Wenn ich kurz etwas sagen dürfte ...es war einmal - die CD

Mit einer gigantischen Marketing-Maschinerie war Anfang der achtziger des letzten Jahrhunderts die Audio CD gestartet und dominierte seitdem den Markt bei der Musik-Distribution. Damit ist‘s nun vorbei. Denn längst gelten Downloads als wesentlichster Vertriebsweg, vorerst mal bei Musik, bald wohl auch bei Video, sodass physische Datenträger insgesamt wohl bald „ausgestorben“ sein werden.

Von Michael Holzinger (mh)
07.12.2011

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Aber vielleicht nicht ganz, denn ausgerechnet ein Format kann plötzlich immense Zuwächse für sich verbuchen. Und zwar noch dazu eines, das so manche Experten längst für obsolet und veraltet erachteten. Die gute, alte Schallplatte kann seit inzwischen nun schon einigen Jahren ein konstantes Wachstum für sich verbuchen. Also ausgerechnet jenes Format, das von der ach so tollen, angeblich aus jeder Sicht überlegenen Audio CD abgelöst werden sollte, ist nun, da es mit der CD dem Ende zugeht, wieder ein durchaus ernstzunehmender Faktor am Markt.

So wussten dieser Tage mehrere österreichische Medien zu berichten, dass die Schallplatte sich wieder glänzend verkauft und allein heuer ein Zuwachs von über zehn Prozent allein in den ersten drei Quartalen gegenüber dem Vohrjahr zu verzeichnen sei. Diese Weisheit entstammte übrigens nicht der genialen Einschätzung des Marktes aus Sicht der geschätzten Kollegen, sondern wurde nahezu eins zu eins vom deutschen Magazin Focus abgekupfert, die wiederum eine Meldung der dpa als Grundlage nutzten. Diese bezog sich also vor allem auf den deutschen Markt.

Mit Verlaub, wer sich ein wenig am österreichischen Markt umsieht, der hätte auch selbst drauf kommen können, und für diese tolle Erkenntnis nicht deutsche Quellen abkupfern müssen. Denn inzwischen braucht‘s längst keinen geschärften Expertenblick mehr, um das stetig wachsende Angebot an klassischem Vinyl im Markt zu entdecken.

Interessanterweise ist es dabei vor allem die sehr oft kritisierte Fläche, die hier die Rolle des Vorreiters übernahm. Ja, auch hier gibt es den ein oder anderen engagierten Verkäufer und Abteilungsleiter, der, mitunter sogar gegen den Widerstand seiner Vorgesetzten, verstärkt auf Vinyl setzte und somit allmählich eine wirkliche Alternative zu den lange Zeit übermächtigen CDs aufbaute. So mancher Media Markt oder Saturn kann heute eine wirklich attraktive Auswahl an Vinyl bieten und lockt damit nun auch verstärkt den echten Musikliebhaber. So wird plötzlich die vielfach duruchaus zurecht kritisierte Fläche zum Tummelplatz für audiophile Musikfreunde. So konnte uns einer jenen engagierten Abteilungsleiter eines großen Marktes im Süden Wiens berichten, dass er es geradezu genießen würde, wenn er plötzlich Teil einer völlig unerwarteten Diskussion würde, wenn etwa Vater und Sohn ins Fachsimpeln über Vinyl geraten und sich somit die Interessen zweier Generationen treffen.

Und genau das ist wohl einer der Faktoren, der für den erneuten Erfolg, der oftmals schon als Renaissance der Schallplatte bezeichnet wird, maßgeblich verantwortlich ist: die Jugend setzt verstärkt auf Vinyl als Datenträger für ihre Musik. Es ist cool, Vinyl zu haben, und nicht nur Downloads, denn diese hat ohnedies jeder für sein neuestes Smartphone. Und viele Jugendliche haben in ihrem Leben noch keine einzige CD gekauft.

