Foto © Neil Young Archives

Neil Young Archives - Neil Young öffnet Online-Archiv über sein Gesamtwerk

Dass Neil Young so manch Entwicklung in der Musik-Branche gänzlich anders sieht, ist ja nicht neu. Nun sorgt der kanadische Musiker erneut für Aufsehen, denn mit www.neilyoungarchives.com steht das komplette Oeuvre des Künstlers nun online zur Verfügung. Dies umfasst auch das Streaming all seiner Alben, teils gar in Hi-res Audio.

Kurz gesagt...

Eine komplette Werkschau des gigantischen Schaffens von Neil Young steht nunmehr online zur Verfügung, inklusive Streaming aller Alben teils gar in Hi-res Audio.

Wir meinen...

Es ist ein geradezu für Neil Young typischer Schritt, das komplette Schaffen nunmehr unabhängig vom Rest der Branche und damit unter Umgehung aller Marktgrößen auf einer eigenen Plattform zu präsentieren. In Form der Neil Young Archives soll das Gesamtwerk des Künstlers als Streaming-Plattform angereichert mit zahllosen Hintergrundinformationen dargeboten werden, und zwar vorerst noch kostenlos, aber Mitte nächsten Jahres kostenpflichtig. So erfreut wohl so mancher Neil Young Fan darüber sein dürfte, für die Branche insgesamt sollte dieses Beispiel nicht Schule machen, denn wer will schon für jeden Künstler, für jede Band ein eigenes Abo abschließen?

Von Michael Holzinger (mh)
04.12.2017

Share this article


Neil Young ist ein im besten Sinne unangepasster Künstler. Nicht nur, dass er sich rund um politische Entwicklungen kein Blatt vor den Mund nimmt und seine Ideen und Ansichten im wahrsten Sinne des Wortes sehr lautstark äußert, und zwar nicht nur durch seine Werke, auch so manch Entwicklung der Musik-Branche selbst begegnet er überaus kritisch und widersetzt sich diesen gar auf seine ganz besondere Art.

So war dem Musiker etwa die Entwicklung weg vom klassischen Tonträger hin zu Download- und vor allem Streaming-Angeboten lange Zeit ein Dorn im Auge, wobei es gar nicht so sehr um monetäre Fragen ging, sondern allen voran um deren Qualität. MP3 sei der Tod der Musik, verlustbehaftete Formate rauben der Musik ihren Zauber, ihre Detailvielfalt. Auch der Art und Weise, wie sich Kunden hier einzelne Lieder aus einem Gesamtkunstwerk „Album“ heraus picken können, stand Neil Young naturgemäß überaus kritisch gegenüber.

Dies führte einerseits dazu, dass sich Neil Young lange Zeit so manch Download-Anbieter und Streaming-Plattform verweigerte, nicht aber, ohne all dem ein eigenes Angebot gegenüber zu stellen.

So initiierte Neil Young etwa den Hi-res Audioplayer Pono samt eigenem Musik-Download-Portal, das exklusiv seine Werke feil bot. Dieser Schritt sorgte für viel Aufsehen, erwies sich letztlich aber ganz klar zum Scheitern verurteilt. Zu spät startete das wohl letztich nicht wirklich durchdachte Angebot, zu sperrig erwies sich die Hardware, längst gab es hier ein breites Angebot verschiedenster Hersteller und Anbieter, die in vielerlei Hinsicht jenem von Neil Young klar überlegen waren.

So konnte sich auch ein Künstler vom Kaliber eines Neil Young letztlich nicht durchsetzen und musste sich bis zu einem gewissen Grad den Gegebenheiten am Markt beugen, sodass seine Werke natürlich auch bei Apple iTunes, Apple Music, Spotify und all den anderen Diensten zur Verfügung standen.

Doch wer das Lebenswerk des kanadischen Künstlers verfolgt, dem war klar, dass es Neil Young sich nicht ohne weiteres geschlagen geben würde und so erstaunt es wohl kaum, dass nunmehr ein weiterer Clou für Aufsehen sorgt.

So ging dieser Tage die Webseite www.neilyoungarchives.com online, und diese Bezeichnung darf man durchaus wörtlich nehmen.

Mit www.neilyoungarchives.com hat man sich die Aufgabe gestellt, nicht weniger als das komplette Werk des kanadischen Künstlers online in Form einer Webseite abzubilden.

Die Neil Young Archives umfasst somit das komplette Schaffen des Künstlers, beginnend bei seinen allerersten Aufnahmen bis hin zum aktuellen Album, wobei die Musik natürlich im Mittelpunkt steht.

