Wenn ich kurz etwas sagen dürfte... Das böse, böse Internet...

Ja, man kann gewisse Entwicklungen durchaus kritisch betrachten. Nein, man muss es sogar, denn wie immer bergen neue Technologien auch die Gefahr, so manche Fehlentwicklung mit sich zu bringen. Sich allerdings kategorisch dagegen zu verschließen, und diese gar zu verteufeln, wird aber kein Problem lösen.

Von Michael Holzinger (mh)
04.06.2013

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Seit Jahr und Tag beklagt die Musik-Industrie sinkende Verkaufszahlen klassischer Tonträger und hat dafür seit Anbeginn an im „Internet“ den Erzfeind schlechthin gefunden. Tatsächlich war es über Jahre hinweg zu verzeichnen, dass zumindest halblegale, teils klar illegale Plattformen im Web maßgeblich dazu beitrugen, dass immer mehr Menschen ihren Medienkonsum über derartige Angebote abdeckten, wenngleich dabei vor allem der über Jahrtausende Evolution niemals gänzlich unterdrückte Jäger- und Sammler-Instinkt voll zur Geltung kam, und so mancher schiere Maßen an Audio- und Videodaten durch die Leitungen jagte, nur um diese zu besitzen. Völlig ungeklärt hingegen war und ist dabei die Frage, ob diese "Konsumenten" all das, was sie da auf ihren Festplatten horteten, und zumeist ohnedies niemals auch tatsächlich nutzten, auch wirklich gekauft hätten.

Die direkte Gegenrechnung der Industrie war und ist daher nach wie vor höchst umstritten. Kritiker etwa sahen in dieser Entwicklung vielmehr ein Versäumnis der Industrie selbst, entsprechend auf die neuen Technologien und deren Möglichkeiten einzugehen, und ein längst gescheitertes Geschäftsmodell durch innovative Konzepte zu ersetzen.

Diese Mutmassung wird etwa dadurch unterstützt, dass entsprechende legale Angebote, sobald diese eine für den Konsumenten vernünftige Qualität und Leistung zu einem fairen Preis bieten, nicht nur akzeptiert, sondern bereitwillig angenommen werden und sich zu wahren Erfolgsgeschichten mausern. So gilt allen voran Apple dank dem Apple iTunes Store als weltweit führender Anbieter, der längst herkömmliche Vertriebswege überflügelte und, wiedermal zum Leidwesen der Musikindustrie, sich seiner Bedeutung mehr als bewusst ist, und diese teils gnadenlos ausspielt.

Zudem passt es ins Bild, dass so manche Forderung der Industrie zumindest verwegen anmutet. Etwa jene nach einer generellen Festplatten-Abgabe, wie sie nunmehr ebenfalls seit Jahr und Tag allen voran von Verwertungsgesellschaften gefordert wird. Auch eine „Kultur-Flatrate“ stösst - verständlicherweise - keinesfalls auf breite Unterstützung. Denn damit sollen etwa nicht all die tatsächlich illegalen Downloads abgegolten werden, sondern vielmehr will man offensichtlich bei den nunmehr intensiv genutzten legalen Angeboten nochmals abkassieren. Auch Forderungen der Rechteverwerter, geradezu abenteuerlich in eigentlich allgemeingültige Rechtsauffassungen und Freiheiten eingreifen zu dürfen, stärken wohl kaum die Position der Industrie in der Wahrnehmung der Konsumenten.

Man könnte nun ewig über die Entwicklungen der letzten Jahre philosophieren, ohne zu einem letztgültigen Ergebnis zu gelangen. Zahllose Abhandlungen haben dies bereits versucht und sind gescheitert. Fakt ist, und dies ist unbestritten, dass es tatsächlich zu maßgeblichen Umsatzrückgängen der Industrie kam, und das daran natürlich auch das „Internet“ mit all seinen Möglichkeiten nicht gänzlich unbeteiligt ist. Die Antworten darauf, die wurden aber noch nicht gefunden.

Auch nicht auf die Frage, wie man etwa mit Anbietern wie YouTube.com umzugehen gedenkt, der tatsächlich - dies ist ebenfalls Fakt - für so manchen Konsument als eine Art „virtuelle Jukebox“ fungiert, und somit den Kauf von Musik als obsolet erscheinen lässt. Hierbei handelt es sich zumeist um eine eher jugendliche Zielgruppe, also durchaus eine für die Industrie sehr maßgebliche Kundenschicht, die man aber scheinbar nicht wirklich mit Qualität ködern kann. Denn Qualität, das bieten die mitunter aus sehr fragwürdigen Quellen stammenden Inhalte auf YouTube.com nun wirklich nicht.

Warum aber nun ausgerechnet ein klassischer Pianist offensichtlich ein sehr massives Problem mit YouTube.com hat, entzieht sich unserer Kenntnis.

So war dieser Tage auf nahezu allen Nachrichtenplattformen zu lesen, dass der Pianist Krystian Zimerman ein Konzert in der deutschen Stadt Essen abrupt beendete, als er bemerkte, dass ein Zuseher seine Darbietung im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr mit Hilfe eines Smartphones festhielt.

