Marla Glen „Humanology“

Die Person Marla Glen zu beschreiben, ist ungefähr so komplex wie über die Lebensphilosophie zu erzählen. Gott sei Dank ist dies „nur“ eine Review über ein Album einer zugegebener Maßen, unglaublichen Sängerin, das mich vielfältig berührt hat. Humanology stellt für mich einen vorläufigen Höhepunkt Marlas musikalischen Schaffens.

Von Jürgen Weber-Rom (jwr)
30.01.2012

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Nur zu gerne möchte ich die begnadete Stimme Marla Glens mit anderen Größen wie eine Nina Simone, Aretha Franklin, einer Randy Crawford oder Edith Piaf nennen. Wohl wahr… große Namen, aber aus meiner Sicht durchaus berechtigt, Marla in diesen Kreis einzuordnen.

Marla Glen, geboren 1960 in Chicago, lebt seit 1998 in Deutschland. So markant wie ihre Stimme ist aber auch ihr Äußeres. Hut, Zigarre und gewandet in Nadelstreif sind ihre Markenzeichen.

Ihre musikalischen Wurzeln finden sich bei Größen wie Muddy Waters oder B.B. King, wie bei so vielen singenden Kindern im legendären Chicagoer Stadtteil Bronzeville auch. In diesem Fall war die Beziehung aber noch unmittelbarer, denn ihre Mutter war mit eben diesem großen B.B. King befreundet. Marla bekam in jungen Jahren eine Mundharmonika und alsbald zeigte sich das Talent der jungen Amerikanerin.

Marla hat bereits im zarten Kindesalter von 11 Jahren den Song „Repertoire“ geschrieben, welcher jedoch erst im Jahr 1996 auf dem Album „Love and Respect“ veröffentlich wurde und später mit dreimal Gold und einmal Platin geehrt wurde. Als Jugendliche trat sie in vielen Blues Bars in Chicago auf. Sicherlich half ihr ihre Einstellung „Lass es mich versuchen...“, um in diesem harten Business zu bestehen und diese Leichtigkeit zeigte bald Erfolge, vielmehr drückte sich dieser alsbald in Gold und Platin aus. Speziell ihre Songs „Believer“ von 1995, welcher für einen Werbespot eines großen Mode-Unternehmens Verwendung fand, und ihre Cover-Version von „It´s a man´s World“ aus dem Jahr 2000 vom legendären James Brown für einen bekannten Herrenduft erreichten vermutlich fast jeden Konsumenten der Welt.

Wir schreiben 2011, nach einer fünfjährigen Schaffenspause erscheint ihr aktuelles Album „ Humanology“ welches auch von einer Tour begleitet wurde. So erhielt ich die Gelegenheit das Wiener Konzert am 6. April zu besuchen und eine unglaubliche Künstlerin zum ersten Mal live zu erleben. Und ich fragte mich alsbald, in welcher Haut die Dame steckt. Fast schon erscheint die Soul- und Blues-Rock Röhre Marla mal als Diva, mal als Engel, dann wieder als Macho. Sie kann mit ihrer Musik in einem Moment vollkommen aus dem Gebein fahren, während sie gleichzeitig so unbeschreiblich viel Gefühl zeigt. Ihr Herz schlägt so viele Pulse. Soul und Blues, Funk und Groove untermalt von R´n B‘. Sie versteht es wie kaum eine andere zwischen schönen Balladen und unbeschreiblichen Uptempo-Tracks zu wechseln und damit das Publikum aus dem Schuhwerk zu jagen, das Publikum auch mal kräftig gegen den Strich zu bürsten. Und ja … ich liebe das an ihr. Sie darf das, denn sie versöhnt umgehend mit Gefühl und ihrem spröden, aber liebenswürdigen Charme und eben dieser unbeschreiblichen Stimme.

„Humanology“ darf man getrost als ein außergewöhnliches Album bezeichnen. Sie skizziert Glaubensfragen und Sozialkritik mit ihrer gelassenen selbstironischen Art. Besonders neugierig war ich auf die Neuaufnahme von „Believer“, die eine bemerkenswerte Abkehr vom Original aus ihrem Debut-Album von 1995 darstellt. Der Song zerlegt den Zuhörer in kleine Schnipsel. Messerscharf akzentuiert und brutal musiziert. Ein unglaubliches Duett. Ja, Marla singt ein Duett, und ihr Gesangs-Partner ist niemand geringerer als Xavier Naidoo. Beide verstehen es auf die jeweils eigene Art miteinander in einen Dialog einzutreten, und eine unglaubliche Spannung im Zuhörer zu erzeugen. Ist der Titel zu Ende gespielt, sitz man erst mal im Sofa und muss verschnaufen. Aber der folgende ergreifende Song „White roses for my mother“ besänftigt das aufgewühlte Nervenkostüm und geht unter die Haut. Melancholie und Gefühl pur. Einfach nur unbeschreiblich sind die beiden folgenden Songs. „Fever“, ein legendärer Titel, den man auch als „Little Willie John Song“ kennt, wird hier zu einem weiteren Original. „Your song“ von Sir Elton John ist ebenso Legende und ein Ode an das Gefühl, und wird hier durch Marla um eine weitere Facette bereichert.

Ich sitze hier nun im Wohnzimmer und versinke einmal mehr in diesen unglaublichen Songs, die mich durch Rock, Funk und R´n B‘ treiben, aber auch durch die gefühlvollen Titel etwas weg treten lassen. Ein weiteres Merkmal ist die über alle Maßen gute Produktion, welche alle Facetten der Künstlerin auch tatsächlich erklingen lässt. Marlas Stimme ist jederzeit klar erkennbar auf der virtuellen Klangbühne positioniert und macht es einem leicht in der Musik zu versinken. Die Instrumente sind stark akzentuiert heraus gearbeitet und unterstützen in den rockigen Titeln das Tempo des Liedes und die harzige ausdrucksstarke Stimme von Marla. Die etwas minimalistischer instrumentierten Titel wirken schon fast gespenstisch und bisweilen holographisch.

Einmal Marla, immer Marla … so einfach kann es sein, und so bewegend schön!

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