Wohin geht‘s? Musik als Konsumgut oder Kunst?

Seit Jahr und Tag beklagt die Musik-Industrie ihren Niedergang, verweigerte sich aber selbst vielfach neuen Ideen und Konzepten, fand aber dann dennoch neue Wege, wenngleich so manche nach wie vor durchaus umstritten sind. Denn es geht längst nicht allein um die Art und Weise, wie und vor allem ob Musik „gekauft“ wird, sondern vielmehr um nicht weniger, wie diese wahrgenommen wird.

Von Michael Holzinger (mh)
21.10.2013

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Allein der Begriff „Musik-Industrie“ weist mehr als deutlich darauf hin, auch Musik wird allzu oft als reines Konsumgut wahrgenommen, allen voran von den Unternehmen, die diese produzieren und vertreiben. Und dies muss auch in einem gewissen Maß so sein, denn schlussendlich zählen am Ende des Tages auch hier allein nackte Zahlen, ist es Geld, das entscheidend ist, auch wenn es so manchem im Zusammenhang mit „Kunst“ im Allgemeinen schwer fällt, deren Wert in Zahlen abzubilden.

Es ist nunmal Fakt, dass jemand, der sich für den Beruf des Künstlers im Allgemeinen, also auch den Beruf des Musikers entscheidet, das Recht hat, von seiner Arbeit leben zu können. Vor allem dann, wenn sein Schaffen auf entsprechendes Interesse stößt, kurzum, ein Publikum findet. Ebenso bedarf es dafür einer klassischen Verwertungskette, also jemanden, der es ermöglicht, dass dieses Schaffen auch ein Publikum finden kann.

Das alles ist keineswegs neu, das war seit jeher so, auch wenn sich diese Verwertungskette natürlich weiterentwickelte, und gelegentlich gerade in jüngster Zeit so manche Fehlentwicklung nahm. Selbst ein Barde im Mittelalter war auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen seines Fürsten ausgesetzt, alle großen Komponisten der Musikgeschichte der letzten Jahrhunderte mussten sich ihren Mäzenen unterwerfen, heutige Künstler haben da schon deutlich mehr Spielraum und Rechte, aber tatsächlich von seinem Schaffen leben zu können, das wurde, zumindest für die überwältigende Mehrheit der Künstler, keineswegs leichter.

Heutzutage sind viele Künstler allein davon abhängig, wie und ob sich ihr Schaffen vermarkten lässt, und genau hier findet nun ein massiver Umbruch statt, bei dem die große Gefahr besteht, dass am Ende alle verlieren: Künstler, Industrie als auch „Konsument“.

Zunächst war es das Radio, in späterer Folge natürlich auch das Fernsehen, die für einen gänzlich neuen, breiten Markt sorgten. In Kombination mit Tonträgern konnte plötzlich jeder Musik immer und überall nutzen. Auch wenn diese sich über die Jahrzehnte veränderten, so war es doch eine klare „Verwertungskette“, die für eine immense Vielfalt sorgte, und die allen zugänglich war, und vielen ein ausreichendes, so manchen ein gutes, wenigen geradezu ein fantastisches, und sehr, sehr wenigen ein gigantisches Einkommen ermöglichte. Interessanterweise beklagten auch da bereits „Kulturpessimisten“ den Niedergang, denn wenn etwas immer und überall zugänglich ist, verliere es an Wert. Und ganz von der Hand zu weisen ist dies wohl nicht, zumindest besteht diese Gefahr derzeit ganz akut, das zeigt die aktuelle Entwicklung.

Über Jahrzehnte hinweg musste man Musik, um sie genießen zu können, kaufen. Als physikalischer Tonträger, welcher Art auch immer. Zunächst als Schallplatte, in Folge auf CD. Und allein die Tatsache, dass man dabei etwas in der Hand halten konnte, etwas besaß, sorgte dafür, dass dies einen gewissen Wert hatte, der über den eigentlichen Kaufpreis hinaus ging. Zur eigentlichen Musik gehörte eben mehr, als die Musik selbst, allen voran das Artwork eines realen Cover, das dabei half, eine direktere Beziehung zum Künstler und seinem Schaffen aufzubauen. Dies war bei der Schallplatte noch unmittelbarer gegeben, als bei der CD, sodass es für viele naheliegend war, den Tonträger CD durch Downloads zu ersetzen. Der Mehrwert der CD gegenüber reinen Bits auf der Festplatte wurde von vielen Konsumenten eben als zu gering eingestuft.