Abgesehen davon, dass es tatsächlich eine Unsitte ist, anderen Zusehern die Sicht und den Genuss mit einem ständig vor sich hergehaltenen Smartphone zu trüben, erscheint uns die Reaktion etwas übertrieben, denn die Begründung, mit der der Künstler den Abbruch seines Konzerts rechtfertigte, lautete: „YouTube vernichte die Musik.“ Er habe bereits viele Plattenprojekte und Kontakte verloren, da die entsprechende Musik bereits auf YouTube.com zu finden sei.

Da stellt sich doch die Frage, von welcher Qualität die Darbietungen des Künstlers sind, denn wenn dafür ein verwackeltes, mit miserablem Equipment aufgenommenes Video als Ersatz reicht, sollte das zu denken geben. Gerade bei einer derart anspruchsvollen Zielgruppe wie Klassikfreunden gilt YouTube.com nun wirklich nicht als gangbare Alternative...

Auch die Begründung des Festival-Direktors Franz Xaver Ohnesorg erscheint uns nicht ganz passend. Er meinte, es sei Diebstahl, was da passierte, und natürlich würde dies einen derart sensiblen Künstler wie Krystian Zimerman aus der Fassung bringen. Nun, wir würden die Marktchancen für das Machwerk des „Diebs“ mit Smartphone aus besagten Gründen als eher sehr gering einschätzen.

Eine eher unrühmliche Episode, die aber zumindest dazu führte, dass Herr Krystian Zimerman zumindest kurzfristig Gesprächsthema ist, auch wenn er und sein Schaffen davor wohl nur wenigen ein Begriff war und er ebenso schnell bei vielen wieder rasch in Vergessenheit geraten wird. Zudem zeigt sie klar, dass hier etwas in der Wahrnehmung der Industrie und teils bis hin zu den Künstlern nicht stimmt. Nochmals, natürlich ist es keineswegs angebracht, einen Konzertabend mit Smartphone vorm Gesicht zu verbringen, aber eher aus Gründen der Höflichkeit und Rücksichtnahme anderen Konzertbesuchern, und nicht zuletzt dem Künstler selbst gegenüber.

Interessanterweise gelten aber in anderen Musik-Genres diesbezüglich zumindest bei Live-Konzerten andere Gesetze, denn im Bereich Rock- und Pop ist es so manchem Künstler gar nicht so unrecht, wenn anstatt wie früher Feuerzeuge nunmehr Smartphones und Digitalkameras über den Köpfen der Konzert-Besucher erstrahlen. Mehr noch, so mancher Künstler lädt seine Fans geradezu dazu ein, ihre mobilen Teile zu zücken, und das Geschehen auf der Bühne festzuhalten. Und vor allem: diese möglichst eifrig auf Plattformen wie Facebook, Tweeter, Google+, FlickR und eben auch YouTube zu teilen. Diese Künstler haben verstanden, dass dies eine kostenlose, flächendeckende Werbung für sie sein kann.

Vor allem die Independent und Alternative-Szene hat diese Möglichkeiten längst für sich entdeckt, selbst wenn auch diese Künstler keinesfalls ein wirklich entspanntes Verhältnis mit dem sehr laschen Umgang all dieser Plattformen mit Copyright-Fragen und der adäquaten Abgeltung von Rechten haben. Statt sich diesen Plattformen jedoch gänzlich zu verweigern, oder diese gar mit teils abstrusen Mitteln zu bekämpfen, machen sie jedoch das Beste daraus, und nutzen sie für ihre Zwecke. So fordert so manche Band ihre Konzert-Besucher ganz offensiv dazu auf, Konzerte abzulichten und diese übers Web mit Freunden zu teilen. Werbung, und zwar völlig kostenlos! Andere Bands wiederum setzen den verwackelten Bildern der Fans eigene Angebote auf YouTube.com entgegen, etwa die deutsche Gothic-Formation ASP, die eine eigene Aktion „Legal und unverwackelt“ ins Leben rief und diesen Channel ebenso als ideale Werbefläche für sich nutzt. Über mangelnde Konzert-Besucher kann sich ASP keinesfalls beklagen. Regelmässig füllt man seit Jahren mühelos Event- und Konzert-Hallen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Zudem hat man entdeckt, dass Fans sehr wohl bereit sind, für das Quäntchen mehr auch einen entsprechenden Preis zu zahlen. So erscheinen die Alben der Formation immer nicht nur in einer Standard-Version und als Download, sondern ebenso in einer mit viel, viel Hingabe und Liebe zum Detail ausgeführten Special Edition und einer nochmals umfangreicheren Special Limited Edition. Diese sind zumeist bereits vor Erscheinen ausverkauft.

Was man mit Hilfe des „bösen Internets“ bei kreativer Nutzung tatsächlich bewegen kann, beweist etwa auch die ebenfalls deutsche Formation Deine Lakaien, deren jüngstes Projekt „Deine Lakaien: Live Album II“ allein über die Internet-Plattform Pledge Music finanziert wird.

Klar, „reich“ wird man auf diese Art und Weise nicht, aber man kann viel bewegen und erreichen. Und zudem gibt es dann ja auch noch so manchen „Hit“ auf YouTube.com, der durchaus dafür sorgte, dass dessen Interpret allein über diese Plattform zum Star wurde. Klar, dies sind ganz selbstverständlich nur Ausnahmen , und leider handelt es sich dabei zumeist auch nicht wirklich um als langfristig ernstzunehmende Künstler...

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