Zukunfts-Musik: Wohin geht der Weg?

Fakt ist, noch nie wurde soviel Musik konsumiert wie heutzutage. Dies liegt vor allem daran, das die Angebote immer vielseitiger und teilweise auch flexibler werden. So floriert nicht nur der Markt der mobilen Audioplayer, nahezu jedes aktuelle Handy ist defakto ein mobiler Audioplayer. Dementsprechend haben viele ihre Lieblingsmusik einfach immer dabei. Auf der anderen Seite liefern Medien wie Blu-ray eine bislang unerreichte Qualität in Bild und Ton, und auch die seit langem totgesagte Schallplatte feiert ihre Wiederauferstehung.

Von Michael Holzinger (mh)
15.06.2009

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In diesem Umfeld kam es in den letzten Jahren zu einem gewaltigen Umschwung in der Musikbranche. Das Internet sorgte zunächst dafür, dass der Musikindustrie die Einnahmen wegbrachen. Zahlreiche Download- und Filesharing-Angebote zogen die Konsumenten geradezu magisch an und ließen die CD-Verkäufe schrumpfen. Nur wenige störte es, dass die Herkunft der angebotenen Inhalte mehr als fragwürdigen Ursprungs war.

Das Vorgehen der großen Medienkonzerne tat ein übriges dazu, dass sich das Unrechtsbewusstsein der Konsumenten in Grenzen hielt. Wer ständig als Raubkopierer und Schwerverbrecher bezeichnet wird, der gewöhnt sich irgendwann einmal daran. Vor allem dann, wenn das Gut, um das es geht, einen sehr geringen Stellenwert hat. Und daran ist - man kommt nicht umhin, es so klar auszudrücken - die Musikindustrie selbst schuld.

Arme Musik-Multis

Denn es klingt einfach nicht glaubwürdig, wenn man dem Konsumenten vorraunzt, wie teuer und aufwendig es sei, junge Talente zu fördern, bis einige davon vielleicht irgendwann ihren großen Durchbruch haben, und dann endlich der am Hungertuch nagenden Musikindustrie winzig kleine Gewinne einspielen, wenn man als Konsument ohnedies immer nur den gleichen Einheitsmist aus Casting-Shows in wechselnder Besetzung vorgesetzt bekommt.

Wenn mit abgehalfterten Pop-Sternchen, deren kreative Blütezeit längst vorüber ist, millionenschwere Verträge für etwaige künftige Alben abgeschlossen werden, erweckt dies auch nicht unbedingt den Eindruck, dass es wirklich um die Förderung vielversprechender Talente geht und das Geld knapp ist.

Und wenn Radiostationen als verlängerte Marketing-Maschinerie der Musik-Multis quasi als Endlosschleife die „ultimativen Hits der 80iger und 90iger“ auf Sendung bringen, und die x-te Coverversion des Remakes der Coverversion eines Hits aus den 70igern als den neuen Kult-Song propagieren, dann werden wohl auch nur wenige den innigen Drang verspüren, diesen lauwarmen Aufguss sofort als Tonträger zu erwerben.

Vielfalt hingegen wird bei den Multis nicht groß geschrieben. Zu komplex, zu umständlich, schlicht zu teuer... das überlässt man lieber den kleinen Independent-Labels und den wenigen verbliebenen Sparten-Radiostationen.

Dies alles kann natürlich nicht als Rechtfertigung für illegale Handlungen dienen, die das unberechtigte Verbreiten, Herunterladen und Konsumieren von Musik nunmal darstellt. Aber es sollte aufzeigen, wo die Ursachen für die Entwicklung der letzten Jahre liegen, und wie man von Seiten der Industrie richtig darauf reagieren hätte können.

„Der Kunde ist per se ein Verbrecher“

Und die Industrie reagierte, wie bereits angedeutet, sehr lange völlig falsch. Anstatt das eigene Geschäftsmodell grundlegend zu überdenken und den aktuellen Bedürfnissen anzupassen, trachtete man danach, die Rahmenbedingungen wieder mit aller Gewalt an die verstaubten und überholten eigenen Strukturen anzupassen.

Durch intensives, mit Milliardeninvestitionen betriebenes Lobbying, teils weit außerhalb des in modernen Rechtsstaaten eigentlich üblichen Rahmens, sorgte man dafür, dass die Gesetzgebung mitunter so drastisch den eigenen Vorstellungen angepasst wurde, dass der Konsument nur noch zahlt, aber keinerlei Rechte mehr hat und per se ein „Schwerverbrecher“ ist, der nur auf die Chance lauert, seinen kriminellen Trieben freien Lauf zu lassen.

