Wenn ich kurz etwas sagen dürfte... Schöne neue Welt mit Apples iPad

Die Meinungen rund um Apples iPad könnten nicht stärker differieren. Von „Wozu braucht man das?“, der Ansicht, es sei völlig überteuert, bis hin zu der Behauptung, es könnte die Medienlandschaft ähnlich revolutionieren, wie es Apples iPod beim Musikkonsum und der Musikdistribution gelang, reicht das Spektrum.

Von Michael Holzinger (mh)
26.07.2010

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Bereits noch vor der Präsentation des Apple iPads sorgten erste Gerüchte, die bereits klar verdeutlichten, in welche Richtung Apples Ansatz eines Tablets gehen wird, dafür, dass die Begeisterung in den Chefetagen der Medienkonzerne nahezu grenzenlos war. Man hegte große Hoffnung, dass ein derartiges Device die teils steil nach unten zeigenden Absatzzahlen im klassischen Print-Markt kompensieren könne. Nach dem überwältigenden Erfolg, den Apple im Vertrieb von Musik im Windschatten des iPod und iPhone verzeichnen konnte, traute man Apple Vergleichbares auch im Magazin- und Tageszeitungs-Segment zu.

„Zu behaupten, das iPad würde den Magazinmarkt retten, ist ein wenig vermessen“ so selbst Georg Albrecht, Pressesprecher von Apple Deutschland, Schweiz und Österreich im Gespräch mit sempre-audio.at. Fest steht allerdings, dass die Medienbranche nach wie vor große Hoffnungen in das neue Device von Apple setzt, auch wenn die anfängliche Euphorie wenige Monate nach dem Start in den USA doch schon ein wenig gedämpfter ist. Denn immer noch ist es gänzlich unklar, ob Kunden tatsächlich auf lange Sicht bereit sind, für Inhalte zu bezahlen. Noch dazu, wenn die Preise für Online über das iPad erworbene Inhalte teils ebenso teuer vermarktet werden, wie in gedruckter Form. Zudem wurde die anfängliche Euphorie durch die Einsicht gedämpft, dass man, überträgt man den Vertrieb der eigenen Publikationen in elektronischer Form an Apple, auch die Hoheit über deren Inhalte an das Unternehmen aus Cupertino abgibt. Und die Entscheidungen, für oder wider eine Aufnahme in den eigenen Store ist keineswegs in allen Fällen klar nachvollziehbar. Dies mussten bereits zahllose Entwickler von Apps für Apples iPhone in den letzten Monaten feststellen.

Neben der Verwendung als eReader für Magazine jedweder Art eignet sich das Apple iPad aber noch für viele weitere Aufgaben. So ist es tatsächlich ein hervorragendes Device fürs gemütliche Surfen im Web, unterwegs oder gemütlich auf der Couch - jedenfalls solange man keine Inhalte auf der Basis von Adobe Flash konsumiert. Denn Flash ist und wird auch weiterhin von Apple kategorisch abgelehnt, womit auch entsprechende Inhalte nicht auf dem iPad dargestellt werden können.

Emails, Kontakte, Termine und Aufgaben lassen sich ebenfalls sehr komfortabel verwalten und selbst eine Office-Lösung in Form einer speziellen Version von iWorks bietet Apple bereits für das iPad an, sodass es durchaus auch für diese Aufgaben herangezogen werden kann. Zur Not bedient man sich einer optionalen Tastatur, die Apple bereits ebenfalls im Angebot hat. Auch wenn es Apple nicht explizit anführt, wildert das iPad somit ganz klar auch im Marktsegment der sogenannten Netbooks.

Und da wäre dann noch der Bereich des mobile Entertainments, allen voran natürlich Spiele. Schon jetzt ist klar ersichtlich, dass dies ein sehr interessanter Markt für Apple wird und somit den etablierten Unternehmen in diesem Segment wie Nintendo oder Sony noch reichlich Kopfschmerzen bereiten wird.

Zudem ist das iPad natürlich ideal, um Fotos zu betrachten und auch Videos anzusehen, und selbstverständlich ist es irgendwie auch noch ein iPod, also bestens für die Wiedergabe von Musik geeignet.

In einem gänzlich anderen Segment aber könnte das iPad tatsächlich für einen Umbruch sorgen, und das erscheint uns bereits jetzt, nur wenige Monate nach Markteinführung, als sehr sicher. So könnte sich das iPad unserer Ansicht nach als die universelle Fernbedienung für eine vernetzte Unterhaltungs-Elektronik etablieren. Eine Entwicklung, die bereits das iPhone sowie der iPod touch klar vorgezeichnet haben und die mit dem iPad noch viel stärker als bisher zum Tragen kommen wird.

Die vergleichsweise einfache Programmierung und die bereits durch Apples iTunes Store bestehende Infrastruktur für die Distribution erleichtern die Entwicklung und den Vertrieb mit vergleichsweise geringen Investitionen und überschaubarem Risiko. Darauf haben schon beim iPhone und iPod touch etliche Unternehmen der Unterhaltungsindustrie gesetzt, und zahlreiche Anwendungen zur Steuerung ihrer vernetzten AV- und HiFi-Lösungen gesetzt, für die nunmehr mit dem iPod eine noch bessere Basis zur Verfügung steht.

Denn das iPad bringt tatsächlich alle Vorraussetzungen für diese Aufgabe mit. Da wäre zunächst das großzügig ausgelegte, mit erstklassiger Darstellungsqualität aufwartende und überaus intuitiv bedienbare Touchscreen-Display. Dieses Display erlaubt es, eine übersichtliche und sehr schicke Benutzeroberfläche selbst für komplexe Aufgaben umzusetzen.

