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Wie wäre es, wieder richtig Spass am Hobby zu haben? Eine kritische Selbstbetrachtung…

Immer weniger Menschen scheinen sich für wirklich hochwertige Musik-Wiedergabe zu interessieren, immer weniger sind bereit, für hochwertige HiFi-Lösungen Geld zu investieren, die Szene schrumpft, so die vielfach vertretene Meinung in der Branche. Könnte es sein, dass die HiFi-Szene zu einem Gutteil selbst dazu beiträgt?

Von Michael Holzinger (mh)
22.02.2016

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Es war ein gemütlicher Abend im Freundeskreis, Karl, Martin, Peter und ich saßen beisammen, und speisten Pizza. Karl ist ein wirklicher HiFi-Enthusiast durch und durch, der keine Gelegenheit auslässt, über seine Leidenschaft zu referieren, vor allem, wenn er in mir einen fachkundigen Gesprächspartner am Tisch wähnt. Wobei, wirklich zu Wort komme ich dabei selten, denn wenn Karl erstmal loslegt… Peter, das war ein Bekannter von Martin, der mehr durch Zufall an diesem Abend mit am Tisch saß, und als Karl wieder sein Lieblingsthema anschnitt, sah Peter seine Chance, sich damit in den Kreis standesgemäß einzuführen. Denn er habe nun auch erkannt, dass man Musik ganz anders, mit viel besser Qualität genießen könne. Er habe sich etwa für sein Apple iPhone neue Kopfhörer geleistet, also keine billigen, da wollte er nicht am falschen Fleck sparen. Nicht weniger als knapp € 100,- habe er dafür ausgegeben, und das klinge wirklich fantastisch. Er höre nun wieder viel, viel mehr Musik…

An dieser Stelle platzte es aus Karl heraus, er konnte sich nicht mehr zurück halten. Qualität, also Kopfhörer um € 100,-, das habe doch rein gar nichts mit Qualität zu tun. Sicher, das wäre besser als das, was da sonst in der Schachtel liege, und sich Kopfhörer schimpfe, aber mit Qualität…

Überhaupt, also mit dem, was da aus dem iPhone heraus komme, da könne man ja gar nicht Musik hören. Das wäre ja alles MP3-Mist, damit ruiniere man sich ja nur die Ohren, das sei letztlich eine Beleidigung.

Peter, der eben noch die Hoffnung hegte, sich mit seiner neu gewonnenen Leidenschaft für hochwertigen Musik-Genuss ein paar Bonus-Punkte in der Runde zu erwerben, war mit einem Schlag kalt gestellt und als „Unwissender“ gebrandmarkt. Wir sprachen dann über das Wetter, dass der Italiener schon mal besser war… aber nicht mehr über Musik und HiFi…

Ein einmaliges Erlebnis, ein viel zu krasses Beispiel? Leider nein. Viel zu oft muss ich derartiges beobachten, immer in ähnlicher Form. Viel schlimmer: dies ist keineswegs ein neues Phänomen, ganz im Gegenteil. Und es zieht sich durch die komplette HiFi-Szene, beginnend bei den Herstellern und Vertrieben selbst, die zwar inzwischen politisch korrekt, aber letztlich doch vielfach scheinheilig, nicht von Konkurrenz, sondern vielmehr Mitbewerbern sprechen, im selben Atemzug aber über deren Lösungen und Produkte süffisant herziehen. Auch im Fachhandel erfährt der Kunde zunächst alles Schlechte von Händler A, B, und C, wird ausführlich über die Nachteile der Produkte von Hersteller X, Y informiert, bevor die eigene Ware in höchsten Tönen gelobt wird. Besucht der Kunde mehrere Händler, die es ebenso halten, muss er unweigerlich das gesamte Angebot für minderwertig halten. Oder man raubt ihm ganz direkt seine Begeisterung. Nie werde ich ein Beratungsgespräch eines Fachhändlers vergessen, das ich vor Jahren miterleben musste.

Ein potentieller Neukunde betrat sichtlich hocherfreut das Geschäftslokal und unterbreitete dem Fachhändler wortreich, dass er es nun endlich angehen werde, sich wieder intensiver mit HiFi zu befassen. Er sei mit seiner Frau übereingekommen, dass er das Urlaubsgeld diesmal in ein neues HiFi-System investieren könne, er habe also rund € 2.000,- bis maximal € 3.000,- zur Verfügung, wobei er diese Summe mit entsprechender Ehrfurcht aussprach, was klar zeigte, wieviel Geld das für ihn tatsächlich bedeute, das er nunmehr für sein neues Hobby investiert.

