Peter Gabriel „New Blood“

Nein, auch wenn „New blood“ Bekanntes umfassst, es ist definitiv kein neuer Aufguss, gemäß dem Motto, alter Weine in blank geputzten Schläuchen. Es ist vielmehr eine sehr tief gehende Weiterentwicklung etlicher weltbekannten Hits. Hits wie „Don´t give up“ oder „In your eyes“.

Von Jürgen Weber-Rom (jwr)
06.02.2012

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Was soll man von Peter Brian Gabriel erzählen, außer, dass er ein begnadeter Musiker und ehemaliger Frontman und Gründungsmitglied der Progressive Rock Formation Genesis war. Vielleicht sollte man erzählen dass er seit den frühen 1970er Jahren musiziert und ziemlich sicher fast jedem Menschen auf der Welt ein Begriff ist. Nach der Ära Genesis begann Peter Gabriel nach einer einjährigen Pause, 1975 bis 1976, seine Solo Karriere, welche bis heute andauert. Seine Schwerpunkte liegen nicht nur im eigenen Musikschaffen, sondern auch in der Förderung von anderen Künstlern. Darüber hinaus nahm Peter Gabriel auch eine Vorreiterrolle im Bereich der digital bearbeiteten Musik ein. Seine Musik, eine Mischung aus Pop, Rock und New Age mit sehr deutlichen weltmusikalischen Einflüssen ist nicht klar kategorisierbar und spricht wahrscheinlich auch deshalb so viele Musikliebhaber an. Weitere Bausteine im Kosmos von Peter Gabriel sind sicherlich seine spektakulären Videos und Live-Shows. Auch hier hat der Künstler in seiner langjährigen Karriere immer wieder mit neuen Akzenten überrascht und Maßstäbe gesetzt.

Seine wohl erfolgreichste Zeit waren die Jahre 1986 bis Mitte der 90er. Wer kennt nicht den Titel „Sledgehammer“, aus dem Album „So“, ein Album das die Erwartungen der Musikliebhaber und selbst der Kritiker noch übertraf, eine musikalische Dampframme, welche durchaus mit sexuellen Anspielungen gespickt ist. Den Titel mit dem Gabriel gleich mal seine Ex-Kollegen von Genesis mit ihrem Titel „Invisible touch“ vom Rang 1 der US-amerikanischen Charts kickte. Den Ohrwurm der Sonderklasse „Don´t give up“, ein Duett mit Kate Bush, welches die Verzweiflung und Hoffnung angesichts großer Arbeitslosigkeit besingt. Oder das Liebeslied „In your eyes“.

In diese Zeit fiel auch die Gründung seines eigenen Plattenlabels „Real World Records“. Die erste Veröffentlichung war der Soundtrack „Passion“ für den Film „Die letzte Versuchung Christi“ von Martin Scorsese. Ein Soundtrack, der von vielen als Höhepunkt Peter Gabriels Arbeit im Bereich Weltmusik angesehen wird und der Gabriel einen Grammy sowie eine Nominierung für die Golden Globe einbrachte.

Im Jahr 1992 brachte Gabriel sein Album „Us“ mit Daniel Lanois als Co-Produzenten auf den Markt. Mit diesem Album sollten die persönlichen Probleme, die Scheidung von seiner ersten Ehefrau und die Distanzierung seiner Tochter verarbeitet werden. Das aufwändige Video zeigt wie Peter Gabriel von Würmern zerfressen wird und er gegen innere Dämonen ankämpft. Das Stück „Come talk to me“ erzählt etwa sehr eindringlich von den Bemühungen, sich seiner Tochter wieder anzunähern. Musikalisch mitwirkend war die Musikerin Sinéad O‘Connor.

Eine besondere Passion von Peter Gabriel war die Arbeit an zahlreichen so genannter Weltmusik-Projekten. Eines davon nannte sich WOMAD, welches für „World of Musik, Arts and Dance“ steht. Das erste Festival fand 1982 in Shepton Mallet in England statt. Weitere 145 Veranstaltungen in 22 Ländern folgten. Zu seinem Plattenlabel „Real World Records“ gründete Peter Gabriel Ende der 1980er Jahre die „Real World Studios“. Ziel war gemäß seiner Philosophie und Passion, Künstler und Musikschaffende aus anderen Kulturen zu integrieren. Das charmante daran war wohl die Entscheidung, das Studio in einer alten Mühle in der englischen Grafschaft Wiltshire zu gründen. Eine alte Mühle, die das Sprungbrett für Musiker aus aller Welt darstellte, die es aus eigener Kraft wohl nicht geschafft hätten ihre afrikanische, asiatische und lateinamerikanische Musik und Kultur über die eigenen Landesgrenzen hinaus zu verbreiten. Besonders schwierig in den Vereinigten Staaten, so aber gelang es unter anderem Youssou N‘Dour oder Nusrat Fateh Ali Khan in der westlichen Welt dauerhaft Fuß zu fassen.

