Rotifer - The children on the hill


Mit zumeist ruhiger, aber immer sehr prägnanter Stimme und mit vor allem auf akustische Gitarre fokussierten Arrangements erzählt Rotifer auf diesem Album kleine Geschichten, die zwar zunächst wie geradezu beiläufig erzählte Anekdoten erscheinen, bei genauerer Betrachtung aber nicht weniger sind, als ein untrüglicher Spiegel der Gesellschaft, den ihr Rotifer vors Antlitz hält.

Von Michael Holzinger (mh)
10.02.2010

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Dynamic Range DR06Rotifer gelingt dies jedoch auf teils sehr subtile, niemals vordergründig plakative Weise. Denn, er möge uns dies verzeihen, Rotifer - geboren 1969 in Wien - ist der überschwänglichen, jugendlichen Euphorie längst entwachsen und offensichtlich kein notorischer „Weltverbesserer“, der mit stets erhobenem Zeigefinger durch die Lande zieht um seine Mitmenschen durch Missionierung eines Besseren zu belehren.

Dabei dürfte Rotifer durchaus ein überaus emotionaler Mensch sein, denn in einem Interview bekannte er kürzlich, dass er sich sehr oft dabei ertappe, schon mal das Radio anzuschreien, wenn aus diesem in Form von Nachrichten über all den Wahnsinn in dieser Welt berichtet wird. Irgendwie habe sich die jugendliche Gerechtigkeitsphase bei ihm doch nie so richtig gelegt.

Wenngleich Rotifer in einem überaus politisch engagiertem Umfeld aufwuchs, fand er seinen Weg im Journalismus und gilt seit Jahr und Tag als einer der renommiertesten Musik-Journalisten Europas. Neben Magazinen und Zeitungen wie dem Profil, Falter oder der Berliner Zeitung ist Rotifer, eigentlich mit bürgerlichem Namen Robert Lacina, seit den ersten Tagen Redakteur des alternativen Jugendkulturradiosenders FM4 des ORF, wo er unter anderem Montag Abends seine eigene Sendung „Heartbeat“ moderiert.

Tja, und dann war da offensichtlich noch das Bedürfnis, über die Möglichkeiten des Journalismus hinaus, Gedanken und Emotionen mit anderen Menschen zu teilen. Diesem Drang - den Resultaten nach zu urteilen dürfte es doch eher Berufung sein - geht er unter dem Künstlernamen Robert Rotifer nach.

In den verschiedensten Formationen entstanden über die Jahre diverse, teils vielbeachtete und hochgelobte Veröffentlichungen. Sein bisheriges Meisterstück stellt aber ganz klar das aktuelle Album "The Children on the Hill" dar.

Robert Rotifer zog 1997 zunächst nach London, dann nach Canterbury, eine für sein Schaffen offensichtlich sehr fruchtbare Umgebung. „The Children on the hill“ sei vor allem eine Sammlung an Eindrücken über England aus der Sicht eines Immigranten, betrachtet durch die Augen imaginärer Menschen, die dort leben, oder gelebt haben, so Rotifer als abschließende Randnotiz des Booklets dieser CD.

Grob gesprochen kann man dieses Album also durchaus als eine Art Rückblick auf das bisherige Leben in England der letzten Jahre verstehen, wobei Rotifer mitunter sehr kritisch Themen aufgreift, die keineswegs auf England allein zutreffen, sondern längst überall auf dieser Welt trauriger Alltag sind.

Gleichgültig, ob es nun die immer mehr geschürte Angst vor Terror, der damit begründete Überwachungswahn, der Wertverlust einer machtgeilen und auf absolute Gewinnmaximierung fixierten Konsumwelt oder die Problematik der Immigration ist, all das verpackt Rotifer in kleine Geschichten, kurze Episoden, verpackt in zunächst harmlos wirkende Songs, die ihr wahres Potential durch geschickt eingesetzte Schlichtheit zunächst verbergen. Lieder, die man auch so beiläufig hören kann, ohne das sie aufdringlich wirken, und so den in ihnen verborgenen sozialkritischen Inhalt nur denen offenbaren, die tatsächlich zuhören.

Ein Zitat aus der offiziellen Presseaussendung zu dieser CD bringt es sehr gut auf den Punkt. So schreibt Robert Rotifer über das, dem Album namensgebende Lied „The children on the hill“: „Bei uns zu Hause in Canterbury gehen meine Kinder zusammen mit dem Nachwuchs britischer Soldaten in die Schule, die zum Teil schon ihre dritte oder vierte Tour im Irak oder in Afghanistan hinter sich gebracht haben. Die gehobene Mittelklasse der Gegend meidet diese Schule, weil die Kinder aus den Armee-Baracken auf einem Hügel am östlichen Rand der Stadt einen eher schlechten Ruf genießen. Die Berufsarmee ist schließlich ein Auffangbecken derer, die sonst keinen Job finden, viele von ihnen aus den ärmsten Gegenden Schottlands, andere aus ehemaligen britischen Kolonien. Die Väter hinterlassen den Kindern CD-Rs mit Gute-Nacht-Geschichten drauf, wenn sie in den Krieg ziehen. Wenn sie dann wieder zurück in die Kaserne kommen, bleiben sie dagegen stumm.“

Robert Rotifer übernahm auf diesem Album zwar sämtliche Vokal- und Gitarrenparts und griff gelegentlich auch zum Banjo, Bass oder der Melodica, dennoch versammelte er eine überaus illustre Riege an Musikern im Studio. Neben Tilo Pirnbaum am Schlagzeug, Stefan Franke am Keyboard waren Greg Hall (Cello), Darren Hayman (Bass), Ian Button (Schlagzeug), Paul Rains und Louis Philippe an den Aufnahmen beteiligt.

Selbstverständlich übernahm Robert Rotifer auch diesmal selbst die Rolle des Produzenten und wurde dabei von Simon Trought am Mischpult unterstützt.



Dieses Album erweckt durch und durch den Anschein, dass es ein sehr persönliches Werk des Künstlers ist. Dies beginnt bereits beim Album-Artwork, einem Ölgemälde von Robert Rotifer und offenbart sich so richtig in der Art des Vortrags. Mit jeder Textzeile spürt man, dass hier jemand singt, der zwar von sich selbst behauptet, diese Werke nur als Momentaufnahme anzusehen, diese aber mit viel Hingabe und wohl überlegt erschuf und in bester Singer/Songwriter-Tradition in  manchmal durchaus flotte, aber zumeist eher sanfte Folk-Pop Arrangements mit spürbar britischen Einflüssen verpackte.


Michael Holzinger

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