„Tja, das ist ja fein“, so der Verkäufer, der aber sofort ein inhaltsschweres „aber“ anfügte. Denn wenn er das nun wirklich ernsthaft in Angriff nehmen wolle, das mit dem Thema HiFi, dann müsse man sich das schon genauer ansehen. So weit war ja nichts dagegen zu sagen, dann aber folgte die absolute „Niederlage“

Der anvisierte Budgetrahmen, der sei schon sehr knapp bemessen. Ja, viel schlimmer, wirklich HiFi könne man dafür nicht realisieren, es sei quasi seine Pflicht als Fachhändler, ihn, den sichtlich Unwissenden, gleich zu Beginn auf diesen völlig falschen Denkansatz hinzuweisen. Er könne ihm schon die ein oder andere Lösung zeigen, die der genannten Summe in etwa entsprechen würde, aber wirklich glücklich würden der Kunde und - jetzt kommt es - er selbst (!!!) damit nicht.

Man kann sich in etwa vorstellen, dass diese Ansage des „Fachhändlers“ einen mehr als verdutzten Kunden zurück ließ. Seine komplette Euphorie, die er eben noch ausstrahlte, wich sichtlich Resignation. Nachdem ihm der Fachhändler von einem Freund empfohlen wurde, so der Kunde, und der sich ja auskenne, dann würde das wohl schon so stimmen… und dann müsse er sich das alles nochmals überlegen, denn mehr wäre derzeit einfach nicht drinnen…

Wohlgemerkt, dieser Mann und ich verbrachten noch einen gemütlichen Nachmittag im Kaffeehaus gegenüber, und es sei erwähnt, dass er kurz darauf natürlich ein feines HiFi-System erstand, und seit dem über die Jahre hinweg in Summe wohl viel mehr ausgab, als den zunächst budgetierten Betrag, aber mit Sicherheit NICHT bei diesem Händler - warum bloss?

Aber diese Grundeinstellung, die ist leider bei vielen zu beobachten, eben auch bei Fachhändlern, die vielfach ja selbst in Wahrheit nicht mehr sind, als HiFi-Enthusiasten, die irgendwann ihre Leidenschaft zum Beruf machten.

Wie bereits geschrieben, all das ist auch nicht neu, dennoch frage ich mich in letzter Zeit immer öfter, wieso es gelegentlich so falsch laufen kann, und wir nichts daraus lernen. Einerseits beschweren wir uns ständig, dass „keiner mehr für hochwertige Musik-Wiedergabe zu begeistern sei, sich niemand mehr wirklich für Qualität interessiere, die Leidenschaft für Musik insgesamt abhanden gekommen sei…“

Gleichzeitig fühlen wir uns aber geradezu pudelwohl in unserem elitären Kreise, in unserer Rolle als „Wissende“, die anderen bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase reiben, dass sie eben keine Ahnung haben.

Zumal diese zur Schau getragene Überlegenheit eines Wissenden, die alle anderen bewusst ausgrenzt, gerade in Zeiten des Internets noch mehr als jemals zuvor zu Tage tritt. Man sehe sich nur die Kommunikation in einschlägigen Foren und auf Social Media-Plattformen an…

Haarsträubend ist da noch das mildeste Urteil, das man hier treffen kann. Da wird auf Teufel komm raus gestritten, sich beflegelt und mit Untergriffen nicht gespart, und letztlich geht es unterm Strich eigentlich um…nichts! So mancher agiert, als besitze er allein die absolute Wahrheit, und wer diese seine Ansicht nicht vertrete, seine „Argumente“ nicht einsehe, habe ohnedies keine Ahnung.

Selbst viele HiFi-Enthusiasten wenden sich längst in Scharen ab von derartigen „Schlachtfeldern“. „Ach, an solchen Diskussionen beteilige ich mich gar nicht mehr, führt ohnedies zu nichts…“ dies ist ein Satz, den ich allzu oft höre, in den letzten Monaten immer öfter. Das führt dazu, dass in nahezu allen einschlägigen Foren und entsprechenden Gruppen auf Social Media-Plattformen ohnedies zumeist ein und die selben User eifrig posten, letztlich also nicht mehr als kleines, eigentlich unbedeutendes Grüppchen, das sich selbst aber viel zu ernst nimmt, und sich in dieser Ansicht stets aufs Neue selbst bestätigt…

Abgesehen davon, dass wir uns dadurch selbst eines sehr spannenden Aspekts unseres Hobbys berauben, sollte man gelegentlich den sprichwörtlichen Schritt zurück machen, und versuchen, das ganze möglichst objektiv aus der Sicht eines Außenstehenden zu betrachten. Ein kritisches Hinterfragen ist ja niemals schlecht, und wäre wohl - meiner bescheidenen Einschätzung nach - gerade jetzt in der HiFi-Szene wieder bitter nötig. Denn ganz ehrlich, ist es wirklich das Bild, das andere von uns haben sollen? Ein Haufen Freaks, die sich über letztlich nichtige „Grundsatzfragen“ ständig in die Haare kriegen, dabei mit Fachausdrücken um sich schmeißen, von denen sie vielfach selbst nicht wissen, was diese zu bedeuten haben. Und die mit Summen für Produkte jonglieren, die für "Normalsterbliche" abartig erscheinen müssen, Produkte und Lösungen, auf die die einen schwören, wohingegen es die anderen verteufeln...