Anstelle ein wenig mehr in Kreativ-Schmieden zu investieren, die eventuell neue, dem Bedarf des Konsumenten angepasste Vertriebswege entwickeln könnten, investierte man zudem lieber in Kopierschutzmaßnahmen, die vielfach wieder nur den ehrlichen, zahlenden Konsument trafen und ihn in seinen Möglichkeiten einschränkten.

Erst als weder die drastisch verschärfte Gesetzgebung, noch die teils schon abartigen Kopierschutzmechanismen den erhofften Umschwung brachten, sondern nur dazu führten, dass die Umsätze weiter wegbrachen, erkannte man, dass es anders gehen muss.

Neue, flexible Konzepte

Anführen muss man in diesem Zusammenhang, dass die neuen erfolgsversprechenden Vertriebswege nicht von der mächtigen Musik-Industrie entwickelt wurden. Dazu bedurfte es anderer, die mit frischen Ideen und Konzepten neue Möglichkeiten aufzeigten. So z. B. Apple, deren Download-Angebot iTunes Store inzwischen zu den unangefochtenen Marktführern zählt, was in den letzten Jahren zähneknirschend von der Industrie akzeptiert werden musste. Nachdem man zunächst geradezu zwanghaft versuchte, den Erfolg Apples zu kopieren, und zumeist kläglich scheiterte, lieferte man sich zwar noch das ein oder andere Scheingefecht mit Apples CEO Steve Jobs, einigte sich aber letztendlich auf einen für beide Seiten gangbaren und sicher sehr gewinnbringenden Weg.

Apples iTunes Store ist geradezu die perfekte Success-Story dafür, wie man den Massenmarkt perfekt bedienen kann. Als absoluter Marktführer gelang es Apple, das Angebot aller Multis sowie zahlloser Independent-Anbieter in einem „Shop“ zu vereinen. Das wirklich umfangreiche Angebot hält für jeden Geschmack etwas bereit. Gleichgültig, welches Genre, unabhängig von Top-Act oder Independent-Künstler, bei Apple findet sich zumindest irgendwas für jeden. Aufgrund des umfangreichen Angebots ist eine klare Struktur von essentieller Bedeutung. Was hilft‘s, wenn zwar alles da wäre, man es aber nicht findet? Hier sind viele andere Anbieter gescheitert, Apple versteht es gekonnt, den Kunden durch seinen Store zu lotsen und dabei immer wieder Neues entdecken zu lassen.

Ein ganz entscheidender Faktor für den Erfolg von Apples iTunes Store war sicher die Möglichkeit, Titel einzeln erwerben zu können. Im Gegensatz zu einer normalen CD, bei der man neben dem eigentlich interessanten Musikstück etliche andere mitkaufen muss, die vielleicht gar nicht gefallen, erwirbt man online genau das eine Musikstück, das man haben will.

Daher ist auch eine möglichst klare Preispolitik sehr wichtig. Auch wenn es hier in den letzten Monaten einige Änderungen gab, prinzipiell sind die Preise einheitlich und in einem Rahmen, der das Angebot für den Kunden attraktiv erscheinen lässt. So stört es nicht, dass ein einziger Musiktitel z. B. 99 Cent kostet und somit eigentlich teurer ist, als wenn man die gesamte CD mit z. B. 17 Titel im Laden um € 12,90 kaufen würde.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Qualität. Hier wählte Apple mit AAC und 256 kbps ein Format, das einen guten Kompromiss zwischen Speicherbedarf und Klangqualität darstellt.

Zudem fiel in den letzten Monaten eine für Viele entscheidende Hemmschwelle weg: der Kopierschutz. Inzwischen sind alle Titel im iTunes Store ohne Kopierschutz zu haben und können somit nahezu uneingeschränkt genutzt werden.

Auch wenn das Angebot bei Apples iTunes Store inzwischen nicht nur sehr vielseitig, sondern auch qualitativ durchaus attraktiv ist, für etliche Kunden ist ein komprimiertes Audioformat in keinster Weise akzeptabel. Dabei handelt es sich vor allem um jene Klientel, die bereits in der Vergangenheit lieber zu einer SACD oder DVD-Audio griff als zu einer normalen CD, oder nach wie vor eine gute Pressung auf Vinyl jeder digitalen Aufzeichnung vorzieht. Auch in diesen Marktsegmenten findet derzeit eine sehr spannende Entwicklung statt.

Totgesagte leben länger

Ganz klar ist, dass die schon als ausgestorben gehandelte LP wieder voll im Rennen ist, wenngleich natürlich nicht auf jenem Niveau, wie zur Blütezeit der Vinylscheiben, als sie das einzige Tonträgerformat darstellten. Allerdings handelt es sich inzwischen nicht nur um ein vernachlässigbares Nischensegment, sondern wieder um einen durchaus ernst zunehmenden Distributionsweg für anspruchsvolle Kunden.

