Talking Heads „Stop making sense“

„Ich hab‘ ein Tonband, das ich nun spielen will...“ mit diesen Worten betritt David Byrne die Bühne und eröffnet mit „Psycho killer“ ein Konzert, dessen Mitschnitt nach wie vor als einer der besten Konzert-Filme überhaupt gilt und auf besonders beeindruckende Art und Weise verdeutlicht, dass für imposante Bilder Kreativität entscheidend ist, und nicht der technische Aufwand.

Von Michael Holzinger (mh)
22.02.2011

Share this article



Die US-amerikanische Formation Talking Heads gilt rückblickend als wohl eine der bedeutendsten Bands der 80iger Jahre und somit der so genannten New-Wave- und Post-Punk Bewegung. Ihr erstes Album veröffentlichten die Talking Heads zwar bereits im Jahr 1977, der große Durchbruch gelang ihnen jedoch erst zu Beginn der 80iger Jahre und der Erfolg hielt fast ungebrochen bis zum Zerwürfnis der Band und somit ihrer offiziellen, von Rechtsstreitigkeiten begleiteten Trennung im Jahr 1991 an.

Mit dem Film „Stop making sense“ sowie dem gleichnamigen Album schufen die Talking Heads ein audiovisuelles Gesamt-Kunstwerk, das Maßstäbe setzte und bis heute als einer der besten Konzert-Filme schlechthin gilt.

„Stop making sense“, eine Textzeile aus dem Song „Girlfriend is better“ ist ein geradezu perfekter Titel für diesen Konzert-Mitschnitt, denn die Talking Heads brachen mit nahezu allen (ungeschriebenen) Regeln, die nach wie vor für derartige Projekte gelten. Für die Umsetzung dieses Vorhabens erarbeitete Band-Leader David Byrnes gemeinsam mit dem Regisseur Jonathan Demme (Das Schweigen der Lämmer, Philadelphia) ein außergewöhnliches Konzept. Es sollte allein die Band und die Performance im Mittelpunkt stehen. Bis auf wenige Szenen ist vom Publikum rein gar nichts zu sehen. Auch wenn der Film selbstverständlich vor Publikum aufgezeichnet wurde, und zwar an insgesamt drei Abenden im Jahr 1983 im Rahmen einer Promotion-Tour für das seinerzeit aktuelle Album „Speaking in tongues“ der Talking Heads.

Die Intension dahinter war, dass der Zuseher durch rein gar nichts abgelenkt werden sollte. Nicht durch üppige Bühnenaufbauten, nicht durch eigentlich belanglose Details wie etwaige auf der Bühne herumstehende Getränke-Flaschen, und auch nicht vom anwesenden Publikum, sodass selbst der Applaus nur sehr dezent hinzugemischt wurde. Erst im Song „Take me to the river“, der den Abschluss der regulären Set-List bildet, zeigt eine Totale, dass da tatsächlich Menschen vor der Bühne stehen. Bis dahin gleicht der Mitschnitt in nahezu allen Belangen fast einem perfekt inszeniertem Musik-Video. Der Fokus des Betrachters wird stets durch eine geradezu meisterhaft inszenierte Licht-Komposition im Zusammenspiel mit der Kameraführung auf den Mittelpunkt des Geschehens gelenkt.

Dies beginnt bei der bereits erwähnten Anfangs-Sequenz zum Song „Psycho killer“, den Byrnes in diesem Fall komplett im Alleingang, nur von einer Drum-Machine unterlegt, bestreitet. Schon hier wird klar, es ist vor allem die überaus quirlige Darbietung Byrnes, die das Programm trägt. Doch selbst wenn Byrnes einem Hochleistungs-Sportler gleich nicht eine Sekunde still steht, sondern mitunter fast wie vom Wahnsinn getrieben über die Bühne rennt und dazu mit teils abstrusesten Grimassen und Verrenkungen die Songs vorträgt, man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, als wäre dies zu überzeichnet, zu übertrieben oder gar unpassend. Im Zusammenspiel mit den teils nicht weniger quirlig, aber natürlich bei weitem nicht so charismatisch agierenden Musikern der Band, die Song für Song ebenfalls die Bühne betreten - erst beim sechsten Titel „Burning down the house“ steht die gesamte Band samt Begleitmusiker tatsächlich auf der Bühne - ergibt sich ein Schauspiel, das nur wenig Zeit zum durchatmen lässt. Und genau diese Intension ist es, die David Byrnes und Jonathan Demme erzielen wollten!