Hand aufs Herz… wer will da dazu gehören? Mit Spass kann das ja letztlich nichts zu tun haben, warum sollte man dafür auch noch viel Geld in die Hand nehmen?

Vielleicht ist es hilfreich, wenn man sich von Zeit zu Zeit in Erinnerung ruft, wie man selbst mit HiFi im weitesten Sinne in Berührung kam, sich an die eigenen Anfänge erinnert. Ich bin mir sicher, da hat nahezu jeder von uns sehr, sehr kleine Brötchen gebacken.

Bei mir war es zunächst nicht mehr als ein tragbarer Schallplatten-Spieler von Philips, für den ich gemeinsam mit meinem Opa Lautsprecher baute. Und zwar rund um Speaker, die einem alten Radio entnommen waren, aus Sperrholz, schwarz lackiert, und mit einem Vorhang-Stoff aus der Wühlkiste von Oma, der als Lautsprecher-Grill diente. All das hatte aus heutiger Sicht rein gar nichts mit HiFi zu tun, aber für mich, damals kleinen Zwerg, war es das Wahnsinnssystem schlechthin, mit dem ich täglich stundenlang mit voller Lautstärke meine Eltern quälte. Übrigens, so manche Schallplatte aus dieser Zeit spielt heute noch einwandfrei - kaum zu glauben…

Das erste „echte“ HiFi-System konnte ich mir erst Jahre später vom hart zusammen gesparten Taschengeld leisten, ein feiner Stereo Vollverstärker aus dem Hause NAD samt Speakern, keine Ahnung von welchem Hersteller. Der erste „richtige“ Plattenspieler wurde vom ersten selbst verdienten Geld eines Ferial-Jobs angeschafft…

Natürlich zeigte mir der Händler damals das ein oder andere, was klar über meinem Budget-Rahmen lag, aber das, was ich mir kaufte, sei auch schon recht fein, so sein Versprechen. Und ja, es war fein. Und ich hatte zudem etwas, von dem ich träumen konnte. Weil da gab es ja noch den Verstärker, und die Speaker, und das Laufwerk, das da bei dem Händler steht…

Ist es wirklich so schwer, sich mit jemandem, der damit beginnt eine Sensibilität für guten Klang zu entwickeln, und seine ersten „Schritte“ wagt, einfach zu freuen, ihn im übertragenen Sinne willkommen zu heissen, ohne ihm gleich die eigene, zumeist ohnedies nur eingebildete Überlegenheit vor Augen führen zu müssen?

Wenn wir wirklich wieder mehr Menschen für unser Hobby gewinnen wollen, dann müssen wir sie tatsächlich begeistern, und nicht abschrecken, so einfach wäre es. Klar, das Streben nach Qualität darf dabei nicht auf der Strecke bleiben, übertriebene Hoffnungen dürfen durch falsche Klassifizierung von Lösungen nicht geweckt werden, aber Schritt für Schritt führt eher ans Ziel, vor allem, wenn man den „Neuling“ an der Hand nimmt und begleitet, wenn man ihm Unterschiede aufzeigt, ohne dabei belehrend und überheblich zu wirken.

Wenn sich jemand um ein paar Hundert Euro ein neues Audio-System leistet, dann ist das für einen Neueinsteiger in jedem Fall zumindest gefühlt viel Geld, selbst wenn er sich viel, viel mehr leisten könnte. Ihm dann sofort, noch dazu mit offensichtlicher Schadenfreude zu erklären, dass das eigentlich nur Schrott ist, wird wohl keine allzu kluge Taktik sein, wenn man in ihm eine langfristige Begeisterung für das Thema wecken will. Klüger wäre wohl eher, die Freude mit ihm zu teilen. Ja, da ist einer, der ist offen für mehr, und dieses „mehr“ kommt ohnedies automatisch. Und es kommt zumeist schneller, als man glaubt…

Vor allem: wenn wir Eingeweihte nach außen hin nicht derart verbissen, derart bierernst erscheinen wollen, nicht allein unter ein paar Gleichgesinnten in unserem Elfenbeinturm versauern wollen, sondern als durchaus freakige, aber letztlich vor allem witzige Truppe wahrgenommen werden, die sich mit einer spannenden, zutiefst emotionalen und leidenschaftlichen Materie beschäftigt, dann könnte es ja passieren, dass auch wir wirklich wieder so richtig Spass an unserem Hobby haben…

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Keywords: Meinung, Kolumne, HiFi