The Pogues in Paris - 30th Anniversary Concert at The Olympia

Póg mo thóin, anhand dieses Konzert-Mitschnitts könnte man durchaus glauben, dass dies noch immer der Leitfaden der Formation The Pogues ist, denn auch im Pariser Olympia präsentierten sie unbeirrt ihre Interpretation dessen, was hinlänglich als Irish Folk geläufig ist, bei den Pogues aber noch eine Portion mehr an Kraft, Leidenschaft und Dramatik erhält.

Von Michael Holzinger (mh)
27.03.2013

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Ach, wo ist sie hin die Zeit, als allein ein Band-Name dafür sorgte, dass Musik „gebannt“ wurde, und bei so manchem Sender nicht „on air“ gehen durfte... Heutzutage muss man sich da schon viel mehr einfallen lassen, um in den Genuss einer derartigen Marketing-Unterstützung zu gelangen.

Wobei, diesen Herren glaubt man ohne Vorbehalt, dass sie dies alles keinesfalls ins Kalkül zogen, als sie im Jahr 1982 die Band „Pogue Mahone“ gründeten. Es passte einfach offensichtlich perfekt zur Einstellung der Gründungsmitglieder, zu ihrer Weltanschauung und nicht zuletzt zum damaligen Lebensgefühl „Pogue Mahone“ als etwas fürs Englische aufbereitete Version des irisch-gälischen Ausdrucks Póg mo thóin zu nehmen, was nichts anderes bedeutet, als Küss meinen Arsch. Und dies war ganz eindeutig „griffiger“, als der ursprüngliche Name der Formation „The New Republicans“, unter der sich 1981 Shane MacGowan, Peter „Spider“ Stacy und Jem Finer zusammen fanden.

Allein der Name der Band war bereits Grund genug, dass die im Jahr 1984 erschienene erste Single der Band von Radio-Stationen in England, Wales, Schottland und Irland nicht gespielt, die Band teils komplett ignoriert wurde. Im Zuge der ebenfalls 1984 erschienen ersten LP „Red roses for me“ und der in diesem Zusammenhang anstehenden Tour konnte sich jedoch die Plattenfirma Stiff Records durchsetzen, und der Name The Pogues war geboren.

Bereits seit dem Jahr 1982 bestand die Band neben den ursprünglichen Gründungsmitgliedern aus James Fearnley, Cait O‘Riordan und Andrew Ranken, und erspielte sich in zahllosen Club- und vor allem Pub-Auftritten nicht nur ein gehöriges Maß an Routine, sondern vor allem einen tadellosen Ruf als irische Folk-Punk-Band, wobei eine Tour, bei der die Band als Vorgruppe von The Clash auftrat, sicher zu den Höhepunkten der ersten Jahre zählte.

Der Rest der Band-Geschichte ist längst Legende, und voller Höhen, aber auch zahlreicher Tiefpunkte, wobei nicht zuletzt der durchaus exzessive Lebensstil von so manchem Band-Mitglied maßgebend dazu beitrug, dass die Erfolge Mitte der 90ger Jahre ausblieben, und die Band allmählich Auflösungserscheinungen zeigte, über die auch mitunter sehr prominente Gastmusiker bei Aufnahmen als auch Konzerten nicht wirklich hinwegtäuschen konnten, und was im Jahr 1996 dann auch tatsächlich in einem vorläufigen Ende der Pogues gipfelte.

In den Jahren 2001, 2004 und auch 2006 fand man zumindest für einige Konzerte wieder zusammen, und auch im Jahr 2010 und 2011 tourte die Band in nahezu Original-Besetzung durch verschiedenste Länder, allen voran natürlich immer Großbritannien und Irland, den absoluten Höhepunkt aber bildeten jene zwei Auftritte am 11. und 12. September 2012 in Paris, die Grundlage für diese nunmehr in verschiedensten Formaten vorliegende Aufnahme sind.