Dann gibt es natürlich auch jene, die noch mit der "guten, alten Schallplatte" aufgewachsen ist, also die Zielgruppe 35+ oder 40+, die nunmehr plötzlich Vinyl wieder für sich entdecken und so manchen Schatz, sprich ihre alten Platten, über Jahre bewahrt haben, und diese nun wieder nutzen wollen. Günstige, aber gleichzeitig sehr hochwertige Schallplatten-Spieler machen es möglich und den (Wieder-) Einstieg besonders leicht und attraktiv. Gerade in dieser Zielgruppe findet man Menschen, die gerade in der Schallplatte eine Möglichkeit sehen, ihre spärliche Freizeit wieder mit aktivem Musikhören richtig zu genießen. Denn im Gegensatz zu Downloads, die bei allem Komfort jedwedes haptische Erlebnis vermissen lassen, bietet die Schallplatte alle Vorzüge, um das Musikhören so richtig zelebrieren zu können. Ein wunderbares Cover, ein Medium, das man mit Sorgfalt und geradezu einem Hauch Ehrfurcht auflegt, es säubert und danach langsam den Tonarm in die Rille senkt, und dann zumindest die Dauer einer Seite einfach zuhört, und eben nicht mit der Fernbedienung in der Hand von Titel zu Titel wechseln kann...

Ein Trend, der längst von der Musikindustrie mitgetragen wird, die ja normalerweise nicht unbedingt als eine gilt, die Trends früh erkennt und schon gar nicht entsprechend darauf reagiert. Bei der Wiederkehr der Vinyl jedoch war die Musikindustrie natürlich sofort begeistert. Endlich wieder ein Format, das man sicher nicht kopieren kann...

Wie auch immer, inzwischen erscheinen selbst neueste Pop- und Rock-Produktionen längst wieder auf Vinyl, und zwar zeitgleich mit dem Download-Angebot. Und CDs gäbe es dann auch noch...

Es geht also gar nicht darum, was denn qualitativ nun besser oder schlechter wäre - CD oder Vinyl. Diese Diskussion führt vielleicht eine kleine audiophile Minderheit, aber derartige „philosophische“ Ansätze interessieren den breiten Markt nicht wirklich. Es ist vielmehr viel banaler: Der Mensch ist ein Jäger und Sammler und stets bestrebt, sich durch irgendwas von seinem Mitmenschen zu unterscheiden. Und Vinyl ist hier geradezu perfekt. Hier hat man wieder etwas, dass man sich ins Regal stellen kann, denn im Gegensatz zur CD gibt eine hochwertige Vinyl einfach wirklich etwas her. Und es hat eben nicht jeder, sondern nur die „Wissenden“... Aber, wir sprechen bei Vinyl keineswegs über einen wirklich breiten Markt, sondern von einem einstelligen, maximal zweistelligen Prozentanteil. Aber dies gilt inzwischen in manchen Zielgruppen bzw. Märkten auch für CDs, sodass Vinyl-Liebhaber eine überaus interessante neue Kundenschicht darstellt, die uns wohl länger bleibt, als diejenigen, die auf CD setzen...

Hier ist also der Fachhandel gefragt, schleunigst auf die sich derzeit sehr rasch änderte Marktsituation zu reagieren. Denn bislang, wir haben es erwähnt, überlässt man es der Fläche sowie dem Online-Handel, diese neue Kundenschicht zu bedienen. Besonders dramatisch empfanden wir ein Zitat, das wir im Rahmen einer Fachmesse aufschnappten, in deren Rahmen natürlich Vinyl neben hochauflösenden Downloads eine wesentliche Rolle spielte und Schallplattenspieler entsprechend prominent vertreten waren. Sie wisse gar nicht, warum sie sich die Messe antun würde, so eine Fachhandels-Besucherin. Es käme ihr vor, als wäre sie in einem Museum. All das alte Zeug, das da rum steht. Auf unsere Frage, was sie denn damit meine, antwortete sie: „Na die Plattenspieler... Das es die überhaupt noch gibt? Des Zeug hat doch keiner mehr!“

Grober Irrtum, gne Frau! Grober Irrtum...

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