Gabriel war auch einer der Gründer der On Demand Distribution (OD2), dem ersten Online-Download-Portal für Musik. Mehr als dreißig Jahre nach seinem Mitwirken auf dessen Album „Mona Bone Jakon“ trat Gabriel 2003 zusammen mit Cat Stevens beim Nelson Mandela-Benefiz-Konzert in Johannesburg auf. Die beiden Musiker spielten gemeinsam den Cat Stevens-Hit „Wild World“.

Das Album „New Blood“ kann man durchaus als Album mit frischem Blut verstehen. Die Idee hinter diesem Album war die Arbeit mit einem Orchester und der Gedanke etwas Außergewöhnliches zu gestalten. Jedoch fand Gabriel bei der Entwicklung der Sounds heraus, dass die gewünschten „Home-made instruments“ nicht die Tonlagen und den Ausdruck erzeugten, wie sie bei den etablierten und gebräuchlichen Instrumenten vorhanden waren. Da Peter Gabriel noch nicht ausreichend mit einem Orchester gearbeitet hat und für sein Empfinden nicht wusste, wie man den Sound für eine Aufnahme arrangierte, suchte er nach einer adäquaten Unterstützung, einem Arrangeur, der die nötige Erfahrung und Qualität mit brachte. Er fand diesen in John Metcalfe, der in seinen Studios unter anderem auch an einer Live-Komposition für ein Projekt namens „The Boys and the heritage Orchestra“ gearbeitet hat. Ein Hauptziel dieses Albums war, außerhalb der traditionellen Rock-Arrangements und -Instrumentierung zu bleiben. Einfach gewagt und frech zu sein, dabei Extreme und Dynamik einzusetzen, wo immer dies möglich ist.

Unglaublich dramatisch entwickelt sich schon der erste Titel des Albums „The Rythm of the heat“. Man braucht zunächst einige Momente, um den eigentlichen Song zu erkennen, doch sehr schnell erschließt sich hier dem Zuhörer der Charakter dieses Albums insgesamt und man wird feststellen, dass sich die Titel dann in ihrer Gesamtheit erschließen, wenn das Orchester die zerstückelten Fragmente wieder zusammenführt. Track 6 etwa ist das Lied „In your eyes“, das gewaltig von einem Streicher-Einsatz eröffnet wird. Das Stück ist feinfühlig wie eine Ballade es sein muss, und treibt den Zuhörer doch stellenweise vor sich her. Der Dialog mit dem Chor ist abwechslungsreich und anregend zugleich. Peter Gabriel schafft es, diesen Klassiker vollkommen neu zu erschaffen, ohne den Song neu zu schreiben. „Mercy Street“ führt fort, was „In your eyes“ begonnen hat. Eine Reise durch diese alten Titel, die durch die orchestrale Interpretation zu neuen Werken werden. Der Ohrwurm schlechthin ist wohl der Titel „Don´t give up“, im Original gesungen mit Kate Bush. Hier setzt Ane Brun in der neuen Fassung mit ihrer unfassbaren liebevollen, zerbrechlichen und vibrierenden Stimme einen ganz besonderen Akzent, der sich von der gewiss genialen Kate Bush so deutlich unterscheidet, und doch die ergreifende Stimmung des Songs behält. Jetzt, 25 Jahre später erlebe ich denselben Zauber, den mir Kate mit der originalen Fassung von „Don´t give up“ unter die Haut trieb. Ich komme nicht umhin diesen Titel während dem Schreiben nochmals zu hören. Es ist einfach unfassbar, wie greifbar die Stimme vor einem schmachtet, wie sehr der Toningenieur das Kunststück geschafft hat, Ane Brun leibhaftig ins heimische Wohnzimmer zu stellen. Unterlegt mit Basslinien und Klavierläufen, die ihren Dialog mit Peter Gabriel einfühlsam umrahmen.

Titel 13 stellt wohl eine augenzwinkernde Besonderheit dar. Ich möchte über dieses sehr spezielle Werk nicht allzu viel verraten, außer, dass es von garantiert jedem Menschen weltweit verstanden werden kann.

Dieses Album ist gut, wirklich gut. Aber ein Umstand macht es zu etwas Besonderen - es holt geniale Songs aus der Vergangenheit hervor. Es vereint verschiedene musikalische Welten auf so gekonnte Weise, wie man es nur selten erleben darf. Und es klingt hervorragend. Es ist lupenrein produziert und stellt sogar sehr anspruchsvolle Hörer zufrieden. Das Hauptaugenmerk lag wohl auf einer eher breiten, als tiefen Bühne, mit einer starken Betonung der unglaublich authentischen Stimmen.

Aber warum erzähle ich das? Es ist belanglos, denn es verzaubert auch auf einer kleinen Kompakt-Anlage in der Bücherecke. Perfekte Technik ist ja etwas Feines, aber richtig gute, zeitlose Musik fasziniert auch ohne diese. Dennoch sei am Ende explizit darauf verwiesen, dass es dieses famose Album nicht nur als Audio CD und Download gibt. Erfreulicherweise steht Peter Gabriel "New blood" auch auf Vinyl zur Verfügung.

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