Nachgefragt: „Was hören Sie beim Sex?“

Dass Musik eine überaus erotische Komponente hat, dazu hätten wir keiner Studie bedurft. Auch die Tatsache, dass Musik die innige zwischenmenschliche „Kommunikation“ beflügeln kann, ist wohl jedem seit Jugendtagen und den ersten zarten Kontakten zum anderen Geschlecht bekannt. Dennoch ging nun Spotify der Frage nach, welchen Einfluss Musik auf Liebesleben und Verführung habe.

Von Michael Holzinger (mh)
24.10.2012

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Schon Woody Allen warf in einem seiner wohl genialsten Filme die Frage auf, "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten...", und fügte den Nachsatz an „sich aber nicht zu fragen trauten“. Nun, der Online Musik-Dienst Spotify traute sich, und er ließ fragen. Und zwar den Musik-Psychologen Dr. Daniel Müllensiefen vom Goldsmiths College der Universität London. Doch keine Angst, es wird nun nicht schlüpfrig, derartiges interessierte weder Spotify so wirklich, noch uns. Vielmehr ging es um die Frage, welchen Einfluss Musik beim Flirten, bei der Verführung und ja, auch beim Liebesleben habe. Die darauf gewonnenen Erkenntnisse sind für Musikliebhaber wohl nicht weiter überraschend, aber nunmehr - Dank der Studie - auch mehr oder weniger wissenschaftlich belegt ;)

Durchgeführt wurde die Studie in Großbritannien, und zwar bei 2.000 Personen im Alter zwischen 18 und 91 Jahren. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Anzahl der befragten Männer und Frauen annähernd gleich groß war.

Die wohl grundlegendste, und für wohl wirklich niemand überraschende Erkenntnis dieser Studie war, dass Musik für nahezu alle befragten Personen insgesamt einen hohen Stellenwert hat, und somit auch ihren festen Bestandteil im Liebesleben der Menschen hat. Und zwar in jeder Phase des Werbens und dem innigen bis intimen Umgang mit anderen Menschen. Interessant aber ist, dass Musik mitunter als so wichtig empfunden wird, dass immerhin 40 Prozent der Befragten bei dieser Studie angaben, dass die richtige Musik beim Sex sogar als erregender empfunden wird, als die Berührungen durch ihren Partner. Das wird wohl so mancher und manchem zu denken geben ;)

Ebenfalls interessant ist, dass Musik sowohl von Männern als auch Frauen gleichermaßen als sehr wichtig auch beim Liebesleben empfunden wird. Man könnte nun meinen, das damit alte Vorurteile über eine nur bedingt romantisch veranlagte Männerwelt widerlegt wären, das dürfte aber dann leider doch nicht so ganz der Fall sein. So zeigte die Studie etwa, dass die Musik des derzeit ohnedies medial sehr präsenten Films der 80ger „Dirty Dancing“ sowohl bei Frauen als auch Männern hoch im Kurs steht, zumindest, wenn es um die romantische Seite des Lebens geht.

„Die Musik aus „Dirty Dancing“ empfinden sowohl Frauen als auch Männer als romantisch. Solche Einschätzungen basieren für gewöhnlich auf gemeinsamen kulturellen Bezugspunkten – beispielsweise Filmen“, erklärt Dr. Müllensiefen dazu. „Die Menschen benutzen diese Musik also gezielt, um in gewissen Situationen ihre Absichten zu kommunizieren und direkt auf die Stimmung Einfluss zu nehmen. Unsere Studie hat außerdem ergeben, dass Männer ihren Musikgeschmack und ihre Hörgewohnheiten eher zugunsten größeren sexuellen Erfolges variieren als Frauen – was auch erklärt, warum „Dirty Dancing“ bei beiden Geschlechtern gleichermaßen beliebt ist.“

Somit ist auch aus musikalischer Sicht „belegt“, dass wir Männer durchaus sehr zielgerichtet agieren ;)

Übrigens, auf den weiteren Plätzen der besten Musik fürs Schlafzimmer finden sich „Sexual Healing“ von Marvin Gaye sowie, wenig überraschend, „Bolero“ von Maurice Ravel.

Bei der gezielt abgefragten Hitliste, der 20 besten Lieder für die richtige erotische Stimmung wurde übrigens ebenfalls Marvin Gaye mit „Sexual Healing“ als erstes genannt. Interessanterweise stammt auch die Nummer 2 dieser Liste von Marvin Gaye, und zwar „Let‘s get it on“. An dritter Stelle landete der Sänger Barry White, wobei die Studie ergab, dass die befragten Personen hier keine unmittelbare Präferenz für einen einzelnen Song des Künstlers haben, sondern diesen insgesamt als überaus erotisierend empfinden - Frauen als auch Männer.

„Wir haben gesehen, dass die Lieder, die uns am ehesten in Stimmung für Sex bringen, im Grunde die gleichen Eigenschaften besitzen“, so Dr. Müllensiefen. „Sie alle sind sehr dynamisch, setzen häufig raue Stimmen und hohe Bruststimmen ein und verzichten größtenteils auf Vibrato. Die Marvin Gaye-Songs „Sexual healing“ und „Let´s get it on“ sind sehr gute Beispiel dafür.“

Das besonders überraschende Ergebnis der Studie aber ist, dass immerhin jeder dritte im Rahmen der Studie Befragte zumindest einen Titel nennen konnte, der aus seiner bzw. ihrer Sicht besser als Sex sei. Das am häufigsten genannte Stück in diesem Zusammenhang war, wenig überraschend, „Bohemian Rhapsody“ von The Queen, gefolgt von „Sex on fire“ von den Kings Of Leon und Robbie Williams Schmalz-Ballade „Angels“. Gut, zumindest die letzten beiden würden bei uns gänzlich anders lauten...

Dr. Müllensiefens Analyse dazu fällt folgendermaßen aus: „Die Songs, die unsere Teilnehmer für besser als Sex halten, kann man allesamt als epische Meisterwerke bezeichnen. Wenn wir Musik hören, bauen sich im Gehirn bestimmte Erwartungen auf wie ein Lied weitergehen wird. Wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden, weil das betreffende Stück zum Beispiel eine unerwartete Wendung nimmt, löst das unbewusst sehr positive emotionale Reaktionen aus. Unsere Top 3-Songs sind voll von solchen überraschenden Momenten.“

Wenn der Hr. Doktor das so sieht...

Völlig da core gehen wir aber wieder mit seiner Beurteilung insgesamt: „Dass so viele Befragte Musik im Schlafzimmer als erregend empfinden, ist nicht weiter verwunderlich“, sagt Dr. Müllensiefen. „Aus neurowissenschaftlichen Forschungen wissen wir, dass Musik dieselben Lustzentren im Gehirn stimuliert, die auch von Reizen wie Nahrungsaufnahme, Drogenkonsum oder eben Sex angesprochen werden.“

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