Getreu dem Motto „And we‘ll go where the spirit take us, to heaven or to hell...“ feuern die - mit Verlaub - alten Herren geradezu ein Feuerwerk ab, das so manchen gehypten Jungspund der aktuellen Folk-Szene zu einem absoluten Dilettanten mit Wandergitarre abstempelt. Während sich fast die gesamte Band noch recht rüstig präsentiert, an denen so manch lange, in diesem Fall garantiert sehr feuchtfröhliche Konzert-Nacht ihrer Blütezeit vergleichsweise spurlos vorüber ging, kann man dies vom Sänger Shane MacGowan garantiert nicht behaupten. Klar ist hier ersichtlich, dass er den Leitspruch „Sex, drugs and Rock‘n‘Roll“ wirklich ernst nahm und dies in vollen Zügen auslebte, wobei es in diesem Fall wohl keinesfalls Rock‘n‘Roll war, sondern feinste irische Klänge, gepfeffert mit allen Elementen des Punks der 70iger und frühen 80iger Jahre.

So fragt man beim Betrachten des Konzerts geradezu, warum niemand MacGowan zur stützend zur Seite steht, während er auf die Bühne wankt, aber kaum setzt dieser Mann an zu singen, ist all die Energie und Kraft alter Tage wieder im vollen Umfang präsent. Natürlich hält MacGowan nicht nur das Mikrofon in Händen, auch eine glimmende Zigarette gehört dazu, und es wird wohl nicht reinstes französisches Quellwasser sein, das da auf dem Tischchen auf der Bühne neben dem Sänger im Pariser Olympia steht.

Allein das Verstehen der Zwischenansagen dürfte auch all jene vor eine unlösbare Aufgabe stellen, die der englischen Sprache normalerweise tadellos mächtig sind, aber wer kümmert sich schon um derartige Details...

Shane MacGowan, Jem Finer, Spider Stacy, James Fearnley, Andrew Ranken, Phlip Chevron, Darryl Hunt und Terry Woods zelebrierten an diesen beiden Abenden in Paris alle, wirklich alle Hits der Pogues, und zwar teils in der wohl bislang besten Version, zumal man sich mit Pete Fraser, Dan Gale-Hayes und Ian Williamson noch eine famose Brass-Section als Unterstützung sicherte. Natürlich darf das wohl legendäre „Weihnachtslieder“ der Pogues ebenfalls nicht fehlen, das den krönenden Abschluss bildet. Diesmal bestreitet Ella Finer als Special Guest „Fairytale in New York“ gemeinsam mit Shane MacGowan, die nicht nur mit famoser Stimme brilliert, sondern auch einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn und durchaus nötige „Standhaftigkeit“ für das abschließende Tänzchen mit MacGowan beweist...

Kurzum, diese beiden Konzerte im Pariser Olympia zählen wohl zu den absoluten Höhepunkten der immerhin 30 jährigen Bandgeschichte, dies ist auch klar an den Reaktionen des Publikums ersichtlich, das vom ersten Takt an begeistert mitgeht, und sich nicht nur die Seele aus dem Leib „singt“, sondern auch beweist, das Poken kein Begriff ist, der erst mit Facebook (Anstupsen) begründet wurde...

Festgehalten wurden diese beiden Abende in Paris in wirklich erstklassiger Qualität, sowohl auf Blu-ray, Audio CD inklusive DVD und Schallplatte. Gleichgültig in welcher Darreichungsform, dieser Konzert-Mitschnitt ist geradezu ein Pflichtkauf für all jene, die feinsten irischen Folk zu schätzen wissen. Eindringlich empfehlen wir, sich dieses Konzert auf Blu-ray zu gönnen, wobei natürlich auch die immerhin aus drei Tonträgern bestehende Vinyl-Ausgabe ebenfalls in keiner Sammlung fehlen sollte. Denn dieser Querschnitt übertriff mühelos all die zahllos erhältlichen Best-of Compilations, und bietet somit einen wunderbaren Querschnitt über das Schaffen der Band, deren Stärke ohnedies seit jeher vor allem bei Live-Konzerten zu bestaunen war.

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