Manch einer mag nun einwenden, dass dem iPad dennoch Entscheidendes fehlt, und zwar eine Schnittstelle, die wir im Zusammenhang mit Fernbedienungen nach wie vor als Selbstverständlichkeit erachten: eine Infrarot-Schnittstelle. Und tatsächlich weist das iPad von Apple ebensowenig eine Infrarot-Schnittstelle auf wie Apples iPhone oder iPod touch. Die Zukunft liegt aber ohnedies im Netzwerk, da angefangen bei Streaming-Lösungen über Fernseher, AV-Receiver, Blu-ray Player usw. ohnedies alle Komponenten der Unterhaltungs-Elektronik nach und nach mit Netzwerk-Schnittstellen ausgestattet sein werden. Dies eröffnet somit auch den direkten Kommunikationsweg zur IT sowie zu komplexen Steuerungssystemen fürs gesamte Haus.

Und genau hierin schlummert unserer Ansicht nach das große Potential des iPads als universelles Steuerinstrument. Es stellt eine immens vielseitige Kommunikationsschnittstelle mit erstklassigem Benutzer-Interface dar. Entwickler können zudem von einer geradezu gigantischen installierten Basis ausgehen, die Anzahl potentieller Kunden für ihre Lösungen ist also sehr groß. Der Aufwand hingegen zumindest überschaubar, denn die Hardware gibt es ja bereits, lediglich die Software muss entwickelt werden und lässt sich dann sehr einfach über die bestehende Infrastruktur von Apple vertreiben. Dies eröffnet auch kleinen kreativen Entwickler-Teams enorme Möglichkeiten.

Erste überaus interessante Lösungen gibt es bereits. Und zwar zusätzlich zu den Angeboten, die eigentlich fürs iPhone oder den iPod touch entwickelt wurden, aber ebenso auf dem iPad eingesetzt werden können.

So präsentierte etwa der Spezialist für Multi-Room Audio-Streaming-Lösungen Sonos bereits vor einigen Wochen eine neue Version des Sonos Controller für Apple iPad, der sehr anschaulich zeigt, was mit dem iPad alles möglich sein wird. Überaus komfortabel und wirklich völlig intuitiv lässt sich damit im gesamten Haus die Wiedergabe von Musik steuern, lassen sich Playlisten erstellen und zusätzliche Online-Angebote wie Internet-Radiostationen oder Musik-Streaming-Dienste abrufen.

Auch die renommierte HiFi-Schmiede Meridian präsentierte bereits eine Lösung zur Steuerung des eigenen Streaming-Systems der Oberklasse Sooloos über das Apple iPad, und wer ein wenig durch das Angebot im App-Store stöbert, der wird bereits fertige Lösungen für Logitechs Squeezebox-Serie sowie, ganz allgemein, für jedwede dlna-zertifizierte Streaming-Lösungen finden. Unterhaltungs-Elektronikkonzerne wie Sony, Pioneer usw. haben ebenfalls bereits Applikationen zumindest für Apples iPhone im Angebot, die in Kürze auch für Apples iPad verfügbar sein werden. Damit können nahezu alle Geräte dieser Hersteller, die über eine Netzwerk-Schnittstelle verfügen, komfortabel gesteuert werden.

Eine Steuerung des gesamten Hauses präsentierte unter anderem das österreichische Unternehmen Löwenstein Home Comfort, wie die Telekom Presse dieser Tage in ihrer Online-Ausgabe berichtete. Mit der Applikation für Apples iPad lassen sich, angefangen vom Licht, etwaigen Sicherheitssystemen, der Heizung, bis hin zur Musik, alle elektronischen Systeme eines Hauses steuern, und zwar nicht nur direkt im Haus, sondern übers Internet defakto von überall.

All das ist aber nur ein erster Vorgeschmack auf das, was da noch alles in Zukunft möglich sein wird. Schon zur IFA 2010 in Berlin werden zahlreiche Unternehmen weitere Lösungen für Apples iPhone, iPod touch und natürlich auch das iPad präsentieren. Somit ist unserer Ansicht nach bereits jetzt klar, wohin die Reise in diesem Bereich gehen kann.

Apples iPad wird für eine immense Verbreitung von universell einsetzbaren Remote-Lösungen sorgen. Denn im Vergleich zu propriäteren Lösungen reicht eine neue Applikation um wenige Euro, oder gar nur ein kleines Update, um neue Komponenten mit in das gesamte System zu integrieren. Dabei ist es völlig unerheblich, um welche Art der Komponente es sich handelt. Übertrieben ausgedrückt, sei es nun ein neuer Streaming-Client, ein neuer Fernseher oder eine neue Waschmaschine... einzige Vorraussetzung ist eine Netzwerk-Schnittstelle, und die wird ohnedies in allen Bereichen zum Standard. Das großzügige Display erlaubt zudem eine sehr intuitive Bedienung und eine perfekte optische Umsetzung, selbst bei komplexen Systemen.

Die Anzeichen stehen also gut, um uns auf eine schöne neue Welt der vernetzten Unterhaltungs-Elektronik zu freuen. Denn Apples iPad ist unserer Ansicht nach nur der Vorreiter, andere Hersteller werden mit ähnlich vielseitigen, eventuell sogar noch flexibleren Lösungen folgen. Die Chancen stehen also gut, dass die zentrale Schnittstelle nicht zwingend einen angebissenen Apfel als Logo trägt...

Michael Holzinger

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