Und damit begann die Spirale nach unten, denn die Musik-Industrie verweigerte sich lange Zeit dieser Entwicklung, sodass andere diese neuen Möglichkeiten für sich nutzten, die an der Musik selbst überhaupt kein Interesse hatten, und allen voran die finanziellen Möglichkeiten für sich erkannten.

Somit ist es keineswegs erstaunlich, dass nunmehr Technologie-Konzerne die Vorherrschaft in der Musik-Distribution inne haben, die zum wahren Inhalt, und schon gar nicht zum Künstler selbst, auch nur irgendeinen Bezug haben, sei es nun etwa der IT-Konzern Apple mit dem Apple iTunes Store, der Online-Versandhandelsriese Amazon und dessen Amazon MP3-Store, um nur zwei Beispiele zu nennen, oder aber neue Streaming-Dienste wie Spotify, Deezer, last.fm, AUPEO! und wie sie nicht alle heissen. Für die Jugend stellt gar das Video-Portal YouTube.com die zentrale Quelle für Musik dar, für deren Nutzung gar nichts zu bezahlen ist.

Die Musik-Industrie selbst verkommt immer mehr zum reinen Zulieferer, der sich den Fakten, die andere schaffen, anzupassen hat. Dass dabei natürlich die Preise auch von anderen diktiert werden, ist klar. Und ebenso klar ist, dass dann nur noch das eigene Überleben im Mittelpunkt steht, und das seit jeher schwächste Glied in der Kette, der Künstler selbst, mitunter auf der Strecke bleibt. Der hat zu liefern, möglichst billig, möglichst rasch, und nur bitte ja nichts, was sich nicht für den Massenmarkt eignet...

Es ist somit ein Teufelskreis angeregt worden, bei dem vielfach die Qualität einfach auf der Strecke bleibt. Es wird überwiegend Einheitsgewäsch vom Fließband produziert, denn für mehr reicht das Geld nicht. Dies wird möglichst breit gestreut, und irgendwie an den Konsumenten gebracht. Der Kunde will dafür bestenfalls kein Geld ausgeben, wenn überhaupt, dann nur eine marginale Abo-Gebühr bei Streaming-Diensten, wo er aus Abermillionen Titel auswählen kann, immer und überall. Denn mehr ist ihm diese Beliebigkeit, diese Berieselung nicht wert. Allenfalls pickt er sich einzelne Titel eines „Albums“ heraus, die er tatsächlich auf Download-Plattformen erwirbt. Musik als reines Konsumgut, das nicht mehr ist, als eine Beiläufigkeit...

Aber auch dabei ist nicht „alles schlecht“, denn dies alles führte zumindest dazu, dass heutzutage soviel Musik konsumiert wird, wie niemals zuvor. Und dies bedeutet auch, dass die potentielle Zielgruppe niemals größer war, um aus einem reinen Konsumenten einen echten Musikliebhaber gewinnen zu können.

Und tatsächlich zeigt sich, dass hier zumindest bei einigen Konsumenten ein Umdenken, ein sich auf das Wesentliche konzentrieren, stattfindet. Nicht umsonst feiert die Schallplatte seit Jahr und Tag eine Renaissance, deren Ursache unserer Einschätzung nach in einer Abneigung dieser beschriebenen Beliebigkeit zu suchen ist. Bewusst entziehen sich diese Musikliebhaber diesem „Immer-und-überall-verfügbar-Wahn“, setzen vielmehr auf ein Medium, dessen Nutzung geradezu dramatisch gegenüber Smartphones, Tablets und Streaming eingeschränkt ist, aber dessen Mehrwert geradezu enorm ist. Denn hiermit kann Musik wieder der ureigensten Aufgabe gerecht werden, sie kann wieder unmittelbar und besonders intensiv wahrgenommen werden.