So soll in Bälde das komplette Werk als Musik-Stream zur Verfügung stehen, und es wäre nicht Neil Young, wenn man hier nicht versuchen würde, neue Standards zu setzen. So manch Aufnahme steht über die Neil Young Archives nämlich in Hi-res Audio zur Verfügung, und zwar bis hin zu 24 Bit und 192 kHz. Ermöglichen soll dies eine speziell für diese Plattform neue entwickelte Streaming-Engine, das von OraStream entwickelte Xstream, das eine variable Anpassung an die zur Verfügung stehende Bandbreite beim Konsumenten erlaubt. Handelt es sich um eine wirklich schlechte Datenverbindung, so stellt ein MP3-Stream mit immer noch 320 kbps die unterste Qualitätsstufe dar.

Wie beschrieben, sollen letztlich alle Alben von Neil Young über die Neil Young Archives zur Verfügung stehen, und zwar als Stream. Zu jedem Album gibt es natürlich auch Kauflinks, die wahlweise in den Online Store von Neil Young selbst, aber auch zu Amazon führen.

Wirklich außergewöhnlich macht die Neil Young Archives aber, dass hier eine Vielzahl an weitergehenden Informationen allen voran zu den einzelnen Alben zur Verfügung stehen, wie etwa sorgfältigst aufgelistete Credits zu allen mitwirkenden Musikern, zudem Fotos, Videos, Original-Manuskripte und vieles, vieles mehr, was wohl das Herz der Fans höher schlagen lässt und durchaus so manch bislang unbekanntes zu Tage fördert.

Gestaltet ist die neue Webseite im Stile eines Vintage-Gitarren-Verstärkers, also durchaus irgendwie passend für eine derart umfangreiche Werkschau die ja gar Jahrzehnte zurück reicht. Dies ist auch der Grund dafür, dass der volle Funktionsumfang vorerst allein auf Desktop-Systeme beschränkt ist und nicht über mobile Devices abgerufen werden kann. Man warte hier auf das Feedback der Besucher, so das diesbezügliche Statement des Anbieters. Sollte sich der Wunsch manifestieren, auch eine mobile Lösung anzubieten, dann verweigere man sich diesem nicht.

Noch ist die Plattform übrigens kostenlos, allerdings wird es so nicht bleiben. Bis 30. Juni 2018 könne man vollumfanglich auf alle Inhalte gratis zugreifen, allein eine Registrierung mit Email-Adresse, oder aber über ein Facebook-Konto ist erforderlich. Danach wird ein Abo fällig, wobei der Anbieter vorerst diesbezüglich nur verrät, dass es sich um einen sehr kleinen Betrag handeln soll. Je mehr Abonnenten gewonnen werden können, umso geringer soll der Betrag ausfallen.

So sehr dieses Angebot wohl treue Fans von Neil Young erfreuen mag, birgt es doch ein gewisses Risiko für die gesamte Branche. Man spinne diese Idee nur ein wenig weiter und stelle sich vor, dass nach und nach viele Musiker mit großer Marktmacht diesem Beispiel folgen, und jeder Musiker, jede Band ihr eigenes, autarkes Streaming-Angebot online stellt und damit - dies wäre ja wohl eine logische Konsequenz - ihre Werke exklusiv ihrer eigenen Plattform vorbehalten, übliche Anbieter also weitestgehend außen vor lassen.

Zugegeben, eine recht düstere Prognose, aber wohl auch nicht von der Hand zu weisen. Klar, man könnte nun argumentieren, dass dies ja ganz im Sinne der Künstler wäre, diese sich damit weitestgehend direkt ein faires Einkommen sichern können, langfristig aber ist damit endgültig die Musik-Industrie, wie wir sie über Jahrzehnte kannten, Geschichte. Aberdutzende Streaming-Angebote, die man dann künftig abonnieren müsste, keine direkte, plattformübergreifende Unterstützung für mobile Lösungen wie Smartphones und Tablets, keine direkte Anbindung zu Geräten der Unterhaltungselektronik... Und was ist mit Künstlern, die nicht eine derart hohe Bedeutung für die Branche haben, zumindest im kommerziellen Sinn, was geschieht mit Newcomern, die sich ihr Publikum erst erarbeiten müssen? Ob dies alles letztlich tatsächlich so erstrebenswert ist...

Doch auch jene Künstler wie Neil Young begeben sich auf dünnes Eis, spätestens, wenn die Geschichte kostenpflichtig wird. Selbst treueste Fans erwarten sich für ihr Geld letztlich laufend Neues, die Künstler müssen also "liefern". Und dies ist nur selten eine gute Basis für "Qualität"...

Share this article