Neue jugendliche Zielgruppe

Besonders spannend dabei ist, dass es sich hierbei längst nicht mehr nur um jene Kunden handelt, die in allen digitalen Formaten ein qualitativ minderwertiges Produkt sehen und der Schallplatte über all die Jahre die Treue hielten. Das Marktsegment wächst wieder und erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Dies zeigt die stetig wachsende Anzahl an Neuveröffentlichungen in den letzten Monaten. So werden zunehmend nicht nur legendäre Aufnahmen immer wieder neu auf Vinyl veröffentlicht, auch aktuelle Titel aus den Genres Pop, Rock, Electro, Blues, usw. kommen zeitgleich als Download, CD und auf Vinyl auf den Markt. Dies zeigt ganz klar, dass man mit Vinyl nicht nur die angestammte, ganz offen gesagt etwas ältere Kundenschicht anspricht, sondern durchaus auch die Jugend, die zunehmend die Vorzüge einer guten Vinyl-Pressung zu schätzen weiss.

Auch wenn es eingefleischte Vinyl-Fans nur ungern zugeben, es ist nicht nur die bessere Klangqualität, die für Vinyl spricht, wenngleich sich allein darüber vortrefflich stundenlang diskutieren ließe. Was wirklich den ganz besonderen Reiz einer Schallplatte ausmacht, ist die geradezu rituelle Handhabung, die Eleganz und Perfektion eines Schallplattenspielers. Hier läuft nichts auf Knopfdruck, man zelebriert förmlich das Auflegen der Platte, beobachtet begeistert, wie der Tonarm sanft auf die Schallplatte herabsinkt und genießt den warmen, vollen und ausgewogenen Klang, den auch ein paar Knackser und ein gelegentliches Britzeln und Knistern nicht stören können.

SACD und DVD-Audio als Auslaufmodell?

Für die anspruchsvolle Klientel stehen mit DVD-Audio und SACD seit langem zwei Formate zur Verfügung, die eine deutlich bessere Qualität als herkömmliche Audio-CDs bieten. Die höhere Auflösung erlaubt eine größere Dynamik und deckt einen größeren Frequenzbereich ab, zudem bieten die beiden Formate den Vorteil, dass sie auch Mehrkanal-Aufnahmen erlauben.

Allerdings konnten sich beide Formate nie wirklich durchsetzen. Inzwischen gibt es nahezu keine Neuveröffentlichungen mehr auf DVD-Audio, und auch Freunde der SACD werden nur noch von kleineren Labels mit neuem Nachschub für ihre Sammlung versorgt. Die großen Konzerne haben sich längst aus diesem Segment verabschiedet.

In den letzten Monaten sind immer mehr Anbieter stattdessen dazu übergegangen, Aufnahmen nicht nur in herkömmlicher Form auf Datenträger auf den Markt zu bringen, sondern ihren Kunden Audiodaten in der bestmöglichen Qualität als Download anzubieten.

So stehen z. B. im Webshop des schottischen Labels Linn Records zahllose Aufnahmen nicht nur im datenreduzierten Format MP3 sowie im WMA- und FLAC-Format mit 16 Bit und 44,1 kHz zur Auswahl, das Label bietet darüberhinaus die Option, das Material auch in sogenannter Studio Master-Qualität mit einer Datenrate von 96 kHz und einer Auflösung von 24 Bit im WMA- oder FLAC-Format herunterzuladen.

Ebenfalls bei Linn im Online-Store werden die Aufnahmen des deutschen Labels Acousence angeboten. Diese Aufnahmen stehen sogar mit 24 Bit und 192 kHz zur Verfügung. Als Alternative kann man sich diese Aufnahmen aus der Living Concert-Serie auch in altbewährter Form auf CD, DVD und DVD-ROM liefern lassen. Auch der deutsche Vertrieb Sieveking Sound bietet einige Aufnahmen des amerikanischen Labels Reference Recordings als sogenannte HRx Master an, wobei hier die hochauflösenden Daten im WAV-Format auf DVD-ROM zu finden sind. In diesem Zusammenhang muss man auch das norwegische Label 2L anführen, die, so wie einige weitere Anbieter, derzeit stetig ihr Download-Angebot um hochwertigste Aufnahmen mit hohen Datenraten und 24 Bit, teils sogar im Mehrkanal-Ton, erweitern und dieses als Alternative zur Distribution auf herkömmlichen Datenträgern sehen.