Auch aus technischer Sicht setzte der Film neue Maßstäbe, denn er gilt als erstes Werk dieses Genres, bei dem der Ton komplett digital und mit immensen Aufwand aufgezeichnet wurde. Somit ist natürlich die beste Grundlage für eine Aufbereitung des Materials für die hohen Ansprüche der Blu-ray gegeben. Allerdings enthält die Blu-ray zwei völlig unterschiedliche Abmischungen. Die erste Variante basiert auf dem original Film-Soundtrack, der von Jonathan Porath in Zusammenarbeit mit David Byrnes im Jahr 1999 in den Sony Music Studios remastert wurde. Diese Abmischung soll ein sehr unmittelbares Konzert-Erlebnis erlauben, bei dem der Zuseher irgendwo in der ersten Reihe direkt vor der Bühne platziert wird und somit einen sehr intensiven Eindruck erhält.

Die zweite Version wurde ebenfalls im Jahr 1999 erstellt, und zwar von Eric Thorngren, der auch bereits für die Original-Abmischung des gleichnamigen Albums im Jahr 1983 verantwortlich zeichnete. In Zusammenarbeit mit dem Keyboarder und Gitarristen der Talking Heads Jerry Harrison erstellte Thorngren anhand der originalen Mehrspur-Bänder einen ausgewogeneren „Studio-Mix“, der zwar nicht die Intensität der Live-Abmischung bietet, aber über den gesamten Film doch die etwas ausgewogenere Variante darstellt.

Beide Abmischungen liegen auf der Blu-ray natürlich in exzellenter Qualität in dts HD Master Audio 5.1 vor.

Eine PCM 2.0 Tonspur, ebenfalls remastered von Jonathan Porath rundet das Angebot ab.

Das Bildmaterial wurde ebenfalls vom Original-Filmmaterial übernommen und präsentiert sich in guter Qualität, wenngleich es die Möglichkeiten von HD schon in Anbetracht des Alters nicht wirklich ausreizt.



Dies allein sollte aber in keinster Weise ein Grund dafür sein, sich dieses Meisterwerk entgehen zu lassen. Es ist schlicht beeindruckend, welch intensives audiovisuelles Erlebnis man mit vergleichsweise einfachen Mitteln realisieren kann, wenn man diese perfekt und mit Kreativität einsetzt. Dies ist nicht falsch zu verstehen, natürlich wurde auch für „Stop making sense“ alles aufgeboten, was gut und teuer ist. Die Talking Heads auf dem Zenit ihrer Karriere mussten keineswegs sparen. Vergleicht man allerdings diesen Konzert-Film mit so manch anderem Live-Mitschnitt, so wird schnell klar, dass hier nicht mit „billigen“ Tricks wie einer Lichtshow und unmotiviert herum hüpfenden Background-Sängern etwaige Mengel der Künstler kaschiert werden müssen.

Ja, auch hier geht es, wie gesagt, sehr quirlig und geradezu stressig auf der Bühne zu, aber alles fügt sich ins Gesamtkonzept ein und der Regisseur führt den Zuseher durch eine perfekte Inszenierung, eine exzellente Kameraführung und mit einfacher, aber effektiv eingesetzter Beleuchtung durch diesen inszenierten Trubel. Und achtet man ein wenig auf die Lyrics, so kann man die vielleicht zunächst mit banalen Bildern arbeitenden, aber nahezu immer mehrdeutigen Songs der Talking Heads gar nicht anders interpretieren. Erst durch die geradezu überzeichnete Darstellung Byrnes offenbart sich deren verzerrte Welt, die hier perfekt in Szene gesetzt wurde.


Michael Holzinger


Share this article