitigen. Zumal Kritikern ja bislang nichts entgegengesetzt werden konnte, ganz im Gegenteil. Je mehr MQA Fahrt aufnimmt, umso mehr Fragen werden aufgeworfen.

TIDAL Masters

Mit der Einführung des neuen Angebots von TIDAL, besagten TIDAL Masters, mischten sich etwa ganz konkret neue Zweifel in die Euphorie, denn irgendwie vermeidet es TIDAL gekonnt, tatsächlich von Hi-Res Audio zu sprechen. Vielmehr liest man auf der Webseite von TIDAL folgendes rund um TIDAL Masters:

„HiFi audio is a superior sound, but is still limited in its resolution—44,1 kHz / 16 Bit. Yet TIDAL has partnered with MQA to deliver something infinitely better: an authenticated and unbroken version (typically 96 kHz / 24 Bit) with the highest-possible resolution—as flawless as it sounded in the mastering suite. And exactly as the artist intended it to sound.“

Einmal mehr findet sich hier also nichts wirklich technisch allzu Exaktes in der Beschreibung, und schon gar nichts wirklich Verbindliches. Ist TIDAL Masters mit MQA nun absolut verlustfreies Hi-Res Audio? Ist es mit Hi-Res Audio als Download im herkömmlichen FLAC identisch?

Hunderte neue Alben in MQA

Ausgerechnet ein für den Erfolg von MQA geradezu essentieller Partner ist es, der jüngst weitere gar sehr massive Zweifel darüber aufkommen ließ, dass MQA auch wirklich all das halten kann, was man verspricht, nämlich niemand geringerer als Warner Brothers.

Mehr oder weniger „über Nacht“ stellte man einen beachtlichen Katalog online, was ja, ganz im Sinne des Formats, für entsprechenden Auftrieb sorgen sollte, und wohl auch in der allgemeinen Wahrnehmung tat. Allein, Insider warfen angesichts dieser geballten Menge an neuen Titeln in MQA die Frage auf, wie genau man es hierbei mit dem Versprechen nahm, dass Aufnahmen in MQA ganz besonders nah am Original Master sein sollten, und eben nicht irgendwelche Daten in einem Rutsch durch einen Encoder gejagt werden…

Fakt ist, MQA ist für Meridian Audio Ltd. bzw. das neue Unternehmen von Bob Stuart, wenn alles nach Plan läuft, nicht weniger als eine Gelddruckmaschine, das muss klar festgehalten werden.

Für alles, worauf MQA in irgendeiner Form prangt, sind natürlich Lizenzgebühren fällig. Und da all dies im ganz großen Stil passieren soll, schließlich spricht man vom neuen „Standard“ bei der Musik-Distribution, ist hier jede Menge Geld im Spiel. Daran ist rein gar nichts Verwerfliches, es sei ihnen gegönnt. Wer Großes leistet, der darf auch den Lohn dafür ernten.

Aber genau aus diesem Grund muss auch kritisch hinterfragt werden dürfen, ob all die Versprechungen auch tatsächlich eingehalten werden. Es wäre durchaus begrüßenswert, wenn sich MQA gängigen Tests öffnet, den immer zahlreicheren Kritikern überzeugende Fakten liefert. Damit wäre die beste Grundlage geschaffen, MQA tatsächlich zu etablieren.

Und ja, es ist durchaus entscheidend, ob ein derart hoch gelobtes neues Format wie MQA tatsächlich derart revolutionär ist, und nicht ein weiterer Marketing-Hype. Genau diese Frage muss jetzt beantwortet werden, und zwar mit überzeugenden Argumenten, und nicht allein Marketing. Schließlich hängt hier eine ganze Branche dran, wenn sich - und damit wollen wir natürlich niemandem auch nur irgendwas unterstellen, MQA als neues „High-end MP3“ entpuppt. Der Image-Schaden für die gesamte Branche wäre katastrophal.

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