Zudem ist eine weitere Entwicklung zu verzeichnen, und zwar sich etablierende High-res Angebote, also Download-Portale, die sich mit hochauflösenden Audio-Daten befassen. Auch hier kann dem Konsumenten natürlich nur eine deutlich eingeschränktere Auswahl geboten, allerdings steht auch hier allen voran Qualität im Mittelpunkt. Und ob diese nun als hochauflösende FLAC-Dateien, DSD-Daten oder welchem Formaten auch immer vorliegen, diese Diskussion ist eher von akademischer, denn tatsächlich relevanter Natur. Den Massenmarkt wird man auch hier nicht adressieren können, sondern vielmehr Feinspitze, die die Vorzüge modernster HiFi-Lösungen nutzen wollen.

Natürlich ist es geradezu katastrophal, dass Musik heutzutage vielfach nicht mehr ist, als ein Konsumgut, dessen „Wert“ sich allein in der ständigen Verfügbarkeit erschöpft. Allerdings war es, zumindest aus rein technischer Sicht, niemals so einfach möglich, derart viele potentielle Kunden zu erreichen, um diesen wahre „Qualität“ schmackhaft zu machen. Wobei, in der Praxis war es wohl niemals zuvor schwieriger, die Aufmerksamkeit des Konsumenten in einem überbordenden Marketing-Wahnsinn auch tatsächlich zu erreichen.

Es gilt also etwa, die neuen Plattformen wie Spotify, YouTube und Co mit all ihren Möglichkeiten, und im Wissen, um ihre Gefahren, geschickt zu nutzen, um den Konsumenten weg vom „All-you-can-eat-Buffet“ in den wahren Gourmet-Tempel zu locken. Und um bei diesem Bild zu bleiben, vielfach wird dies nicht gelingen, denn allzuviele begnügen sich bewusst mit Fast Food. Und vielfach ist es ja auch ganz bequem, sich hier auf die Schnelle zu bedienen, auch für die „Wissenden“.

Somit ist klar, wie sich der Markt künftig präsentieren wird. Die breite Masse der Konsumenten wird sich mit Flat-rate Angeboten begnügen, bei denen wohl auch so mancher Musikliebhaber seinen „alltäglichen“ Bedarf stillen wird. Download-Anbieter wie Apple mit dem Apple iTunes Store werden entsprechend umdenken müssen, oder ebenso sehr rasch an Bedeutung verlieren. Denn wozu sollte ich ein Musik-File erwerben, das ich jederzeit „streamen“ kann? Hier muss zumindest Qualität als Mehrwert geboten werden, wobei auch da erste Anbieter im Streaming-Bereich am Start sind. Somit wird es auch für auf High-res Daten spezialisierte Anbieter sehr spannend. Auch sie stehen somit vor großen Herausforderungen.

Physikalische Medien hingegen, die werden sehr bald das Zeitliche segnen, vor allem jene, deren Inhalt ohnedies 1:1 direkt online erworben werden kann, und die keinerlei Mehrwert gegenüber diesen Download-Angeboten bieten, also etwa Audio CD, aber ebenso alle Versuche, für hochauflösende Musik-Daten ein physikalisches Medium am Leben zu erhalten (SACD), bzw. ein neues zu schaffen (Pure Audio Blu-ray). Nein, gänzlich verschwinden werden sie sobald nicht, denn schließlich haben viele Konsumenten noch etliche davon in ihren Regalen stehen, aber die Bedeutung wird schwinden, und zwar markant. Im Massenmarkt bei der jungen Zielgruppe sind sie bereits heute ohne Bedeutung.

Einzig die Schallplatte ist, mit all ihren Merkmalen, schlicht unersetzlich, und wohl das einzig auf Lange Sicht verbleibende physikalische Medium und somit irgendwie ein Symbol dafür, dass „Kultur“ und „Genuss“ nicht unterzukriegen sind. Und zwar sowohl bei jung als auch alt...

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