Mit dem stetig wachsenden Angebot an hochwertigen Streaming-Lösungen wird also auch der Download von digitalen Inhalten im Hochbit-Format interessant. Denn gleichgültig, ob SACD oder DVD-Audio, diese Formate können nur auf den entsprechenden Playern abgespielt werden und erlauben keine darüber hinaus gehende Nutzung des Materials. Es ist also klar abzusehen, dass die ohnedies nie wirklich relevanten Formate DVD-Audio und SACD weiter an Bedeutung verlieren und sicher sehr bald von entsprechenden Download-Angeboten zur Gänze ersetzt werden.

Blu-ray als neues Format für höchste Qualität?

Dieses Schicksal könnte auch der eben erst vorgestellten Pure Audio Blu-ray blühen. Die Befürworter dieses neuen Formats, das eigentlich gar kein neues Format ist, sehen in der Pure Audio Blu-ray eine weitere Möglichkeit, um Musik in erstklassiger Aufnahmequalität und hochauflösenden Formaten zu etablieren. Dazu nutzen sie ein vollständig zur normalen Blu-ray kompatibles Format, verzichten aber auf Videoinhalte und stellen die gesamte Speicherkapazität des Datenträgers ausschließlich der Musik zur Verfügung. Gesteuert wird die Wiedergabe wie bei einer normalen CD und die Tonspur wird über die Farbtasten der Fernbedienung ausgewählt. Für die Wiedergabe einer Pure Audio Blu-ray ist also kein Fernseher erforderlich.

Die Blu-ray ist auch ein Hoffnungsmarkt für die Big Player in der Musik-Branche, und damit sind wir wieder beim Massenmarkt angelangt. Denn Konzertmitschnitte in höchster Qualität und mit gestochen scharfen Bildern haben schon ihren Reiz. Zumeist vermitteln sie - zumindest wenn es um die Ton- und Bildqualität geht - ein weit besseres Live-Feeling, als wenn man eng gedrängt in den Zuschauermassen beim Konzert vor Ort ist, und sich nur über die schlechte Saalakustik und die angetrunkenen Menschen ärgert, die die Sicht auf die Bühne verstellen.

Zudem erfüllt die Blu-ray einen weiteren, für die Musikindustrie sehr wichtigen Aspekt: bislang hat sich die Blu-ray als überaus sicher gegen unerlaubtes Kopieren gezeigt. Dies liegt aber keineswegs an den ach so tollen Kopierschutzmechanismen, als vielmehr an der Datenmenge dieses Speichermediums und der noch immer relativ geringen Verbreitung. Die Möglichkeiten einer Blu-ray sind allerdings sehr eingeschränkt, denn eine Blu-ray kann wieder nur auf einem entsprechenden Player abgespielt werden. Die auf diese Weise erworbenen Inhalte können derzeit in keinster Weise für andere Lösungen - Streaming oder mobile Anwendungen - genutzt werden. Und hier kommen wieder die Vorzüge von Download-Angeboten ins Spiel. Zumindest in den USA hat Apple im iTunes Store bereits den nächsten Schritt vollzogen und bietet Filme nicht nur in Standard-Auflösung (annähernd DVD-Qualität), sondern auch in High Definition an. Somit ist auch schon der nächste Schritt in der Entwicklung absehbar, der mit ziemlicher Sicherheit der Blu-ray als Nachfolgeformat der DVD keine allzu lange Zukunft bescheren wird.

Fazit

Betrachtet man die Entwicklung der letzten Jahre, so kann man eigentlich nur zum Schluss kommen, dass die Zukunft der Musik-Distribution vor allem im Download-Segment liegt. Und zwar unabhängig vom Qualitätsanspruch. Der Mainstream-Markt ist schon längst fest in den Händen der Download-Anbieter und das Ende der CD ist absehbar. Gleiches dürfte sehr bald auch für all jene gelten, die höchste Ansprüche an die Klangqualität stellen. Auch sie finden im Netz ein immer größeres Angebot für ihre Bedürfnisse. Gleichgültig, ob es nun Massenware oder Feinkost ist, Download-Angeboten gehört also vor allem aufgrund ihrer vielseitigen und flexiblen Einsatzmöglichkeiten ganz klar die Zukunft. Da Speicherkapazität zunehmend kein relevantes Thema mehr ist, dürfte dies nicht nur für Musik, sondern auch für Video gelten.

Einzige feste Größe über all die Jahre ist erstaunlicherweise die Schallplatte mit all ihren „Nachteilen“. Auch wenn dieser Bereich niemals zu seiner einstigen Größe zurückgelangen wird, der ganz spezielle Reiz einer Schallplatte ist eben durch nichts in der digitalen Welt wettzumachen. Und gerade in Zeiten gewaltiger Umbrüche ist ein klein wenig Beständigkeit etwas Wunderschönes.

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