Über Geschmack lässt sich nicht streiten... Eine selbstkritische Betrachtung!

Was ist „gute“ Musik? Eine Frage, die sich wohl in keinster Weise allgemein gültig beantwortet lässt. Was man allerdings klar sagen kann ist, dass eine perfekte Aufnahme allein sicher nicht reicht, um Musikgenuss zu gewährleisten. Doch genau diesem Trugschluss verfallen all zu oft ausgerechnet audiophile HiFi-Freunde.

Von Michael Holzinger (mh)
08.03.2012

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Ganz offen gesprochen, mir graut bereits jetzt vor der anstehenden High End 2012 in München. Wie eigentlich inzwischen vor fast jeder einschlägigen Fachmesse. Bitte dies nicht falsch zu verstehen, natürlich freue ich mich, auch diesmal wieder all das neue „Spielzeug“ in Augenschein zu nehmen, über die neuesten Trends und Entwicklungen mit Firmenvertretern ausgiebigst in Fachsimpelei zu verfallen. Es sind vielmehr die zu erwartenden Demonstrationen selbst, vor denen ich mich bereits jetzt „fürchte“, denn sie sind es, die mir persönlich den Spass an der Musik wieder einmal für lange Zeit verleiden werden.

Dabei spreche ich gar nicht von der zumeist ohnedies schlechten Akustik, die nicht nur die Demonstrationen im Rahmen der High End in München „auszeichnet“ und eine realistische Beurteilung der präsentierten edlen HiFi-Lösungen ohnedies nicht gestatten. Es ist tatsächlich die Musik selbst, die Jahr für Jahr auf derartigen Events geradezu vergewaltigt und missbraucht wird.

Ich weiss, ich werde auch heuer nach der High End in München so manche meiner Lieblingslieder aus jeder meiner Playlists verbannen, denn ich kann sie nach ein paar Messetagen einfach nicht mehr hören. Gleichgültig welcher Messestand, immer und immer wieder tönen die gleichen drei, vier Takte aus den Lautsprecher-Systemen. Diana Krall, Allan Taylor, Sara K... vor allem Chris Jones geniales „No sanctuary here“ wird geradezu „verheizt“. Die ersten paar Akkorde angespielt - und aus, aber das auf jedem Messestand. Selbst wenn ich nun ein paar Künstler vergessen haben sollte, mehr als ein halbes Dutzend sind es nicht, die immer und immer wieder für Demonstrationen herhalten müssen.

Fast all die genannten sind auch Teil meiner Playlist, nur nicht nach Fachmessen. Da gibt‘s eine Schonfrist - für mich!

Das bedenkliche daran aus meiner Sicht aber ist, dass sich dies alles nahtlos im persönlichen Umfeld vieler HiFi-Freunde fortsetzt. Nicht nur bei Demonstrationen im Fachhandel ertönen also immer, und immer wieder die gleichen Aufnahmen, auch im privaten Alltag läuft oft nichts anderes, als immer die gleichen angeblich audiophilen Aufnahmen. Diesen Eindruck gewinnt man nicht nur, wenn man sich in einschlägigen Foren sowie auf Facebook und Co herumtreibt, auch im persönlichen Gespräch dreht sich immer alles um die gleichen Alben.

Selbstverständlich macht es höllischen Spass, das eigene HiFi-System mit richtig fordernden Aufnahmen an seine Grenzen zu führen bzw. diese auszuloten, aber wenn es nur noch darum geht, muss man sich irgendwann die Frage gefallen lassen, ob man all den Aufwand tatsächlich noch dafür betreibt, um auf höchstem Niveau Musik zu genießen, oder aber allein um einen ausgeprägten Fetischismus für möglichst kostspielige Gerätschaften zu pflegen.

All zu oft erlebe ich es, dass über Musik in audiophilen Kreisen allein anhand der Aufnahmequalität diskutiert wird. Also nicht die Emotion, die Leidenschaft und die persönliche Hingabe des Musikers selbst beleuchtet wird, sondern allein das handwerkliche Können des Tontechnikers im Mittelpunkt des Interesses steht. Da wird eifrig darüber diskutiert, ob es nun an der Transparenz des CD-Materials liegen mag, ob die allerletzten Feinheiten über diesen oder jenen Hochtöner noch klarer herausgearbeitet werden können, oder ob der knorrige Basslauf mit diesem oder jenen Kabel noch kräftiger zur Geltung kommt. Aber keine Rede davon, ob es das Album aus musikalischer Sicht überhaupt wert ist, gehört zu werden. Kein Wunder also, dass die tatsächliche Faszination, die unser aller Hobby eigentlich wirklich ausmacht, Aussenstehenden so schwer zu vermitteln ist. Im Prinzip machen wir leider all zu oft nichts anderes, als Musik zu Testtönen zu degradieren. Musik zu missbrauchen! Und gerade für Außenstehende ist es eben nicht nachvollziehbar, warum sie in ein edles HiFi-System investieren sollten, nur um dann jedwedes Detail einer ansich stinklangweiligen Aufnahme zu hören. Was soll daran mitreissend, emotional ergreifend und leidenschaftlich sein?

Musik soll doch für sich allein faszinierend sein, egal, ob diese nun Live, über einen lausigen Kofferradio oder eben ein edles HiFi-System vorgetragen wird. Wenn die einzige Faszination davon ausgeht, dass eine Aufnahme auf einem guten HiFi-System perfekt klingt, ist dies zumindest mir ganz persönlich zu wenig. Und - mit Verlaub gesagt - viele der so hoch gepriesenen audiophilen Referenz-Alben beziehen ihren Reiz allein durch das handwerkliche Geschick des Tontechnikers und Mastering-Ingenieurs. Die Musik allein ist zumeist typische „Fahrstuhl-Musik“, ohne Leidenschaft, ohne Emotion, einfach nur langweilig!

Mir ist so manche „schlechte“ Aufnahme tausendmal lieber, wenn sie die Kraft hat, mich zutiefst emotional zu packen und in ihren Bann zu ziehen. Und zwar nicht nur auf einem edlen, audiophilen HiFi-System, sondern ebenso über jeden x-beliebigen Kofferradio. Bei aller Hochachtung vor gutem Handwerk, ein Tontechniker hat's noch nie geschafft, mir wohlige Schauer über den Rücken zu treiben. Gute Musiker aber tagtäglich...

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