Quadro Nuevo „Mocca Flor“

Das Quartett Quadro Nuevo sieht sich selbst als europäische Antwort auf den argentinischen Tango. In vielen Augen verdichtet sich ihr musikalisches Wirken in Arabesken, dem Charme des Balkan Swing und Melodien aus dem alten Europa zu einer klangfarbenstarken Leichtigkeit. Den Geheimtipp-Status haben sie längst verlassen und sind feste Größen im Genre Weltmusik und Jazz geworden.

Von Jürgen Weber-Rom (jwr)
26.02.2012

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Die vier begnadeten Musiker, Mulo Francel am Saxophon und Klarinette, D.D. Lowka an Kontrabass und Perkussion, Andreas Hinterseher an Akkordeon, Vibrandoneon und Bandoneon, und Evelyn Huber an ihrer Harfe und Salterio, fanden sich an einem grauen Januartag im Jahr 1996 in der Nähe Salzburgs. Die Formation sollte für den ORF Filmmusik einspielen. Auch wenn der Film nie gesendet wurde, so war das der Grundstein zur Gründung der Gruppe „Quadro Nuevo“ mit ihrem unverwechselbaren Sound. Sie drücken ihre Liebe zur akustisch-nostalgischen Musik in ihren gemeinsamen Reisen rund um die Welt und von Bühne zu Bühne aus, und machen aufs Neue jedes Mal ihren Traum wahr. Die Formation spielte auf vielen renommierten Veranstaltungen auf. Festivals wie das Montreal Jazz Festival, die internationale Jazzwoche Burghausen, das Rheingauer Musikfestival, wie auch die Meraner Musikwochen und das Quebecer Festival und etliche weitere reihen sich in die lange Liste der Auftritte ein. Aber nicht nur die beeindruckenden und weltbekannten Bühnen und Festivals sind ihr Zuhause, auch Bodenständiges findet sich in ihrem musikalischen Wirken. So kann man die spielsüchtigen Virtuosen auch mal als Straßenmusikanten erleben, welche in südeuropäischen Städten zum nächtlichen Tango-Tanz verführen. Das ist Liebe zur Musik, wenn man Straßenmusik mit der Weltbühne kombiniert und sogar schon in der ehrwürdigen New Yorker Carnegie Hall zu Gast war.

Wie gesagt: Quadro Nuevo sind längst kein Geheimtipp mehr. Ihre ersten vier Alben wurden mit dem deutschen Jazz Award ausgezeichnet. Ihre imaginären folkloristischen Titel schafften es sogar bisweilen in die Top Ränge der Jazz- und Weltmusik-Charts. Mein persönliches Highlight ist das fünfte Album dieser Formation, da sie nicht nur die Grundbesetzung aus spanischer Gitarre, Kontrabass, Akkordeon und Saxophon einsetzen, sondern bis zu 23 akustische, sogar teils exotische Instrumente zur Anwendung bringen. Man kann dieses wunderbare Album auch als Schnittstelle zwischen dem Abend- und Morgenland empfinden. Die musikalischen Einflüsse sind höchst unterschiedlich und gipfeln in einem erfrischenden Kaleidoskop aus mediterranen Traditionen und dem angestaubten Swing-Flair mitteleuropäischer Kaffeehausmusik und melancholischer Walzer.

Eigentlich erwartete ich bei dem Titel dieser CD eine typische arabische Musik, welche mir eigentlich ganz gut gefällt. So schätze ich auch Klaus Doldinger mit seinem Crossover „Passport to Marokko“. Ich war im ersten Moment dann doch sehr überrascht ob dieses besonderen farbenreichen Mikrokosmos an multinationalen Einflüssen. Und dennoch vermittelt „Mocca Flor“ den besonderen Zauber eines marokkanischen Marktes, vermischt mit der Traurigkeit des Tangos, und getragen von der Hitze einer arabischen Nacht.


Die 14 Titel des Albums sind solide produziert. Neben der besonderen musikalischen Ausdruckskraft findet sich eine Art Leistungsschau der Musikinstrumente wieder. Virtuos gespielt, mit enormer Fingerfertigkeit, glänzen Musikinstrumente, die man sonst eher selten hört. Der Umstand, dass die Aufnahme teilweise sphärisch konzipiert ist und die Grenzen innerhalb der Aufnahme etwas verschwimmen, tut dem Spaß keinen Abbruch, eher im Gegenteil, es scheint zentraler Bestandteil der Stimmung zu sein. Wer kann sich bei solcher Musik schon auf HiFi technische Eigenschaften konzentrieren. Eventuell die akustische Wirkung der Aufnahme im eigenen Wohnzimmer zu prüfen? Nein, sicher nicht. Dazu ist mir die Zeit zu schade. Viel lieber sitze ich in Marokko oder in Neapel bei einer Tasse Mokka und höre den vier Straßenmusikanten zu. So einfach und schön ist das Leben.

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